Wie man interpretieren kann

Zwei Zeitungsartikel die zu Herzen gehen sollen, sie sollen die Empathie anregen. Ein Horsd’œuvre des öffentlichen moralischen Ereiferns.

http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/oesterreich/politik/941150_Perfekt-integriert-und-trotzdem-nicht-erwuenscht.html

http://derstandard.at/2000072479684/Familie-trotz-guter-Integration-im-Flughafen-Rueckkehrzentrum

Und dann liest man vergleichend die Gerichtsakten.

https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Bvwg/BVWGT_20151021_W226_2103035_1_00/BVWGT_20151021_W226_2103035_1_00.html

Man könnte meinen man liest 2 verschiedene Lebensgeschichten.

Diese neue Lust an der Empörung in den westlichen Gesellschaften. In Kombination mit einer meinungsbildenden Übermoral.

Es führt zu einer Ideologisierung und Vereinfachung, schlussendlich mündet es in Intoleranz.

Ein Stichwort genügt, vielleicht auch ein Name und die Medien und das Netz verfällt in Schnappatmung.

Felix Baumgartner, Andreas Gabalier, #MeToo, Kickl oder das Schikaneder, Gaskammern oder Konzentrierungen und schon geht’s rund, egal ob Twittercommunity , Postingthreads und althergebrachte Medien.

Es hat etwas Genüssliches sich Aufgeilendes, dieses Phänomen der kollektiven Erregung. Die ultimative Lust des sich Aufregens und Empörens. Die Übermoral dominiert als Platzhirsch. Ergreift die Agora erklärt Plusultra Moralismus und Leitideologie zum meinungsbildenden Monopol.

Alle anderen Meinungen, Gesichtspunkte oder Erwägungen werden diskreditiert, alles selbst die Technik, die Wissenschaft oder ökonomische Probleme werden in moralische Fragestellungen umgedeutet.

Der moralische Diskurs hat ein riesiges Emotionalisierungspotential. Gefühle mobilisieren, sprechen frei vom Nachdenken. Entlasten den Geist. Diese moralischen Normen sind das Thermalbad. Bilden einen Freiraum in dem die Seele des modernistischen Menschen nach Herzenslust munter planschen und wellnessen kann. Es ist keine intellektuelle Vereinfachung der beigetragen wird. Es findet eine extreme Ideologisierung statt. Die Lust der Empörung wird täglich, auf Demos, im Wirtshaus, in Foren, in Geschäften, in der Familie, im Verein, selbst in der Arbeit ausgelebt. Die Arbeit muß ideologischen Sinn machen, sonst zählt sie nicht als Arbeit, trägt nichts zur Work-Livebalance bei.

Die Echo- und Resonanzräume sind grösser geworden. Ereiferung fand früher am Küchentisch zeitunglesend, die Familie vor dem Fernseher, statt. Man empörte sich lautstark am Stammtisch. Unfähige Politiker, die Sozis, die Linken, die Rechten, die Konservativen, die Gstudierten, die Proleten, Die Fabriksbesitzer.

Es war ein physischer Raum, überschaubar und direkter. Heute werden diese Meinungen der Netzcommunity kundgegeben. Auf Restauranttafeln wird die politische Meinung kundgetan. Auf Produkten kleben durchideologisierte Aufkleber. Nur wenn du unseren neuen heißen Scheiß kaufst hat das Kind in Afrika zu fressen. Jeden Tag muss man eine andere Kundgebungsschleife tragen.

Die Globalisierung der Meinung produziert einen Effekt, es treffen Milieus aufeinander überschneiden sich. Früher wären sie gar nicht aufeinandergetroffen, in Meinungsberührung gekommen oder ihre Wege hätten sich nie gekreuzt. Die Stimmung wird enorm aufgeheizt, weil sich die Menschen nicht mehr verstanden fühlen. Das einzig wichtige ist, ich habe eine Meinung . Habe ich keine Meinung dann existiere ich nicht.

Das Motto;

Ich habe meine Meinung also bin ich, und was ich meine das existiert, alles andere ist Fakenews oder Lüge.

Es scheint so als ob man eine Wahl hätte. Die hat man aber nicht. Ein Zurück zu einer mehr oder minder gleichwertigen öffentlichen Meinung, die es noch bis in die 80iger gab, wird es nicht mehr geben.

Die westlichen Gesellschaften werden sich immer weiter fraktionieren, sich tribalisieren: Sich zu Stämmen rückorganisieren, Diese Stämme werden keine Stämme im historischen Sinn sein.

Es bilden sich immer striktere Milieus, die durch religiöse, kulturelle, weltanschauliche, ästhetische und ökonomische Merkmale, Gruppierungen bilden.

Wie friedlich solche modernen Stammesgesellschaften sind, hängt zum grössten Teil vom Wohlstand ab. Unter ökonomischem Druck und Wirtschaftskrise werden solche Gesellschaften sehr schnell gewalttätig, die Empörungssmechanismen und Diskriminierungsgefühle ziehen enorm an. Wohlstand im Gegensatz macht tolerant und liberal.

Vor dem Hintergrund der ökonomischen Wandlungsprozesse ist die soziale Unzufriedenheit im steigen. Herrliche Zeiten für die Empörungsindustrie.

Dieses Aufeinanderprallen von Milieus findet hier und jetzt statt inmitten unserer pluralistischen Gesellschaften die nicht Pluralismus fähig sind.

Man ist nur tolerant innerhalb seines eigenen moralischen Gefüges seiner eigenen Lebensblase. Und ist gleichzeitig extrem intolerant.

Es sind nur die hedonistisch kleinbürgerlichen Aspekte massentauglich geworden, in der Emanzipationsgesellschaft mit ihrem Ideal der individueller Selbstverwirklichung und Offenheit trägt den Keim des Intoleranten, Autoritären.

Niemand möchte ohne Moral leben. Gesellschaften brauchen eine normative Orientierung damit das Individuum funktionieren kann. Man braucht die Gewissheit, zu den Gerechten zu den Guten zu zählen.

Moral wurde ganz einfach aus dem PrivatenIch ins PolitischeWir geworfen und entsorgt, damit wird das Politische moralisch. Und das Moralische zu Müll. Insbesondere im Milieu der Progressisten, der Globalisten, der Linksliberalen ersetzt man die traditionelle Sittlichkeit durch einen abstrakten Humanitarismus.

Das hat einen ungewöhnlichen Vorteil. Die eigenen moralischen Normen die fürs große Ganze bedingend gelten sollen, haben mit der persönlichen Lebensführung nichts zu tun. Es erlaubt hedonistisch-egoistisch und zugleich hoch moralisch zu leben.

Schließlich ist man für Nachhaltigkeit, natürlich gegen die Ausbeutung, für soziale Gerechtigkeit und gegen Diskriminierung. Es kostet weder Mut noch persönliche Anstrengungen. Gerade deshalb macht es geil.

Wenn Journalisten zu Aktivisten werden, verludert ihr Berufsstand (Eugen Sorg)

Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache (Hanns Joachim Friedrichs)

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