Lasst mich mit der Geschichte einer Wette beginnen. Und zwar einer Anekdote aus dem Leben von Ernest Hemingway. Die Legende besagt, dass Hemingway mit einigen Autoren in einem Restaurant saß und wettete, er könne eine Geschichte mit sechs Worten schreiben. Er kassierte von jedem zehn Dollar und schrieb auf eine Serviette: For sale: baby shoes, never worn. Unser Leben ist oft nichts anderes als eine Wette auf die Zukunft.

Wir erzählen einander und uns selbst, was die wahrscheinlichste und was die wünschenswerte Zukunft ist. Und wie aus der Letzteren die Erstere wird. Dann verhalten wir uns in der Gegenwart danach. Wir stehen jeden Morgen auf (jedenfalls die meisten von uns), in der Erwartung, dass jemand oder etwas – ein Mensch, eine Arbeit, ein Schicksal – auf uns wartet und es auffällt, wenn wir liegen bleiben.

Aber was genau passieren wird, können wir nicht wissen. Wir gehen eine Wette ein. Und wir erzählen uns, warum wir etwas tun, damit es uns nicht sinnlos vorkommt. Ein Großteil unserer kognitiven Kapazitäten ist genau damit beschäftigt: eine möglichst stimmige Selbsterzählung zu pflegen. Was passiert morgen, was heute schon wichtig ist? Die Ankündigung von Regen genügt, damit Millionen Menschen eine Jacke oder einen Schirm mitnehmen.

Die Zukunft beeinflusst direkt die Gegenwart, was in der Physik normalerweise nicht vorkommt. Doch eine unsichtbare Kraft scheint von der einen in die andere Zeit zu wirken. Ebenso entgegen allen physikalischen Naturgesetzen scheint es, dass ein Gegenstand durch den Weltraum von einem Planeten auf dessen Mond springt. Aber weil sich die Menschen immer schon Geschichten erzählt haben und ihnen der Mond seit jeher nicht nur ein Fleck am Himmel war, vielmehr ein Sehnsuchtsort oder gleich eine Göttin, wurde die Geschichte irgendwann wahr. Nein, sie musste irgendwann wahr werden – und der Mensch auf den Mond fliegen.

Nur wegen einer Geschichte. Die nicht einmal wahr sein wollen muss. Sie muss uns nur etwas sagen. Etwas bedeuten. Unsere Sehnsucht danach, dass sie wahr werde, erledigt dann den Rest.

So haben Geschichten uns den Himmel erklärt, die Furcht vor der Dunkelheit genommen und unsere Schiffe an fremde Küsten und schließlich ins All gelenkt. Geschichten lehren uns, wie man lebt und wie man liebt. Wir wachsen mit ihnen auf und wir werden mit ihnen beerdigt. Kaum etwas lässt unsere Augen so leuchten, uns so gebannt zuhören. Und kaum etwas kann uns so tiefgreifend verändern wie eine gute Geschichte.

Doch haben sie uns auch Angst eingeflößt, gegeneinander aufgehetzt, Kriege beginnen lassen und das andere immer wieder zum Feind erklärt. Die an Gewalt wie Entdeckungen reiche Geschichte der Menschheit kann auch als Summe unserer geteilten Geschichten gelesen werden. Beides, das Dunkle und das Helle, hat darin einen festen Platz.

Wenig überraschend erzählen wir uns heute, im Zeitalter demokratisierter Zugänge zu Medien durch digitale Technik, mehr Geschichten denn je. Hier könnte nun eine imposante Aufstellung unbegreiflich hoher Geldsummen folgen, die damit weltweit umgesetzt werden. Ob Facebook oder Instagram, Fisch&Fleisch, TikTok oder dazu noch der oft vergessene Videospielmarkt (der inzwischen fast alle anderen überstrahlt).

Stellt euch einfach die lange Reihe an Nullen vor, die die Fantastilliarden der Erzählindustrie abbilden. Oder überschlagt kurz, wie viele Geschichten Ihr selbst heute schon gehört, gesehen oder erzählt habt. Wir wetten Leute und es waren einige.

Und versucht mal, einen Tag lang keine zu hören oder zu erzählen. Geschichten sind so etwas wie die Atemzüge des Geistes. Wir können nicht ohne sie. In allen Geschichten liegen, wie in diesen russischen Puppen, kleinere Einheiten. Kerne des Erzählten, aus denen unzählige weitere Geschichten sprießen können. Wir nennen sie ›Narrative‹. Sie tragen unterschwellige Botschaften durch die Welt: angebliche Ursachen, Wirkungen, Verbindungen, Konflikte, die wir uns selten vergegenwärtigen und die wir doch immer und immer wieder erzählt bekommen und nacherzählen.

Ein paar Beispiele gefällig? Das erste Narrativ ist millionenfach erzählt worden, es ergibt die erfolgreichsten Hollywood-Filme, steckt in unzähligen Videospielen ebenso wie in politischen Programmen. Es ist uns in Fleisch und Blut übergegangen: Jeder ist seines Glückes Schmied. So lautet das Narrativ des neoliberalen Individualismus, das gleichsam Versprechen wie Aufforderung ist. Wenn jeder Mensch direkten Zugriff auf sein Glück hat, ist im Umkehrschluss jeder für sein ausbleibendes Glück verantwortlich – und sogar für sein Unglück. Und zwar indem er nicht genug ›geschmiedet‹, sprich, hart und gut genug gearbeitet hat. Dass die Strukturen, in denen er schmiedet, für sein Glück mitentscheidend sind, dass nicht jeder mit einem brauchbaren Amboss auf die Welt kommt, dass das Leben manchen Menschen bessere Materialien zum Schmieden mitgibt als anderen – all diese systemischen Faktoren für Glück oder Unglück spielen hierbei keine Rolle. Letztlich geht es zurück auf den frühen Individualismus der alten Griechen und hat unser Denken wie kein anderes geformt.

Und dann ist da natürlich das ewige Narrativ von der Überlegenheit der eigenen Gruppe und der Unterlegenheit der anderen, von deren Schuld an allem Schlechten und dem daraus folgenden gerechten Kampf gegen sie, notfalls bis zu ihrer Auslöschung. Es ist noch älter als die Bibel, vermutlich so alt wie die Menschheit. Es übersetzt unsere niedersten Instinkte, die dunkelsten Seiten unserer Spezies in mächtige Geschichten von gerechtem Zorn und unausweichlicher Gewalt. Es hat tausendundeine Gestalten, taucht etwa als Antisemitismus, als Faschismus, als Misogynie auf. Es wendet sich gegen andere Religionen, Hautfarben und Kulturen. Es tötet und ist selbst nicht totzukriegen, von keinem Gesetz, keinem Kodex, keiner besseren Idee. Warum? Weil uns solch ein Narrativ eine chaotische Welt erklärt. Noch genauer: weil es uns diese Welt so verlockend schlicht erzählt.

Viele dieser Geschichten, die wir einander erzählen, sind nicht nur nicht wahr – sie sind sogar zerstörerisch und gefährlich, schon in ihrer Struktur. Wir, die Autoren, glauben, dass die Schemata, die Beschaffenheit, die Ausprägung und vor allem die eingebetteten Botschaften etlicher unserer heutigen Geschichten letztlich schuld an vielen Miseren unserer Welt sind. Wie kulturelle Gene wurden sie über Jahrtausende von einer Generation, die mit ihnen im Überlebenskampf erfolgreich war, zur nächsten vererbt. Im Grunde erzählen wir uns heute in einer westlichen, fortschrittlichen Gesellschaft schematisch kaum andere Geschichten als die Menschen vor zehntausend Jahren.

Wir haben zwar in den letzten Jahrzehnten Netflix, Dolby Surround, den Kindle und das postmoderne Ende hinzugewonnen (nicht alle würden sagen, dass das echte Verbesserungen waren), doch die Wirkung und die Funktion der Geschichten blieben ähnlich: Die allermeisten von ihnen sollen uns unterhalten und begeistern, erheitern und erhellen.

Die Logiken ihrer Weltdeutung haben jedoch oft genug eine unterschwellige Wirkung auf uns, indem sie uns moralisch disziplinieren und indem sie – besonders heute – Verantwortung mal individualisieren, mal bestimmten Gruppen (Frauen, Juden, den anderen) kategorisch zuweisen. Sie verschieben Verantwortung in die Zukunft, verschweigen oder legitimieren den Raubbau an unseren Lebensgrundlagen. Indem sie unseren oft einander widerstrebenden Bedürfnissen Figuren zuordnen, vereinfachen sie die Welt.

Diese Narrative sind deshalb so mächtig, weil sie nicht nur das Außen, sondern auch unser Innen bestimmen. Und das viel mehr, als den meisten von uns bewusst ist. In der Erzählung durch andere entwickeln wir überhaupt erst so etwas wie einen Geist, eine Idee von Identität. Nahezu alles, was wir heute das ›Ich‹ nennen, stellt sich uns selbst und den anderen als Summe mehr oder weniger stimmiger Erzählungen dar. Wir sind, wer wir auf der Bühne anderer Bewusstseine zu sein glauben, genauer: welche Rolle wir dort von uns erzählen dürfen.

Wenn das Sein dem Bewusstsein folgt und das Bewusstsein von ebendiesen Geschichten auf gewisse Kausalitäten hintrainiert wurde, liegt der Schlüssel zu einem gerechteren Sein im Kern dieser Narrative. Beleuchten und ändern wir Form und Inhalt unseres Erzählens, so beleuchten und ändern wir die Welt – und was es heißt, in ihr Mensch zu sein...

… ich übe heute einen der wundervollsten Berufe dieser Welt aus – ich erzähle den Menschen - Geschichten…

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