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Ich kann mich noch gut an Österreich erinnern. Das ist auch gar nicht so schwer, lebte ich dort schlussendlich auch etwa 35 Jahre. Zugegeben, die ersten Jahre bekam ich beinahe nichts mit von diesem schönen Land, gerade mal Essen und Kacken. Das konnte ich gut. Und das kann auch nicht jeder von sich sagen.

Im Laufe der Jahre entdeckte ich viele, viele spannende Dinge. Die Schulzeit (buäääh!), die Lehre, die Arbeitszeit, die Möglichkeiten von Weiterbildungen (im Kopf): kurzum, nicht nur das selbstständige Beschaffen von Nahrungsmittel und Dach über dem Kopf war wichtig, sondern auch das Erhaschen von vielen, vielen kleinen und vermeintlich großen Dingen.

Hach, ich erinnere mich noch an meine Lieblingsfiguren in meiner Wohnung, die ich regelmäßig mit Liebe abstaubte und die großteils meinem Staubwedel dienten und vielleicht auch meinen Besuchern, denen ich sie mit Stolz zeigte, aber kein Wort duldete, dass diese Figurensammlung nicht schön wäre. Wagte auch keiner. Außer eine Freundin meinte einmal: "Hearst, des schaut aber scheiße aus." Also gelacht habe ich darüber nicht. Lieber waren mir die Leute, die sich das dachten, mich aber mit Schmeicheleien zuschütteten, wie "Wow! Wie atemberaubend schön! Wie toll!" aber insgeheim doch bloß dachten: "Wann stellt sie mir endlich Kaffee und Kuchen hin und außerdem möchte ich jetzt auch von meinen Ausschnitten des Lebens erzählen." Die Figuren hatten bloß für mich einen Wert. Eine gewisse Zeit, bis sie im Keller landeten, weil sie zu schade zum Wegwerfen waren. Und doch zu viel, um alle aufzustellen.

So vieles kam in den Keller. Dafür hat man den schlussendlich: für Werkzeug, Fahrzeug und alles mögliche Krimskrams, was man nicht mehr braucht. Wie froh war ich, nicht noch einen Dachboden zu besitzen, um dort auch noch Schätze zu lagern, die insgeheim gar keine Schätze mehr waren, jeglich nur meinen Trennungsschmerz linderten, indem ich verrückter Weise die Gedanken aufbringen konnte: Da war doch noch irgendetwas, das habe ich doch noch irgendwo.

Ich hatte schon noch etwas Wertschätzung in mir. Zum Beispiel beim Essen. Wurde mir auch jahrelang eingetrichtert, dass ich aufessen sollte, denn woanders haben sie nicht so viel zu Essen. Welch Ironie! Mein Bauch wurde größer und die Kleidungsstücke sowieso. Anpassung an den Körper nennt man das. Oder ich nenne das so. Umgekehrt wäre fatal, bisschen Diät halten, ja das mache ich schon mit, ist ja schlussendlich gesellschaftlich anerkannt und man tut etwas. Über Diät reden. Und dieses "Ich muss unbedingt ..." Ich liebte diesen Satzbeginn. Fragte jemand: "Na, Lust auf einen Kaffeetratsch?" Konnte ich getrost antworten: "Du das geht gerade nicht, ich muss unbedingt noch ..." Auch meinen eigenen Gedanken sagte ich das stets. Sagte mir mein Kopf: "Du eine Auszeit wäre jetzt wirklich angebracht, ich bin schön langsam ausgelaugt." Dann sagte ich meinem Kopf: "Du ne, sei still, ich muss unbedingt ..."

Hach, es war auch irgendwie schön, denn ich war niemals alleine mit diesem "ich muss unbedingt ..." Viele andere in meiner nahen Umgebung dachten genau so wie ich! Und von den meisten von uns war der Freund Psychotherapeut, der als Ausgleich etwas aus unserer Geldbörse brauchte. Aber er hörte uns zu und bestätigte unsere Bedürfnisse. Also zumindest hatte ich noch keinen Therapeuten gehört, der sagte: "Du, deine Hose sieht aber scheiße aus. Zieh dir etwas anderes an, wenn du in meine Praxis kommst. Das geht aber rein gar nicht!" Schwups, hat er schon einen Elternpart übernommen. Denn wenn man sich Eltern aussuchen könnte, dann nicht welche, die einem die Kindheit versaut haben, sondern solche, die knapp 100 Euro die Stunde verdienen und einem zuhörten und diese ganzen Elternratgeber befolgen. Wir wollen ja alle betätschelt werden. Fremde Meinungen wären ja dermaßen uncool. Da gehen wir in Proteststellung! Das wollen wir nicht. Wir brauchen jemanden, der uns versteht. Und das mit einer Portion Gefühl, andernfalls läuten bei uns die Alarmglocken und bekommen unwohle Gedanken, wie: "Der Gegenüber meint das jetzt bestimmt nicht ernst."

Alles Kram in den Keller und die Wertigkeit des Menschen in eine tote Hülle verpackt und auf gehts! Rackern, suchen, Ziele setzen, hoch hinaus! Aber wohin denn? Große Ziele, kleine Ziele, wer definiert denn das?

Meine Sichtweise der Lebensumstände hat sich schlagartig geändert, als ich nach Bulgarien kam. Im Kopf immer diese großen Barrieren: du musst, du darfst nicht und alle starrten mich an, als wäre ich verrückt. Das war ich sogar gewohnt! Denn auch in Österreich war das großteils so. Ein Ziel, welches für andere unvorstellbar ist - schwupps, schon kommt der Klassiker: "Jetzt dreht sie völlig durch." Diese vermeintliche Hilfsbereitschaft, die durchaus verständlich ist, wenn man die Person lieb gewonnen hat, entpuppt sich dann meist als eigener Ratschlag, den Weg doch beizubehalten und es so zu machen wie der andere. Denn Individualität ist nicht drin. Und das können wir in Zeitschriften gut erkennen, wenn wir uns 12 Kategorien von Tageshoroskopen ansehen und der Großteil, der dem einen dieser 12 Sternzeichen entspricht, aufschreit: "Oh mein Gott! Das stimmt doch!"

Hier habe ich die Bedeutung von Heimweh bekommen. Ich kannte dieses Gefühl nicht. Bis ich hier von meinen Träumen zu berichten begann: "Dieses Land wäre es noch wert, anzusehen und jenes Land und ich habe noch so wenig gesehen!" und ich schlussendlich nach zwei Tagen etwa 50 km weiter weg von meinem Zuhause enormes Heimweh bekam.

Ich erinnere mich noch genau, als ich mit Freunden, die ähnliche Vorstellungen wie ich haben, einen Tag verbrachte und wir von Touren schwärmten und kurz darauf jammerten, dass wir nach Hause wollten. Das Gefühl des Heimwehs bekam ich hier.

Wir können gar nicht sagen, dass es uns schlecht geht. Wir haben nur andere Aufgaben: keine Dinge mehr im Keller stappeln, sondern einfach nur um das Überleben kämpfen. Das verschafft für andere, die das nicht wirklich kennen, einen immensen Respekt vor solchen Menschen, weil es eine gewisse Einfachheit in sich trägt. Doch realistisch betrachtet kämpfen wir alle auf der ganzen Welt nur um das eine: um das eigene Überleben, bis wir sterben. Eigentlich fatal und für viele wird dieser Gedanke ein NoGo sein, aber wenn wir uns diesen Gedanken erst einmal bewusst machen: Überlebenskampf um schlussendlich doch zu sterben - kann man sich daraus sehr vieles ziehen. Wie zum Beispiel bei Aktionen, die man eigentlich gar nicht mag: "Was mach ich da eigentlich? Das will ich doch gar nicht!"

Von der vermeintlichen Sicherheit in diese Welt der Armut: kann ich behaupten, dass es ein nach unten ist? War ich oben? Nein, es ist einfach anders. Eine Zeit kämpft man irrsinnig mit sich selbst, weil es viel zu verlieren gibt. Diese Dinge im Keller. Und schlussendlich kommt man auf diese Idee: Du hast nur Angst, etwas zu verlieren, wenn du etwas zu verlieren hast.

Der Kampf mit den eigenen Gedanken, diese inneren Wege finden, diesen Halt, obwohl man selbst weiß: egal wo, nur du selbst kannst dir diesen Halt geben, auch wenn andere da sind, helfen oder sonstiges: es ist dein Leben und nur du selbst kannst dein eigenes Leben leben.

Dieses neue Lernen, wie enorm wichtig eine Gesellschaft sein kann, das soziale Verhalten der anderen, wenn gar nichts mehr geht, das Ideen finden, wenn man nichts verpacktes aus dem Supermarkt erhaschen kann, weil man dafür keinen Austausch in der Börse hat oder wie dankbar man für sauberes Wasser ist und wenn nicht, dann dankbar für die Ideen, wie man sauberes Wasser herstellt - dieses neue Lernen kann einem schwer fallen, wenn alles erreichbar und selbstverständlich war. Selbst bei Krankheiten das Stoßgebet in den Himmel: bitte, jetzt bloß keinen Arzt, ich kann es mir nicht leisten. Und glauben Sie mir. Selbst der größte Atheist beginnt, wenn er jegliche Hoffnung verloren hat, den Glauben wieder zu finden und betet irgendetwas an irgendetwas höherem, ihm doch ein klitzekleines bisschen Glück zu bescherren.

Ich könnte meine Gedanken unendlich in die virtuelle Welt hinaustragen, aber ich denke, für heute sind sie genug.

Eines verstehe ich nun wesentlich besser, als zu der Zeit, wo für mich das Fremde noch das Fremde war. Menschen, die verstehen, was Armut heißt.

Und da kommt auch sogleich die eine Empfehlung: www.hifa.at - Danke!

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pirandello

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berridraun

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