Ich habe eine fünfjährige Nichte. Einmal pro Woche habe ich das Vergnügen, mit ihr die Zeit verbringen zu dürfen. Auf der Gartenschaukel schafft sie es dank meiner Hilfe jedes Mal neue Höhenrekorde aufzustellen und wir sind uns beide sicher, dass sie eines Tages so hoch schaukeln wird, bis sie über alle Häuserdächer blicken kann.

Beim Memory ist sie natürlich unschlagbar und auch beim Versteckspiel findet sie immer die gefinkeltsten Verstecke, die ich natürlich schon kenne, aber trotzdem immer ewig lange suche, um die Spannung aufrecht zu erhalten.

Ihre bevorzugte Kasperlfigur ist der Pezi, den sie immer bei den privaten Vorstellungen zum Besten gibt. Ist man einmal ein schlechter Zuschauer und reagiert nicht sofort auf die Fragen, die der Pezi dem Publikum stellt, dann wird man gleich persönlich von ihr ermahnt, dass man schneller antworten soll.

Es gibt auch fünfjährige Mädchen, die nicht diese Idylle einer Kindheit genießen dürfen. Im „Münchner Terrorprozess“ wird Jennifer W. beschuldigt, nichts unternommen zu haben, als ihr Mann eine fünfjährige jesidische Sklavin, wie einen Hund bei sengender Sonne im Freien angekettete und sie jämmerlich verdursten ließ. Die Qual dieses Mädchens kann ich mir bildlich vorstellen. Ein unschuldiges Geschöpf im Todeskampf, weinend und schreiend vor Verzweiflung, was nicht ergründen kann, wieso es diese Schmerzen auf sich nehmen muss.

Es gilt natürlich die Unschuldsvermutung. Allerdings sind die Gräueltaten im selbsternannten Kalifat des IS mittlerweile recht gut dokumentiert und die schockierende und brachiale Gewalt wird erst im Laufe der Prozesswelle gegen die IS-Rückkehrer ersichtlich werden, wenn die Beweise für eine Anklage ausreichen sollten. Es handelt sich hier keineswegs um Einzelfälle, denn die systematische und äußerste Brutalität ist in der Ideologie des IS verankert und ein wichtiger Bestandteil der Kriegsführung sowie ein wesentlicher Faktor für die Etablierung des Kalifats. Eine bestehende Ordnung wird durch extremen Terror und rohe Gewalt ins Chaos gestürzt, um eine neue Ordnung zu schaffen. Bei den verheerenden Selbstmordanschlägen und fürchterlichen Massakern an der Zivilbevölkerung waren europäische Dschihadisten an vorderster Front und teilweise am skrupellosesten und sadistischsten in der Ausführung zahlreicher Verbrechen. Frauen waren zwar nicht unbedingt an unmittelbaren Kriegshandlungen beteiligt, jedoch wurden sie als Sittenwächter und Spitzel eingesetzt. Ich möchte nicht wissen, für wie viele Steinigungen, Folterungen und und andere Bestrafungen sie indirekt verantwortlich sind.

Ich möchte keinesfalls die Täter dämonisieren, aber mir platzt der Kragen, wenn Frauen des IS ganz kühl behaupten, sie hätten sich nur um den Haushalt gekümmert und die Kinder großgezogen, und hätten nichts von all der Grausamkeit mitbekommen. In diversen Dokus wird gezeigt, wie verzweifelte Eltern versuchen, ihre „Kinder“ aus den kurdischen Gefangenenlagern in die Heimat zurückzuholen, ohne zu bedenken, dass diese Kinder die Stützen des Kalifats waren und eventuell noch sind. Sie waren zunächst Opfer einer Ideologie und wurden dann zu Tätern. Sie bereuen meistens nur die momentane Situation, in Gefangenschaft zu sein, und sehnen sich nach ihrer Familie. Zu einer kritischen Selbstreflexion sind sie noch nicht im Stande und manche werden es wohl nie sein. Deradikalisierung klingt zwar immer recht nett, aber sie funktioniert nicht immer. Manche werden als tickende Zeitbomben unter uns leben und wenn dann was passiert, wird man wieder vom großen „Behördenversagen“ lesen und hören. Sie wurden Opfer geistiger Brandstifter und wurden selbst zu welchen, indem sie an der Rekrutierung neuer IS-Frauen mitgewirkt haben. Natürlich pauschalisiere ich hier und jeder Fall muss einzeln geprüft werden. Doch der mediale Diskurs ist mir meiner Meinung nach zu einseitig in der Hochhaltung europäischer Werte, wenn man sich der Tragweite der Abscheulichkeiten bewusst wird, die im Namen einer kranken Ideologie vollstreckt wurden.

Abschließend möchte ich noch ein Beispiel bringen. Stellen wir uns vor, dass hundert bis hundertfünfzig Neonazis in ein fremdes Land reisen, um sich dort einem neu entstandenen „Dritten Reich“ anzuschließen. Es werden furchtbare Verbrechen und Massaker an der Zivilbevölkerung begangen und auch ein fünfjähriges Mädchen als Sklavin gehalten, welches elendig in der prallen Sonne angekettet seinem Schicksal überlassen wird und fürchterlichst ums Leben kommt. In dem Fall ist das Menschenleben aus rassistischen Gründen nichts wert. Beim IS ist es aus „religiösen“ Motiven nichts wert. Nachdem der Traum vom Reich geplatzt ist, kommen die Hilferufe aus den Gefangenenlagern, dass die europäischen Länder doch bitte wieder ihre Staatsbürger zurückholen sollten. Nach der medialen Empörung von Parteispenden an die Identitären, kann ich mir vorstellen, dass in so einer Situation die europäischen Werte nicht mehr dazu dienen werden, um eine rasche Rückholung zu ermöglichen. Ich kann mir viele Linksintellektuelle vorstellen, die sich für drakonische Strafen vor Ort, also am Schauplatz des Verbrechens, aussprechen würden.

Zum Glück sind wir von so einer Dystopie weit entfernt und sie sollte nur eine andere Perspektive auf die Sicht der Dinge liefern. Zumindest empfinde ich es so, dass wir in erster Linie von Tätern sprechen sollten und nicht von Opfern einer Ideologie. Jeder, der in ein Kriegsgebiet reist, um dort den Terror zu unterstützen, ist ein Täter. Das Ausmaß der Schuld wird sich in den einzelnen Prozessen herausstellen, aber als schuldlos sollte sich niemand bezeichnen dürfen. Und schon gar nicht darf man hier nur von Opfern ausgehen.

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