Ich glaube, die Moral zwingt die Gesellschaft zu individuellem Altruismus, auch kooperativer Egoismus genannt, wobei die zweite Definition passender ist. In dem Moralgebilde ist das richtige Handeln exakt definiert, jedoch nur von einer kleinen Elite umsetzbar, welche den gesellschaftlichen Diskurs bestimmt. Abweichendes Verhalten wird sofort vom Radar erfasst und ohne Rücksicht auf Verluste in und von den (sozialen) Medien torpediert.

Möge die Selbstverwirklichung gleichzeitig den Egoismus und den Altruismus fördern, so überwiegt der auf Moral begründete Egoismus. Der Altruismus erscheint mir imaginär, in leere Worte verpackt, welche das Handeln und die eigens auferlegte oberste Maxime, nur zu sinnentleerten Phrasen degradiert.

Als aufmerksamer Beobachter meiner Generation vermag ich eher die Schattenseiten zu erkennen, die mir irgendwie Unbehagen bereiten. Die moralische Selbstdarstellung nimmt groteske Züge an und jede moralische Instanz wird zur Karikatur ihrer selbst. Ich habe jetzt nur mal die Selbstdarstellung meiner Generation auf FB, Tinder und Co im Kopf, welche den Verfall der Gesellschaft durch den horrenden Drang, das eigene Selbst ganz makellos der Öffentlichkeit zu präsentieren, und diese Makellosigkeit wird nicht nur sich selbst, sondern auch den Mitmenschen auferlegt. Wie gesagt, ich rede jetzt nur von einer kleinen Elite, die jedoch den bestimmenden Ton angibt. Ein Foto mit dem Buch Ulysses von James Joyce unter dem Arm, repräsentiert den selbst vermuteten üerlegenen Intellekt und das hohe literarische Niveau, auf dem man sich selbst in höheren Sphären wähnt. Gleichzeitig darf ein Foto, knapp bekleidet mit makelloser Statur, irgendwo an einem fernen Ort, an dem man mal war, ganz ohne den Selfiestick vergessen zu haben, nicht im Repertoire eines moralisch überlegenen Menschen fehlen.

Woher kommt der Drang, sich bei jedem Urlaub selbst zu exhibitionieren und sich selbst vor verschiedensten Sehenswürdigkeiten in lächerlicher Manier abzubilden, um es der Allgemeinheit mitzuteilen? Will man die schönen und intimen Momente mit der Mehrheit teilen, weil eine tiefe Einsamkeit doch überwiegt, oder will man einfach nur dazugehören und angeben? Erst neulich beobachtete ich Touristen beim Springbrunnen am Schwarzenbergplatz, wie sie vom Brunnenrand viele Male in die Luft sprangen, um ja den perfekten Schnappschuss machen zu können. In all der Zeit hatten sie stets den Rücken zum Brunnen gewandt und ihn keines Blickes gewürdigt. Die Szene hatte schon clowneske Züge, welche für mich als Zuseher zwar amüsant war, aber doch auch irgendwie traumhaft-unwirklich wirkte. Vielleicht erkennt man die Schönheit der Orte erst im Nachhinein auf den Fotos, oder die Orte werden auch dann nicht betrachtet, sondern nur das eigene Aussehen und Handeln, wie in diesem Fall ein Sprung vom Brunnenrand.

Ein Foto mit Löwenbabys oder mit Kindern aus einem Entwicklungsland, die wie Tiere vorgeführt werden, um die eigene Herzlichkeit und Offenheit eines Weltbügers zu unterstreichen, ist ebenso Pflicht.

Doch wie passen nun Selbstdarstellung und Moral zusammen? Wie gesagt, ist der vermeintliche Altruismus, der gern in den Profilen der sozialen Medien präsentiert wird, aus egoistischen Motiven enstanden. Um ein Beispiel zu nennen, eignet sich der aktuelle Protest gegen den Klimawandel. Einmal in der Woche an einem Protest teilzunehmen und sich dabei fotografieren zu lassen, erscheint schon als moralische Pflicht, um bei seinen Facebookfreunden gut anzukommen. Die gleichen Facebookfreunde liken im gleichen Atemzug die Urlaubsbilder der gefühlt hundert Reisen, welche der Klimaktivist im Laufe des Jahres mit Billigfluglinien absolviert. Diesen Kontrast zwischen dem repräsentierten und dem tatsächlichen Ich, welches Wasser predigt und Wein trinkt, bezeichne ich als den auf Moral begründeten Egoismus.

Freunde sammelt man wie Briefmarken und legt sie in einer Schublade ab, wenn ihr Nutzen nicht mehr vorhanden ist. Vielleicht werden sie ja in naher Zukunft doch noch was wert sein, man weiß es nicht. Ein Sittengemälde unserer Zeit ist ebenso die Abscheu gegenüber des Negativismus und die Emporhebung des positiven Denkens, und jeder der nicht in good mood wie in einer Totenstarre verharrt, der begeht schon den ersten Schritt in die Isolation, fernab des Paradieses, welches sich wie gesagt um ein imaginäres handelt, und nicht weit vom Abgrund entfernt liegt.

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