Ich traute meinen Augen nicht, als ich dann auch noch einen NZZ Artikel, eine Kolumne, lesen durfte. Ist schon Weihnachten?

"Angesichts der medial inszenierten Moraleruptionen der letzten Monate kann man sich des Eindrucks nur schwer erwehren, dass dieses Gefühl für das Angemessene verloren gegangen ist."

Man hats übertrieben, die Bodenhaftung verloren. Das rechte Mass ging den Bach runter. Nur ganz wenige schwimmen noch auf dieser Welle und für diese paar restlichen gibts einen Aristoteles zu lesen:

"Das Tugendhafte, so bestimmte es noch Aristoteles, ist stets das Mittlere zwischen Extremen. Das rechte Mass, das Angemessene galt dem antiken Denken deshalb noch als zentrale Kategorie der Ethik."

Das Mittlere der Extreme ist das Tugendhafte - nicht das Linksaussen, dass auf Rechtsaussen Gift und Galle speit und dabei keine Unterschiede mehr macht.

Aber Herr Liessmann geht noch weiter:

"Keine Frage: Auch jenseits strafrechtlich relevanter Taten kommt es zwischen erwachsenen Menschen immer wieder zu unangenehmen Aktionen, Belästigungen, Beleidigungen, Übergriffen und verletzenden Gesten oder Handlungen. Da gibt es nichts zu beschönigen oder zu rechtfertigen. Verbale Entgleisungen oder plumpe Annäherungsversuche – Handlungen, die man mitunter auch als schlechtes Benehmen klassifizieren könnte – mit der Ausnützung von Abhängigkeitsverhältnissen, Demütigungen und physischer Gewaltanwendung gleichzusetzen, zeugt jedoch von einem Verlust der Massstäbe, an denen das Verhalten von Menschen gemessen und bewertet wird."

Annäherungsversuche sind nicht gleich Demütigung und PHYSISCHE Gewaltanwendung. Damit hat er recht. Mir ist ein Rätsel, warum der so etwas sagen darf.

Dann kommt noch ein Schäufelchen nach:

"Kommt hinzu, dass ohne jede Beweisführung allein durch eine mediale Vorverurteilung und den dadurch erzeugten Druck Menschen an einen virtuellen Pranger gestellt und entsprechend bestraft werden; es beginnen sich einige Prinzipien des Rechtsstaates zu verkehren: Ein Verdacht gilt dann schon als Beweis, Ereignisse, die Jahre, auch Jahrzehnte zurückliegen und für die es oft keine Zeugen gibt, entscheiden über Reputation und Karrieren, und im Zweifel spricht alles gegen den Angeklagten. Dass manche Anschuldigungen gerade dann erhoben werden, wenn es politisch opportun erscheint, darf dann auch nicht weiter irritieren."

Er nimmt die #metoo Aktion her und vergleicht sie mit einem juristischen Parallelsystem. Obendrein eines das instrumentalisiert wird.

"Die ästhetische Beurteilung von Kunstwerken oder künstlerischer Tätigkeiten hat wenig mit der moralischen Beurteilung ihrer Protagonisten zu tun. Dass Filme zensiert werden, weil sich ein Hauptdarsteller widerwärtig verhalten hat, dass Gedichte einem moralischen Verdikt verfallen, weil es jemand für anstössig erachtet, dass in einem poetischen Text von Alleen, Blumen, Frauen und einem Bewunderer die Rede ist..."

Warum ein Film oder eine Serie nicht gebracht wird, nur weil ein Darsteller sich nicht im Griff hat, ist mir sowieso ein Rätsel. Ich meine wir sperren ja Mr Hopkins nicht weg, weil er den Hannibal mimt. Komplett verrückte Zeit. Oder gar das Verbieten von Texten, weil bestimmte Blumen vorkommen oder gar - und das ist mein Favorit:

"...dass «Dornröschen» aus dem Verkehr gezogen werden soll, weil der Prinz das schlafende Mädchen ohne dessen Einwilligung durch einen Kuss erlöst,..."

allen ernstes... Dornröschen? #metoo ich wurde geheilt und wachgeküsst? Es gibt Dinge, von denen will man gar nichts wissen. Statt auf den virtuellen Prinzen loszugehen, könnte man die Glaubensextremisten, die ihre Frauen als Gebärmaschinen missbrauchen und daheim einsperren, aufklären in welchem Jahrhundert wird heute leben.

"...dass Klassiker der Weltliteratur umgeschrieben oder mit Warnungen versehen werden, weil sie oder ihre Autoren unseren hypertrophen Vorstellungen von Reinheit und Korrektheit nicht entsprechen..."

Dieses Verhalten ist ein Anzeichen von Neurose und Besessenheit.

Schliessen möchte ich mit den Worten von Herrn Liessmann, weil er so dermassen dicht und konkret schreibt, dass ich armseliger Wurschtel da sowieso nicht rankomme:

"Nein, wer es mit der Moral ernst meint, kann diese von der Frage des rechten Masses nicht trennen. Das gilt auch für das Mass jener Empfindlichkeit, die wir heute gerne zur Grundlage unserer Beurteilung von Menschen und Dingen machen. Eine masslose Moral ist keine Moral. Gerade wenn es uns um Gerechtigkeit geht, müssen wir lernen, auf eine moralische Art moralisch zu sein."

Wir müssen die "Moral" wieder in den ehemaligen Begriff der Moral zurückführen. Amen.

https://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/masslose-moral-ld.1335743

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nzerr

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huflattich

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