Sucht - eine pathologische Form von Lernen? Neues Licht auf die vermeintliche Harmlosigkeit von Cannabis.

Von der Harmlosigkeit der Drogen

Ich hab in letzter Zeit zu viele Blogs über die göttliche Pflanze Hanf gelesen. Wie wertvoll und wichtig das Rauchen von Marihuana für Gesellschaft, Körper und Leben ist (als Erholung, nachdem in in der Arbeit wie eine reife Zitrone ausgelutscht wurde). Naja, jetzt nicht mit diesen Worten, aber das ist halt das was uns unter dem Deckmantel der medizinischen Notwendigkeit versteckt gesagt wird: Wunderwutzikraut. Dabei wäre das drum herum Gerede gar nicht notwendig. Schreibt doch platt: wir wollen einfach nur high sein, breit sein, stoned sein. Wir können aber jeder Zeit aufhören damit, alles wunderbar. Nur zum Entspannen. Recreation. Nur der „Guten Zeit“, „des Flows“ wegen. Cannabis löst ja auch alle Probleme überhaupt, weltweit, sofort. Weltfrieden. Und das mit Kiffen! Kummer? Kein Problem - zieh dir einen Ofen rein. Krank? Zieh dir einen Ofen rein. Wenn man nur genügend Gras raucht, kann sich der Rauchende von allen - ich wiederhole das VON ALLEN Krankheiten heilen. Keine Risiken. Keine Nebenwirkungen. Keine körperliche Abhängigkeit?

Ich sage da mal: keine Wirkung ohne Nebenwirkungen. Das ist eine Faustregel. Trotz der weiss Färberei stellt Cannabis aber sehr wohl ein beträchtliches Problem für die Zukunft unsere Gesellschaft und für den einzelnen Menschen dar. Das will ich hier aufzeigen - und zwar auf einem gänzlich ungewöhnlichen neuen Weg. Eigentlich durch die Weiter-Interpretation eines National Geographic Artikels, in dem man, politisch komplett korrekt, Drogen (auch Alkohol, Koffein und Nikotin sind damit gemeint) erwähnt, aber Cannabis bewusst (bis auf einen Nebensatz) ausspart. Dabei trifft gerade diese Erkenntnis auf Cannabis zu.

Was genau treibt einen Menschen an sich immer wieder den Kopf zuzuknallen? Ist es der Blackout - die verzerrte Realität? Was ist Sucht?

Der herkömmliche Begriff von Sucht sitzt in unseren Köpfen

Wenn man ein wissenschaftliches Buch über Drogensucht von vor 30 Jahren aufschlägt, dann liesst man folgendes: Sucht ist die Abhängigkeit von einer Substanz. Mit zunehmender Toleranz der Substanz gegenüber, braucht man mehr und mehr, um den ursprünglichen Effekt zu spüren. Genau diese Gewöhnung verursacht dann auch den Entzug. In diesem Sinne konnte Alkohol und Heroin uA perfekt erklärt werden. Aber dieses Modell erklärt nicht die Wirkung von Marihuana und Kokain. Beide verursachen keine körperlichen Entzugserscheinungen. Sollten als kein Problem darstellen. Doch die Toxizität von Kokain ist recht hoch, also werden negative Effekte recht rasch sichtbar. Von Kokain kommt man auch sehr schwer wieder los. Warum? Und sie erklärt auch nicht warum bei Drogensucht so hohe Rate von Rückfällen zu verzeichnen sind.

Neues Licht auf Sucht

Die moderne Erforschung von Sucht, allerdings, zeichnet ein vollkommen neues Bild. In Jahrzehntelanger Forschung an drogensüchtigen Tieren und Menschen hat mit mittels Hirn-Scans ein Modell entwickelt, dass zeigt wie die Sucht ganze Reizleitungsautobahnen und Prozesse, zuständig für das Lustverhalten, Vergnügen, Lernen, Emotionen, und das Erkenntnisvermögen, zerstört, umbaut und so das Hirn umprogrammiert. Sucht verursacht hunderte Veränderungen in der Hirnanatomie, Hirnchemie und Zell-Zell Signalübertragungen - den synaptischen Spalten. Sucht verschweisst die Leiterbahnen im Kopf vollkommen neu - das Denken und Verhalten wird auf den Auftrag zur Befriedigung der Sucht umprogrammiert. Alles andere steht hinten an: Gesundheit, Leben, Familie, Arbeit.

Heilung durch Magnetfelder?

"In diesem Sinne ist Sucht eine pathologische Form von Lernen.", meint Antonello Bonci (Neurologe am US National Institut for Drug Abuse)-

Dass das alles nicht eine wilde Theorie ohne Basis ist, das zeigt er mit Hilfe von Magnetimpulsen, die das Hirn selber live beeinflussen können.

Dr. Bonci hat in Versuchen mit drogenabhängigen Probanden festgestellt, dass besonders eine Region im Hirn beim Triggern/Auslösen der Sucht nicht mehr anspringen: eine Region, die mit dem Inhibieren von Verhaltensabläufen in Verbindung gebracht wird. Diese Region wurde bei 16 Patienten mit Magnetspulen aktiviert. Eine Kontrollgruppe bekam die Standardtherapie für Suchterkrankte (auch 16 an der Zahl). 11 der durch Magnetimpulse und 3 der Standardtherapie waren am Ende der Behandlung am Zeitpunkt 6 Monate danach, immer noch drogenfrei. Ein Proband der neuartigen Umprogrammierung des Gehirns beschrieb das wie folgt: "Für mich war ein eine komplette Veränderung. Ich fühle mich wieder vital und verspüre eine neue Lust zu Leben, die ich seit den Jahren davor nicht mehr empfunden habe."

Das gängige Bild der Funktion von Drogen sitzt in allen Köpfen. Es sitzt in den Köpfen der Politiker. Es sitzt in den Köpfen der Journalisten. Es sitzt in den Köpfen der Menschen. Und wie schon erwähnt: es stammt aus 30 Jahren alten Lehrbüchern. Drogenabhängigkeit ist eine Gewöhnung an Substanzen, die mit einer erhöhten Toleranz gegenüber selbiger einhergeht. Was dabei vergessen wird: Drogensucht ist keine moralisches Vergehen. das man durch politische Erziehung umfärben kann - denn es ist tatsächlich eine Krankheit! Diese Krankheit wird NICHT durch physische Abhängigkeit verursacht. Sie ist charakterisiert durch einen zwanghaftes Wiederholen und Durchführen einer lebenszerstörerischen Handlung. Sucht braucht demnach keine psychoaktiven Substanzen, um zu entstehen. Sucht braucht auch keine körperlich abhängig machenden Substanzen um zu entstehen und genau deshalb ist Cannabis NICHT harmlos. Diese fundamental veränderte Sichtweise von Sucht wurde vom Handbuch für Psychiatrie übernommen: Spielsucht in etwa wurde in die lange Liste eingeordnet. Aber Spielen ist nicht die einzige Aktivität, die im Kopf wirkt: Shoppen, Zucker, Smartphone, … Cannabis…

Der Mensch ein Belohnungsdetektor

Anne Rose Childress von der Universität von Pennsylvanias Center for Studies of Addiction führt dieses Problem auf die Evolution, die Biologie, des Menschen zurück. Sie meint, dass wir als Ganzes Belohnungsdetektoren sind. Zu diesem Schluss kam sie durch Untersuchungen von zahlreichen Süchtigen mittels MRT Scanner. Childress visualisierte den Moment der Lust auf die Sucht. Das interne Belohnungssystem treibt uns dazu genau das zu suchen, was wir momentan auch wirklich brauchen. Es ist dabei so hochsensibel, dass Geruch, Geräusche, Bilder unterbewusst wahrgenommen/sondiert werden. Auf diese Weise erkennen wir Muster (Pattern), die uns den Weg zu genau den Dingen weisen, die wir brauchen. In der Natur, in der Umwelt, war das einst Überlebenswichtig. Aber im 21. Jahrhundert wird das System 24/7 gereizt. Nicht nur das es wird absichtlich durch Industrie und Werbung ausgenutzt, sodass es nicht mehr richtig im Sinne des Erfinders arbeiten kann.

Eine zentrale Rolle hierbei spielt das Molekül Dopamin. Dopamin-Spitzen im Gehirn misst man dann, wenn das Belohnungssystem getriggert, angesprochen, wird. Das ist normal und in jedem von uns zu finden. Aber eine Sucht kennzeichnet stark überhöhte Dopamin Spitzen, bei Sucht motivierenden Reizen: der Anblick eines Ofens etwa, Gerüche, weisses Pulver, Musik, Bilder, was auch immer. Man kann also sagen, dass jegliche Art von Drogen diesen starken Dopamin Peak auslösen. Das Molekül scheint der kleine Teufel in unseren Gehirnen zu sein.

Wie stark Dopamin in uns wirkt kann man an einem Parkinson Medikament, das Dopamin imitiert sehen: 14% der Patienten, die das Präparat nehmen werden süchtig (Spielen, Pornos, etc.). Einige Patienten wurden rücksichtslos gut. Sie verschenkten mehr als sie hatten und das an wildfremde Menschen. Dopamin ist also ein sehr mächtiges Molekül. Das widerwärtige daran ist, dass dieses System auch unterbewusst funktioniert: etwa kann durch Bilder, die nur 33 msec gezeigt werden (ein Frame in einem Video), die Lust auf Kokain in Patienten entfachen kann (oder eben die Kauflust, Spielsucht, etc.). Genauso, wie die Lust plötzlich aufsteigen kann, wenn man sich in seiner Gewohnten Umhebung bewegt (in einer Partyszene).

Das Hirn ist bekanntlich mehr als nur das Belohnungszentrum. Es gibt hier auch eine Art Risikoabschätzung, Vernunft, usw. Es gibt Mr Spock im Kopf. Wieso aber sind die Gelüste stärker als diese Kontrolle?

Der Mr. Spock in unserem Gehirn

Rita Z. Goldstein, Professor für Psychiatrie, geht dem mit MRI Untersuchungen auf den Grund.

Während eines Trigger Reizes stellen sich Patienten vor, was alles in ihrem Leben durch die Droge schief lief. Goldstein aktiviert so den Antagonisten der Lust und lichtet diesen ab. Sie sucht den Link vom Belohnungszentrum zum präfrontalen Kortex. Der Moment der Sucht soll mittels Selbstkontrolle, Urteilsvermögen und andere kognitive Funktionen unter Kontrolle gebracht werden. Sie kam zum Schluss, dass die Belohnung zwar enorm wichtig ist, vor allem am Anfang einer Sucht, aber auch die Antwort auf diese spielt eine Rolle. Menschen verwenden Drogen oft deshalb, weil sie sich generell miserabel fühlen und später einmal auch weill sich sich Miserabel fühlen, wenn sie einmal keine Drogen nehmen. Goldstein entwickelte so das iRISA Modell für Sucht (Impaired Response Inhibition and Salience Attribution). Es erklärt Sucht auf folgende weise: Die Wahrnehmung eines Menschen auf dem Weg in die Sucht ist wie eine Kamera die viel zu nahe auf ein Objekt zoomt. Es verschwindet alles andere aus dem Sichtfeld, bis auf, in dem Falle, die Droge(n). Während dieser Phase der „Blindheit“ für anderes, verliert das Gehirn die Möglichkeit der Inhibierung der Triggerreizleitung. Diese Veränderung im Gehirn hat auch physische Folgen. Kokain abhängige Menschen leiden an einer Verkleinerung der Grauen Masse im präfrontalen Kortex. Das hat Einfluss auf die Möglichkeit der Aufmerksamkeit/Achtsamkeit - rein physisch bedingt und es werden andersartige Belohnungen oder Warnungen asser Acht gelassen . nicht gesehen: Geldverlust, Gesundheit, Leben, Job, Freunde, Familie, etc. . Bei Wortassoziationsspielen über allgemeine Themen sind Süchtige schlechter, bei Fragen die Sucht betreffend sind sie viel besser als der nicht süchtigen Durchschnittsbürger. Dieser Überhang an (Sucht)Intelligenz könnte auch eine Ursache für die Schwächen der Bremse, Vorsicht, oder Inhibierung der Lusthandlungen sein.

Goldstein meint, dass Sucht als solches als eine Erkrankung des Gehirns zu sehen ist. Ob das Gehirn daher zur Sucht neigt, oder ob die Sucht das Gehirn verändert ist nicht ganz klar geklärt. Aber es gibt Patienten in denen man eine Heilung und Rückveränderung des Gehirns (Vergrösserung des Bereichs der grauen Zellen im Bereich des Inhibierungszentrums) nach der Heilung der Sucht sehen konnte. Auf Basis von dem wurde 2013 die Sucht nach Spielen (Zocken und Computerspiele) in die „Substance related and Addictive Disorders“ aufgenommen. Ein Novum. Ein Dammbruch und eine Neudefinition des Begriffs Sucht schlechthin.

Verwirrung um den Begriff "Drogen"

Was sind dann aber suchtauslösenden Verhaltensweisen? Sind alle lusterfüllenden Verhaltensweisen in diese Kategorie zu packen, oder pathogenisiert man dadurch normale Verhaltensweisen? Vorerst listet man bestimmte Verhaltensweisen als „suchtgefährdend“, wie die Internetspiel Krankheit (Internet Gaming Disorder), Koffein Verwendung Krankheit (Caffeine Use Disorder), zwanghaftes Shopping, zwanghafter Sex, Essensucht (Zucker und Süssigkeiten), Kleptomanie, etc... das Internet selber wurde noch nicht gelistet (F+F auch nicht) :).

Ratten können sich an Zucker zu Tode fressen. Ein Umfrage der Universität in Michigan zeigte, dass es auch bestimmte Menüs gibt, bei denen Menschen einfach nicht aufhören können zu essen und die sie immer wieder essen - richtiggehend suchen. Pizza etwa, oder Zuckerzeug: Ketchup, Schokolade, etc. . Es ist nur eine Frage der Zeit, bis bestimmte Arten von Essen als suchtgefährdend gelistet werden. Was mich betrifft könnte man Zucker ohne bedenken in diese Liste aufnehmen.

Man kann also festhalten, dass alles was stark beruhigt, was stark belohnt, was starke Euphorie verursacht - das alles ist potentiell süchtig machend. Ja liebe junge Grüne und „THC kann alle Probleme lösen“ - auch Cannabis gehört dazu. Dabei muss man festhalten, dass es auch auf die genetische, physische und psychische Prädispositon ankommt. Man kann also süchtig machende Verhaltensweisen nicht generell für alle Menschen auf der gleiche Weise regulieren. Jeder spricht eben anders an.

http://www.nationalgeographic.com/magazine/2017/09/the-addicted-brain/

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hagerhard

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