Als ich noch ein Kind war, war die Zeit nach Weihnachten bis zum darauffolgenden Schulbeginn nach der ersten Jänner-Woche für mich eine Zeit des Lesens all der Bücher, die ich am Heiligen Abend unterm Christbaum als Geschenke fand. Natürlich nicht nur, denn an schönen Tagen wurde mit anderen Jungs Eishockey gespielt bis zur Abenddämmerung, doch das nur nebenbei.

Meistens hatte ich fast alle Bücher durch, so neugierig war ich auf Abenteuer und Geschichten, bis die Schule wieder begann und ich freute mich schon auf die nächsten Weihnachten.

Heute ist es anders.

Bisweilen bekomme ich auch heute noch Bücher als Geschenk, die meisten kaufe ich mir selbst und viele davon bleiben ungelesen, doch diesmal erinnerte ich mich an vergangene Zeitqualitäten in diesen Wochen und so las ich wieder sehr viel.

Überraschend kam mir ein Buch zugeflogen von einem lieben Nachbarn, die Autorin ist eine junge Wienerin, die in London lebt und arbeitet.

Das Buch hat den Titel:

„WUT“ - Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen, ist erschienen im Theiss-Verlag und die Autorin heisst JULIA EBNER.

Zuerst war ich sehr skeptisch, weil ich mir dachte, dass es sicher ideologisch einseitig sein werde und ich mich ja in den letzten zwei Jahren doch sehr wütend und empört patriotisch exponiert habe aus verschiedensten Gründen, die teils in meinen persönlichen Lebensumständen, was Wohnen und Arbeiten betrifft, angesiedelt sind. Die haben sich auch nicht gravierend verändert und ich stehe nach wie vor zu meiner damaligen Empörung.

Doch dazwischen liegen zweieinhalb Jahre Social Media Kennenlernens und die Erfahrung darüber, wie da buchstäblich permanent Themen immer wieder hochgekocht werden, wie die Strategien der Emotionalisierung laufen und vor allem wie selbstsicher und unerschütterlich sich manche Protagonisten auf diesem Parkett bewegen und ihre Agenda verfolgen.

Ich selbst war in diesem Kommunikationsmedium absolut unerfahren und unendlich naiv, was natürlich zu den abenteuerlichsten Kollisionen und Verwerfungen führte.

Jetzt, wo ich SM aus einer gewissen Distanz und mit einer guten Portion Askese benutze, war ich auch bereit, mich, so wie schon öfter in meinem Leben, selbst aufs Glatteis zu führen und auch neugierig in etwas hineinzuschnuppern, was ich vorher vielleicht in Bausch und Bogen von vornherein zurückgewiesen hätte.

Deshalb begann ich dieses Buch „Wut“ von Julia Ebner zu lesen und ich stiess auf eine Arbeit, die vor allem eines zu leisten imstande ist:

Der Informationsgehalt über Mechanismen, besonders im Internet, über Organisationsformen, über verschiedenste Organisationen, über Protagonisten und ihre fliessenden Übergänge von gewaltfreiem zu gewalttätigem Extremismus ist sehr hoch, ist gut und leichtgängig geschrieben und damit auch zu lesen und wohltuend frei von überflüssigen Blähungen heftigster Emotionen.

Man kann es lesen und fühlt sich in keinster Weise dazu provoziert, dagegen oder dafür zu sein und es ermöglicht einem selbst, alle eigenen Gedanken, Emotionen und Überzeugungen auf den Prüfstand zu stellen.

Heraus kommt ein Prozess des Zweifelns und des Infragestellens von Worten und Formulierungen, die man selbst in den Themenbereichen, um die sich das Buch dreht, benützt und kreiert hat, gerade auch deshalb, weil man als wenig beleckter Internetnutzer vor Augen geführt bekommt, welche unheimlichen Tiefen es noch so gibt in diesem Internet und wie auch Instrumentalisierung funktionieren kann.

Sehr spannend ist in diesem Buch, das mich gewissermaßen zu einem Zweifler machte, besonders das Kapitel IV mit dem Titel „Identitätspolitik“, in dem es ua. um globale, individuelle und kollektive Identitätskrisen geht, welche Säulen der Identität es braucht für das Individuum und was passiert, wenn diese Säulen in Frage gestellt werden, oder zumindest ein oder zwei davon.

Ich persönlich glaube, dass es nie falsch ist, von Zeit zu Zeit, sich selbst, den eigenen Überzeugungen und Urteilen, den Handlungen und Äußerungen als ZWEIFLER gegenüberzutreten, ganz besonders dann, wenn sie in einem so unendlich vernetzten, instrumentalisierbaren Raum wie dem Internet geäussert und dargestellt werden.

Der usurpatorische Exzess, mit dem viele Akteure in diesem Raum den Platz für sich beanspruchen, geht schon sehr in Richtung einer räuberischen Inbesitznahme und die Konsequenz der Desintegration von Gesellschaft, Gemeinschaft und Individuen wird um mehrere Spiralen weiter umgedreht, als es sich in der „normalen“ Geschäfts- und Alltagsgewalt ohnedies schon abspielt, den Schaden haben ausnahmslos alle, denn das, was die Wenigsten wahrnehmen, ist, dass die Medaille zwei Seiten hat und alles, was auf einer Seite jemand tut, dem anderen auf der anderen Seite zuarbeitet, die Empörung von Links vestärkt die Empörung von Rechts und vice versa.

Sogar das „Reich der Mitte“ hat die Mitte verlassen und ist mit einer Raumsonde auf der abgewandten Seite des Mondes gelandet, zu der gewöhnlich kein Funkkontakt herzustellen ist.

Lustigerweise heisst die Mondsonde der Chinesen CHANG'E, angeblich wie die chinesische Mondgöttin !?!

Ich wusste gar nicht, dass die kommunistische Volksrepublik nun auch schon Göttinnen hat, dachte mir, dass neben MAO kein anderer Gott sein durfte.

Doch vermutlich musste das so sein, weil ja auf der anderen, erdzugewandten Seite, schon der christliche Gott mit den Amerikanern Platz genommen hatte.

Wir sehen also, selbst im Weltraum hat die Medaille zwei Seiten, oder wollte das jemand ernsthaft anzweifeln?

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