Von POMMES LEIBOWITZ | Bestandsaufnahme zu einem Datenkraken, der eigentlich ebenso überflüssig wie politisch brisant ist, und dessen menschenverachtendes Gebaren in vielen Zügen an Orwells 1984 erinnert. Wem dieser Vergleich überzogen erscheint, der sei auf die nachfolgenden Beispiele verwiesen.

Ich bin nun ca. 3 Monate bei Facebook. Nach jahrelangem Verweigern, nicht nur von Vorbehalten beflügelt, sondern auch von grundlegender "brauch ich nicht" Einstellung, habe ich mich überreden lassen. Und alleine in diesen 3 Monaten habe ich dort schon Dinge erlebt, die ich trotz aller Vorbehalte nicht für möglich gehalten hätte. Es geht dort quasi zu wie in einer Sekte: Man wird permanent von der "Community" bzw. selbsternannten Inquisitoren überwacht. Wer sich nicht gott- bzw. links- und facebook-gefällig verhält, wird von einer stetig wachsenden Denunziantengemeinde „gemeldet“ und dann vom großen Bruder belehrt, wie sich das aufrechte Facebook-Mitglied zu verhalten hat. In einer Sprache, die an grotesker Naivität, Oberlehrerhaftigkeit und orwellschen Sinnverdrehungen kaum zu übertreffen ist.

Achtung Satire

Gleich vorweg - FischundFleisch nutzt Facebook in der denkbar klügsten Weise und dies sehr effektiv: Um sich und nicht zuletzt uns, die Blogger zu promoten.

Das mag auch für viele Firmen gelten. Aber schon als Künstler wird es problematisch, denn natürlich vertragen sich Kunst und Satire mit politischer Korrektheit ungefähr so, wie ein Boxkampf mit Tantrasex. Auf das Problem mit der Satire komme ich weiter unten noch zu sprechen.

Wozu aber braucht Otto Normaldoof Facebook?

Um sich mit Freunden zu verabreden? Dafür gibt es Telefon und Email.

Um Freunden Bilder zu schicken? Dazu gibt es Handy-Apps und komfortable Email-Programme und Plattformen.

Um regelmäßig hübsche Profilbilder von sich zu veröffentlichen? Dafür gibt es Instagram.

Um täglich seine Befindlichkeiten zu posten? Dafür gibt es Twitter.

Um den Partner fürs Leben zu finden? Dafür gibt es Kontaktbörsen.

Wozu braucht man Facebook

Facebook ist eine eierlegende Wollmilchsau, eine Modererscheinung mit Gruppenzwang, die eigentlich NICHTS wirklich gut macht, gleichzeitig aber unendlich viel Zeit durch ihr Suchtpotential fordert und kostet. Und als Preis dafür auch noch lückenloses sich ausspionieren und bevormunden lassen verlangt.

Und worauf beruht denn dieses Suchtpotential? Muss man wirklich alle 5 Minuten checken, ob es neue Nachrichten gibt, ob schon jemand den letzten Beitrag „geliked“ hat, wie viele Leute schon das neue Profilbild gesehen haben? Muss man wirklich „Freunde“ sammeln wie andere Leute Briefmarken? Leute, die man eigentlich gar nicht kennt und mit denen man vielfach nie auch nur ein einziges Wort wechseln wird? Einfach um der abstrakten Zahl (an Freunden und Benachrichtigungen) willen?

Facebook-Talk

Die Sache mit der Überwachung – Orwells 1984 lässt grüßen

Spätestens seit dem aberwitzigen, zu Recht weltweit kritisierten „Netzdurchsetzungsgesetz“ ist Facebook in einem Dilemma. Auf einer öffentlichen Plattform findet man, wie im richtigen Leben auch, ein riesiges Spektrum unterschiedlichster und teilweise eben auch radikaler Meinungsäußerungen. Da gibt es Links- und Rechtsradikale, linke und rechte Volksverhetzer, Ausländerfeinde, Deutschenfeinde, Hater und Stalker, Aufrufe zur Gewalt und so weiter. Wie im richtigen Leben auch.

Der entscheidende Unterschied: Was im richtigen Leben im Hinterzimmer einer Kneipe ausgesprochen wird, interessiert keine Sau, was aber bei Facebook ausgesprochen wird, auch wenn niemand oder nur eine Handvoll es je lesen wird, ist findbar, findbar über Suchfunktionen. Wer also gezielt und aufwändig nach dem Bösen sucht, der wird es finden. Viel einfacher als im richtigen Leben. Man sucht und recherchiert also, stundenlang, rund um die Uhr, schafft gar eine Denunziantengemeinde von Millionen nützlichen Idioten, einzig zu diesem Zweck, und findet dann unter Billiarden Posts auch ein paar (selbst Tausend wären nur ein Billionstel aller Posts), die gegen Gesetze verstoßen. Und schreit dann nach Zensur, denn da sind ja Tausend böse Posts.

Mit einer Metapher dargestellt: Weil man nach stundenlangem Suchen ein Unkraut fand, fordert man nun das großflächige Versprühen von Gift auf dem gesamten Feld.

Und genau das ist Zensur: Gift für die freie Gesellschaft. Gift für die Demokratie. Der Tod der freien Meinungsäußerung.

Um der Gefahr von Millionenstrafen auf Basis des Netzdurchsetzungsgesetzes aus dem Weg zu gehen, bleibt Facebook also nichts anderes übrig als die lückenlose Überwachung. Durch Bots, durch Maschinen, die auf bestimmte Stichworte und Konstellationen anspringen und Beiträge entfernen, ohne dass die überhaupt jemand je angeschaut hätte, weder potentielle Leser noch irgendwelche menschlichen Zensoren. Motto: Lieber 10 Unschuldige eliminieren, als 1 potentiellen Täter entkommen lassen.

Wenn der Zensierte eine Überprüfung verlangt, kommen auch Menschen ins Spiel.

Aber was sind das für Menschen? In Wochenendkursen angelernte Billiglöhner vom Arbeitsamt, zu doof, um Satire oder Ironie zu verstehen, zu ungebildet und uninformiert, um Bezüge zu bekannten oder aktuellen Sachverhalten zu erkennen? Ist jedenfalls mein Eindruck. Da wird geballte Ignoranz losgelassen, um mündige erwachsene, teilweise ja durchaus gebildete User zu überwachen und zu bevormunden. Das kannte man in dieser Form und Intensität bislang nur aus faschistischen Systemen.

Im Prinzip hat die Regierung mit dem Netzdurchsetzungegesetz zwei Dinge gleichzeitig realisiert:

Lückenlose Überwachung und lückenlose Zensur, die breit gestreut zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen ausreißt, um ein biblisches Gleichnis zu verwenden.

Die Tatsache allerdings, dass Facebook relativ schnell auf diese absurden, faschistoiden Gesetzesforderungen reagieren konnte, zeigt, dass man eigentlich nur auf bereits vorhandene Überwachungstechnologie zurückgreifen musste, dass also Überwachung und Datenindiskretion von jeher gang und gäbe waren.

Sogar private Messages werden überwacht und zensiert!

Unglaublich und hochgradig illegal: Mehrfach schon sind Beiträge, die an mich gesendet wurden, spurlos verschwunden. Ich hatte noch die Benachrichtigung darüber, der Beitrag aber war weg. Facebook hat in privaten Messages überhaupt nix zu suchen, nicht als Mithörer, und schon gar nicht als Zensor.

In einem Fall handelte es sich um einen Ausländerwitz. Ja wie denn, darf man das nicht, Witze über Ausländer machen?

Witze über Ostfriesen? Klar. Witze über Blondinen? Natürlich. Witze über Trump? Geradezu Pflicht. Und jeder weiß, dass weder Ostfriesen noch Blondinen in Wirklichkeit doof sind. Wer nicht nur den Spiegel und ähnliche Fake-News-Blätter liest, der weiß auch, dass Trump nicht doof ist. Aber so funktionieren Witze eben.

Und Witze über Ausländer sind jetzt nicht mehr erlaubt? Haben wir eine Zweiklassengesellschaft? Sind Ausländer und andere Minderheiten inzwischen unantastbare Bessermenschen? Quasi Heiligtümer? Bei Facebook offenbar.

Man nennt das auch Überkompensation. Oder eben einfach pseudomoralische Totalverblödung. Oder Beides.

Kunst und Satire bei Facebook

Kunst und Satire wollen und müssen provozieren, und ihre Aussage ist oft indirekt, nicht jeder kann das erkennen oder verstehen. Liegt dann der Fehler in der Kunst, oder eher im Betrachter?

Ein Beispiel: Die Aussage des Ex-Ministers Franz Müntefering, „nur wer arbeitet, soll auch essen“ (9. Mai 2006 in der Bundestagsfraktion der SPD) wurde seinerzeit von einem Karikaturisten mit dem Bild halbverhungerter, schwarzafrikanischer Kinder unterlegt. Als Form der Kritik am massiven Sozialabbau, der in dieser Zeit stattfand.

12 Jahre später, bei Facebook, würde das wohl als Hassrede bewertet. Von Bots und offenbar strunzdummen Aushilfs-Zensoren.

So erging es dann auch meiner Zöpfe-Satire, wie das ja schon von Bianka Thon thematisiert wurde.

Facebook, quo vadis, oder anders formuliert: Was unterscheidet eigentlich Facebook Deutschland von Facebook-China (bzw. den dortigen Entsprechungen)?

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