Verschwörungstheorien: Zweierlei Maß

Von POMMES LEIBOWITZ | Ein neues Modewort macht die Runde: Verschwörungstheorie. Passt oder wird passend gemacht, als Totschlagargument wie auch als tatsächliche Entlarvung simplifizierter Weltsichten, als enttarnte reale Verschwörung wie auch als gezielt absurdes Konstrukt, extra geschaffen zur Verschleierung realer Verschwörungen.

Collage von Pommes Leibowitz

Und offenbar gibt es auch gute und böse Verschwörungstheorien, bzw. gesellschaftlich akzeptierte und gesellschaftlich verurteilte solche:

Ist es etwa keine Verschwörungstheorie,

wenn Linke behaupten, der Kapitalismus wäre schuld an Corona?

https://www.facebook.com/ZaklinNasticMdB/photos/a.1556892927712462/2801660939902315/?type=3&theater&ifg=1

Ist es etwa keine Verschwörungstheorie,

wenn Linke und Feministinnen behaupten, weiße alte Männer und der Kapitalismus wären Schuld daran, dass es in der Welt Kriege gibt, dass die Erde ausgebeutet wird, dass die Umwelt verschmutzt wird, dass manche Länder extrem arm sind?

Ist es etwa keine Verschwörungstheorie,

wenn Journalisten und Politiker Experten mit Meinungen, die ihnen nicht gefallen, die dem politischen Mainstream widersprechen, als Leugner, Querulanten, "Rechtspopulisten" oder gar Verrückte verunglimpfen?

Ist es nicht eigentlich auch eine Verschwörungstheorie, wenn man Theorien als Verschwörungstheorie bezeichnet, also hinter diesen Theorien eine Verschwörung vermutet?

Versuch einer Klassifizierung von Verschwörungstheorien

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1. Es gibt simplifizierende, schlicht auf Behauptungen basierende Theorien,

z. B. dass es die Stadt Bielefeld nicht gäbe, oder dass wir durch von Flugzeugen verteilte Chemikalien manipuliert und vergiftet werden (Chemtrails).

Ursprünglich auf einem Witz basierend, geäußert auf einer Studentenparty, machten sich immer mehr Leute daran, Beweise für die Nichtexistenz von Bielefeld zu sammeln. So gibt es Google-Earth-Bilder, die an der Stelle, wo sich die Stadt befinden müsste, einen Wald zeigen, es gibt Fotos von gesperrten Zugangsstraßen usw. Selbst Astro- und Quantenphysik wurde bemüht, um die Nichtexistenz zu beweisen.

Inzwischen wurde das zu einem Running-Gag, was zeigt, dass es eben auch ein gewisses Vergnügen an Verschwörungstheorien gibt. Gewissermaßen die intellektuelle Variante des klassischen Klatsch und Tratschs.

https://praxistipps.chip.de/bielefeld-gibt-es-nicht-das-steckt-hinter-der-bielefeldverschwoerung_100048

2. Es gibt Theorien, die mit einer scheinbar lückenlosen Indizienkette aufwarten,

z. B. die Behauptung, dass die Mondlandungen der Amerikaner reine Inszenierung waren, auf der Erde gefilmt.

Es war ein Fehler, diese Theorie einfach als Unsinn abzutun, denn dadurch konnte sie sich überhaupt erst verbreiten. Dementierte Gerüchte, zumal aggressiv dementiert, sind bestätigte Gerüchte.

Die Idee, dass die Mondlandung nur eine Inszenierung war, ist absolut nicht abwegig angesichts des damaligen Wettlaufs zwischen Amerikanern und Russen und der doch tatsächlich ziemlich rudimentären Technologie dieser Zeit. Dazu kam dann noch eine durchaus nachvollziehbare Indizienkette. Es war eine Theorie, die es verdient hätte, ernst genommen und widerlegt zu werden, was aber erst nach und nach geschah. Inzwischen konnte wohl auch u. a. durch Laserexperimente nachgewiesen werden, dass tatsächlich Menschen auf dem Mond waren.

Wenn Theorien durchaus schlüssig sind, und eine erstaunliche Indizienkette vorweisen können, dann ist es eben nicht damit getan, sie als "Verschwörungstheorie" zu verunglimpfen.

Jede wissenschaftliche Theorie basiert auf schlüssigen Vermutungen und Indizien. Vielen Leuten, auch in der Politik und selbst unter sogenannten Experten, scheint nicht klar zu sein, dass es in der Wissenschaft zahlreiche Theorien gibt (z. B. Einsteins Relativitätstheorie, das Wellenmodell des Lichts usw.), die eben nicht bewiesen sind, und unterschieden werden müssen von Gesetzmäßigkeiten, die bewiesen wurden.

Und man kann ja auch nichts beweisen, das nicht zuvor als These/Theorie formuliert wurde.

Es ist deshalb völlig absurd, Theorien abzutun, weil sie nicht beweisbar sind. Keine Theorie ist beweisbar, auch z. B. die Hochrechungen zum Klima oder zur Ausbreitung und Gefährlichkeit von Corona, sind nicht beweisbar. Sie basieren auf einer Fülle von Thesen und Vermutungen und (angesichts der unzureichenden Datenlage) abenteuerlichen Hochrechnungen.

3. Es gibt völlig absurde Verschwörungstheorien,

die aber womöglich gezielt geschaffen wurden, um tatsächliche Verschwörungen zu verschleiern. Das Prinzip: Man sucht sich unter den Anhängern der Verschwörungstheorie die denkbar dümmsten Expemplare heraus, veröffentlich deren absurdeste Äußerungen, fasst sie zu einem noch absurderen System zusammen, und schließt dann daraus, dass die gesamte Bewegung halt aus verrückten Idioten besteht.

Man könnte das als Prinzip des Lächerlich-Machens bezeichnen. So erging es u. a. auch Darwin (lächerlich, dass der Mensch vom Affen abstammt) und Einstein ("relative Zeit", was für ein Blödsinn). Man sucht sich Einzelbausteine heraus, die losgelöst vom Gesamtzusammenhang absurd erscheinen, und diffamiert damit die gesamte Theorie.

So ergeht es z. B. auch regelmäßig der AfD oder Pegida-Anhängern, die immer wieder auf die Äußerungen einzelner Mitglieder oder Wähler reduziert werden. Ein Trick, um die Auseinandersetzung mit tatsächlich erkannten Problemen - bzw. eben den politischen Diskurs darüber - zu verhindern. Alles "nazi", darüber reden wir gar nicht erst ...

4. Schließlich gibt es auch noch Verschwörungstheorien, die die Dinge komplizierter machen,

als sie tatsächlich (vermutlich) sind, z. B. um den 11. September oder die Ermordung Kennedys. Sie konstruieren komplexe Verstrickungen um (möglicherweise) schlichte Attentate von Einzelgängern oder kleinen Gruppen.

Auch diese Theorien verdienen es aber, dass man ihnen nachgeht, da sie doch mit einer Reihe von Indizien aufwarten können und es ziemlich fatal wäre, wenn sie tatsächlich wahr wären, aber nicht zur Kenntnis genommen wurden, nur weil sie unwahrscheinlich erscheinen. Das wissenschaftliche Prinzip, stets der einfachsten Theorie den Vorzug zu geben (Ockhams Rasiermesser), ist nur geboten, wenn man sich zwingend für eine der Theorien entscheiden muss, also mehr ein Prinzip der Entscheidungsfindung als der Forschung.

Pommes mit Aluhut

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