Putinfreunde, ihr müsst stark sein! Weil Russland ist es nicht ...

Ja, ich weiß, dass es hier schon einige Beträge gegeben hat, die eine rasche Niederlage a) Russlands und b) der Ukraine vorhergesagt haben. Ich neige zur Ansicht a). Diese Ansicht teilte ich nicht immer. In den ersten Kriegstagen sah es tatsächlich so aus, als würde der Aggressor nach Kiew vorrücken wie ein Messer in warmer Butter. Das war aber ein Strohfeuer. Die Geländegewinne der Russen im Süden der Ukraine im Sommer sahen auch nach einem Sieg Russlands aus - oder zumindest nach einem Teilerfolg, den Putin als Sieg verkaufen kann. Dessen Hoffnung, die Ukraine würde in kürzester Zeit zerfallen, Präsident Selenskyi würde ins Ausland flüchten und die Leute würden den russischen Soldaten vom Wegrand mit dem Taschentuch zuwinken, das hat sich ja bald als Wunschdenken herausgestellt.

Nicht einmal ein Teilerfolg wird zu halten sein

Die Annexion der Provinzen im Osten und im Süden hätte Putin zu Hause noch als Sieg verkaufen können, nun bekommt aber auch diese Minimalvariante eines Erfolgs Risse. Die Rückeroberung der Stadt Lyman ist ein Symbol dafür: Putin wird diese eroberten Gebiete nicht halten können - zumindest nicht in einem Ausmaß, der als Sieg zu verkaufen ist. Die Ukraine wird ihre Nadelstiche beibehalten, das Halten der besetzten Gebiete wird zu einer Ressourcenschlacht, mit der die russischen Kriegsplaner nicht gerechnet haben.

300.000 Milizsoldaten sind ein Klotz am Bein

Die Teilmobilmachung ist das vielleicht offensichtlichste Zeichen des Scheitern Putins. 300.000 Milizsoldaten - das klingt zunächst nach einer gewaltigen Macht, die nun auf die Ukraine zurollt. Was dabei vergessen wird: Milizsoldaten sind in einem Angriffskrieg eher ein Klotz am Bein als eine Axt in der Hand. Wo soll deren Motivation herkommen? Die jungen Männer, die nun an die Front geschickt werden, saßen bis vor kurzem in warmen Büros in Irkutsk waren Installateure in Krasnojarsk oder Bauern im Ural und haben wahrscheinlich nicht im Traum daran gedacht, im Winter den Kopf hinhalten zu müssen für die Großreich-Fantasien Putins. Putin im Fernsehen bei einer Rede zuzuhören, bei der er die Größe der Nation beschwört, die "Vertreibung der Nazis" aus der Ukraine und die Verteidigung der russischen Minderheiten, das hört sich ja vielleicht gut an. Wenn man mit nassen Stiefeln im Dreck in der Ukraine steht und sich dessen bewusst ist, dass die Gegenseite sich zurückholen will, was ihr gehört, sieht die Sache schon wieder anders aus.

Die russsische Armee ist an einem Punkt angelangt, an dem es auch schnell gehen kann mit der Erosion. Vielleicht steht dieser "breaking point" unmittelbar bevor, vielleicht dauert es noch ein, zwei Monate. Aber dieser Punkt wird kommen, und dann holt sich die Ukraine sogar die Krim zurück mit dem Leiterwagerl. Es wäre ja nur gerecht.

Dei Atomwaffenfantsien Putins und diverser Bluthunde - wie dem ausgefressenen Tschetschenen Kadyrow - signalisieren nur eines: Hier steht jemand mit dem Rücken zur Wand. Dass es dazu nicht kommen wird, dafür werden Generäle sorgen, die bislang schwiegen. Der Einsatz von auch nur taktischen Atomwaffen würde einen Gegenschlag des Westens provozieren, der Generälen und Oligarchen, die bislang Putin zumindest schweigend ertragen haben, gar nicht gefallen. Die eigenen Haut ist denen wichtiger als der Heldentod ihrer Familien zu Ehren Putins.

Die Front im Westen ist zu schwach

Die Front im Westen, die Putin mit Millionen gefüttert hat, wird ebenfalls nicht halten. Das Hoffen darauf, dass ein kalter Winter die Gesellschaften spaltet und letztlich die Unterstützung für die Ukraine unterminiert, sie ist vergebens. Die Gaslager sind zumindest so voll, dass wir nicht frieren müssen. AfD, Front National und die FPÖ und ein paar weitere Ableger dieser Art in fast allen Ländern der EU halten ihrem Idol zwar weiterhin mehr oder weniger verstohlen die Stange, aber von einem gewichtigen Wort oder Entscheidungsgewalt sind sie noch weit entfernt. Just die italienische Postfaschistin Meloni gilt als Kritikerin des russischen Einmarschs und als strikte Transatlantikerin. Putinfreund Salvni ist in Italien indes mehr als angezählt.

Putin hat nicht nur der Ukraine den Krieg erklärt, sondern auch der liberalen, repräsentativen Demokratie. Sie wollte er treffen, weil sie eine Bedrohung ist für sein autoritäres System. Die "Nazis in der Ukraine" (die es durchaus gibt) sind nicht sein Problem. Sein Problem sind seine Untertanen und all jene Völker, für die der Westen, die EU und die Demokratie attraktiver sind als das russische Modell eines autoritären Staats.

Sagen wir es so: Wir werden Weihnachten heuer ohne Herrn Putin feiern. Vielleicht sitzt er in einem Gefängnis, vielleicht ereilt ihn das Schicksal eines Nicolae Ceaușescus. Das wird hart für den gar nicht mehr so starken Mann im Kreml und für seine Freunde hierzulande.

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