Teilmobilmachung - so enden teilweise gescheiterte Spezialoperationen

Der russische Präsident Putin macht das, was man ohnehin erwartet hat. Er organisiert ein "Anschluss-Referendum" in den besetzten Gebieten, er ordnet eine Teilmobilmachung an. Da werden bald viel Babushkas in Rußland Tränen vergießen, wenn ihre Söhne vom gemütlichen Schreibtisch, vom Bauernhof oder von der Fabrik geholt werden und wenig später im Zinksarg nach Hause zurückkehren. Die heimischen Putinversteher werden frohlocken, immerhin müssen nicht sie selbst in einer maroden Armee ins Feuer laufen oder ihre Söhne opfern.

Welche Schlüsse ziehen wir aus den Ereignissen?

1. Putin hat die Sache dramatisch unterschätzt. Der Sturm auf Kiew misslang bereits im März. Die sommerlichen Erfolge lösen sich derzeit geländemäßig gesehen in Luft aus. Die Eskalation, die Putin derzeit betreibt, ähnelt dem Aufblasen eines Luftballons und der Drohung, damit viele Leute zu erschlagen.

2. Ein Autokrat wie Putin hat keine Berater, sondern Leute, die ihm das erzählen, was er hören will. Das ist ganz schlecht, wenn man als Autokrat einen Krieg plant.

3. Wenn es in Russland ungemütlich wird, wird es für Putin ungemütlich. Eine Gesellschaft, in der jeder jemanden kennt, der einen Sohn in einem sinnlosen Krieg verloren hat, wird Putins Rolle zunehmend hinterfragen und sich vor allem fragen: Was zum Teufel machen wir in der Ukraine? Eine Generalmobilmachung ankündigen, während man verbietet, von Krieg zu sprechen - da braucht man einiges an Fantasie.

4. Putin hat den Westen und vor allem die EU unterschätzt. Seine Erfolge bei der Unterwanderung der europäischen Demokratien und bei der Madigmachung der EU sind ja unbestritten. Die FPÖ, die AfD, die Front National und viele mehr standen auf seiner Payroll. Aber diese Kräfte erweisen sich jetzt als lose Fransen am Rand eines demokratischen Gewebes, das überraschend fest und widerstandsfähig ist weitgehend Einigkeit beweist.

5. Der "starke Mann" ist schwach. Die Putinversteher in den westlichen Demokratien repräsentieren jener Teil der Gesellschaften, die sich nach einem starken Mann sehnen, Vermutlich weil sie sich damit selbst aus ihrer gefühlten gesellschaftlichen Impotenz befreien wollen. Demokratie-Umfragen weisen etwa 20 Prozent der Bevölkerung als Anhänger eines "starken Mannes" aus. 20 Prozent sind viel, sie können einen Wirbel machen und viel Stunk, aber sie stehen einer gewaltigen Mehrheit gegenüber, die bislang ruhig geblieben ist und die einen repräsentative Demokratie achtet und schätzt.

6. Die Niederlage Russlands wird auch bei uns zu einer gesamtgesellschaftlichen Katharsis führen. Wir werden uns genau ansehen, welche Personen und Parteien Putin gehuldigt haben. Und zwar seit dessen Annexion der Krim. Wer hat tolle Posten erhalten in Aufsichtsräten russischer Konzerne, wer hat uns sehenden Auges in die Abhängigkeit von russischem Gas geführt? Dabei geht es um politisch und wirtschaftlich relevante Akteure, die wussten was sie tun und die wussten, dass es in irgendeiner Form honoriert wird.

PS.: Um die Dumpfbacken im Fußvolk des Putintroll-Heeres, das hier unten bald kommentiert, geht es nicht. Denen gebührt nicht unsere Wut, sondern unser Mitleid.

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