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Letzte Woche wurde Sadiq Khan zum Bürgermeister Londons gewählt und machte als erster muslimischer Bürgermeister einer europäischen Hauptstadt Schlagzeilen. Dabei ist Sadiq Khan gar nicht der erste muslimische Bürgermeister Londons. Das war sein Vorgänger, Boris Johnson.

Johnson behauptete auf der bis dato größten islamisch-europäischen Konferenzen in London 2013, er stamme von einem Bienenwachshändler aus Istanbul ab. Damit wäre er nach islamischer Lesart Muslim, denn die Kinder eines muslimischen Vaters sind Muslime. Das wusste Johnson natürlich und genau diesen Eindruck wollte er seinem Auditorium vermitteln. Die Konferenz wurde von der Presse der gesamten islamischen Welt verfolgt, es nahmen immerhin 17 Regierungschefs islamischer Länder teil. Johnson führte aus, sein Vorfahre hätte Moscheen mit Bienenwachs für die Kerzen beliefert und dessen Sohn, Johnsons Urgroßvater, hätte den Koran auswendig gekonnt. Sein Publikum war begeistert, London galt als erobert.

Johnson und Khan haben mehr gemeinsam als muslimische Vorfahren. Boris Johnson ist weniger für seine politischen Haltungen bekannt als für seinen Esprit und seine Frisur. Das änderte sich auch in acht Jahren Bürgermeisteramt nicht, erst seit kurzem tritt er für den Austritts Großbritanniens aus der EU ein. Dennoch ist er einer der beliebtesten Politiker Großbritanniens. Über Sadiq Khan weiß man bisher hauptsächlich, dass er Muslim und der Sohn eines Busfahrers ist, aufgewachsen mit sieben Geschwistern in einer Sozialwohnung. Dennoch haben ihn die Londoner mit großer Mehrheit gewählt. Denn der alte und den neue Bürgermeister Londons besitzen beide eine Fähigkeit, die für Politiker wichtiger ist als jede Religionszugehörigkeit: Zu spüren, was ihr Publikum hören möchte.

Sadiq Khan hat wie Johnson sehr verschiedene Ansichten vertreten, jedoch wird Khan ungleich härter angegangen als Johnson. So wurden Khan Verbindungen zu Extremisten unterstellt und damit ein Sicherheitsrisiko für London, sollte er als Bürgermeister auch Chef der Polizei werden. Dabei warfen ihm seine Gegner auch vor, als Anwalt Extremisten verteidigt zu haben. Nur ist das die Aufgabe eines Anwalts. Interessanter ist, was er als Politiker bisher gesagt und getan hat. Und da gibt es in der Tat einige Widersprüche.

Sadiq Khan versprach, ein Bürgermeister für alle Londoner zu sein und denunzierte in seinem ersten Wahlkampf als MP für Tooting seinen den Ahmadi zugehörigen Konkurrenten als "nicht muslimisch genug", womit er die Spaltung in der muslimischen Gemeinschaft noch verstärkte.

Khan betont in Interviews, er habe sein Leben dem Kampf gegen Extremismus und Radikalisierung gewidmet, aber verharmloste als Vertreter des Muslim Council of Britain im Parlament den Terrorideologen Yusuf al-Qaradawi als missverstanden und wahrhaft moderat.

Khan verurteilte die Vorwürfe gegen ihn wegen Teilnahme an Veranstaltungen mit Terrororganisationen als rassistisch und nannte moderate Muslime „Uncle Toms“ (ein herabsetzender Begriff, der freiwillige Unterwürfigkeit meint).

Er votierte für die Gleichstellung von Homosexuellen und stellte als einen der engsten Mitarbeiter für den Wahlkampf einen Mann ein, der seinem Hass auf Homosexuelle offen auf Twitter Ausdruck gab.

Er forderte als einer der ersten den Ausschluss Ken Livingstones wegen dessen antisemitischer Äußerungen aus der Labourpartei und plant als Bürgermeister Israel zu besuchen. Dennoch pflichtete Khan Baroness Warsi bei, die 2014 wegen der ihrer Ansicht nach mangelnder Unterstützung Camerons für Gaza von ihrem Ministerposten zurücktrat. Israel musste sich zu diesem Zeitpunkt gegen massive Angriffe aus dem Gazastreifen zur Wehr setzen.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Ob Sadiq Khan nur sein jeweiliges Publikum bedient oder doch einer Agenda folgt, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Je nachdem könnten sich die Londoner einen Bürgermeister wie Johnson zurückwünschen. Danach gefragt, was ihnen von Johnson im Gedächtnis bliebe, nannten die meisten Londoner eine Aktion, bei der Johnson Fähnchen schenkend an einem Hochseil festhing. Welchen Glaubens er ist, interessierte sie hingegen nicht.

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