In islamischen Ländern kämpfen Frauen um ihre Freiheit. Iranische Frauen zeigen sich unverschleiert in sozialen Netzwerken, ein hohes Risiko in einem Land, in dem der Kopftuchzwang rigoros durchgesetzt wird. In den letzten Wochen haben sie Unterstützung von mutigen Männern erhalten, die sich ihrerseits mit Kopftuch an der Seite ihrer unverschleierten Frauen zeigen, um gegen die Zwangsverhüllung zu protestieren. Diese Menschen riskieren Haft, um Freiheit einzufordern.

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Wie auch die Frauen und Männer in Saudi Arabien, die gegen das saudische Mündelsystem für Frauen protestieren. Tausende versuchen mit der Kampagne #TogetherToEndMaleGuardianship internationale Aufmerksamkeit auf die Entrechtung zu lenken. Saudische Frauen sind unter die Vormundschaft eines männlichen Verwandten gestellt, wenn es keine Verwandten gibt, übernimmt meist die lokale Moschee die Vormundschaft. Frauen dürfen ohne deren Erlaubnis weder eine Arbeit ergreifen, heiraten, noch reisen, von Geburt bis zum Tod dürfen sie keine relevante Entscheidung über ihr eigenes Leben selbst treffen. Auch gegen die übliche Vollverschleierung begehren Saudis auf. Der ehemalige Vorsteher der gefürchteten religiösen Polizei Saudi Arabiens in Mekka trat mit seiner Frau in einer Fernsehsendung auf. Sie zeigte ihr Gesicht, er erklärte, dass Frauen nicht verpflichtet seien, den Gesichtsschleier zu tragen und im Übrigen auch Auto fahren sollten. Er verlor seinen Job und bekam Todesdrohungen. Dennoch stehen Jawahir und Ahmed Qassim al-Ghamdi öffentlich zu ihren Überzeugungen.

Derweil treten in Europa gewählte Volksvertreter für das Recht ein, Frauen zu verschleiern. Ein Verbot der Vollverschleierung sei eine Einschränkung der Freiheit, argumentiert unter anderem der CDU-Abgeordnete Ruprecht Polenz. Frauen, die unter den Schleier gezwungen werden, könnten ihre Verwandten ja anzeigen, somit bestehe keine Gefahr der Unterdrückung. Nach Polenz haben Frauen also die Freiheit, ihr Leben zu riskieren, indem sie ihre Verwandten anzeigen. Dass die meisten sogenannten Ehrenmorde von Verwandten begangen werden, die den Frauen ein „zu westliches Verhalten“ vorwerfen, dürfte dem CDU-Mann bekannt sein.

Polenz greift auf zwei weitere beliebte Argumente zurück, die statistische Irrelevanz und den seiner Meinung nach eigentlichen Grund für die Debatte, die Islamfeindlichkeit.

Diese Argumentation ist exemplarisch für ein Denken, das sich seit den Übergriffen in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof ausbreitet. Angriffe auf Frauen werden nicht nur relativiert, sondern das Recht von Frauen auf sexuelle Unversehrtheit, sexuelle Selbstbestimmung, eben elementare Menschenrechte, werden einem vermeintlich höheren Zweck untergeordnet. Die jetzt belegte Forderung von Verantwortlichen an die Kölner Polizei, das Wort Vergewaltigung aus ihrer Meldung zu streichen, zeigt nicht nur eine unglaubliche Missachtung der Opfer. Sie zeigt, dass die Grundrechte von Frauen keine Rolle mehr spielen, wenn die Offenlegung der Verletzung derselben einen politischen Skandal hervorrufen könnte. Oder in Polenz Worten: „Und hier geht es eben nicht nur um ein Kleidungsstück, sondern um den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.“

Mit diesem Denken stehen Polenz und die Weisungsgeber im nordrhein-westfälischen Innenministerium nicht allein. Hat Henriette Reker mit ihrer Armlänge Abstand noch viel Spott geerntet, erregt der Ratschlag der Polizei in Schleswig-Holstein an Frauen, flache Schuhe zu tragen, um besser weglaufen zu können, kaum noch Aufsehen. Zur Eröffnung der Freibadsaison wurde ernsthaft diskutiert, ob Übergriffe in Schwimmbäder statistisch relevant seien. In einem Artikel zur Reform des Sexualstrafrechtes in einer großen Tageszeitung wird Frauen empfohlen, sich endlich Kampftechniken anzueignen, um potentielle Vergewaltiger in die Flucht zu schlagen statt naiv auf dem Recht der sexuellen Unversehrtheit zu beharren. Das Burkaverbot als Einschränkung von Freiheit zu werten und nicht als Schutz unterdrückter Frauen ist nur eine konsequente Fortführung dieses Denkens. Vor allem den betroffenen muslimischen Frauen wird klar kommuniziert, dass sie keinerlei Hilfe erwarten können, wenn sie das Recht auf Gleichberechtigung einfordern möchten. Damit haben wir uns in nur wenigen Monaten dem Denken der Täter am Kölner Hauptbahnhof angenähert.

Etwa 1000 Männer, die die Taten von ein paar Duzend Männern möglich machten, sogar gegen die Polizei durchsetzten, müssen in der Mehrheit eben diese Taten gebilligt haben. Die Täter waren der Überzeugung, ein Recht darauf zu haben, mit den Frauen zu verfahren wie es ihnen passt. Die Umstehenden teilten diese Meinung offensichtlich und machten die Übergriffe erst möglich. Das ist Terror, das Aufzwingen von Normen und Verhaltensweisen gegen den gesellschaftlichen Konsens.

Der Unterschied zwischen „einfacher“ sexueller Gewalt und Terror ist das Fehlen der Billigung. Sexuelle Gewalt wird von der Mehrheit der Gesellschaft verurteilt und, wenn möglich, bestraft. Sexueller Terror, die systematische Unterdrückung von Frauen, hingegen wird von bestimmten Gruppen unterstützt, die andere Normen für das Verhalten von Frauen fordern und in der Gesellschaft durchsetzen wollen. Der Rat, flache Schuhe anzuziehen, um besser weglaufen zu können, genauso wie der Ratschlag, endlich Selbstverteidigung zu erlernen, ist nichts anderes als die Aufgabe des staatlichen Gewaltmonopols. Was pragmatisch klingen mag ist eine Kapitulation. Es wird Frauen zu Faustrecht geraten, da ihre Grundrechte durch den Staat nicht mehr gesichert werden können. Oder es keinen Willen mehr gibt, die Grundrechte zu sichern. Denn, und das klingt in den Ratschlägen durch, Frauen seien letztendlich selbst schuld, wenn ihnen etwas zustößt. Dieses Denken ist der Wegbereiter für sexuellen Terror, unter dem Frauen in islamischen Ländern leiden.

Die vom Islamischen Staat befreiten Frauen werfen als erstes die Burka ab. Eben das Kleidungsstück, das nicht Grund genug ist, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu gefährden. Im Iran und in Saudi Arabien gehört die Hälfte der Menschen nicht zur Gesellschaft. Und auch hier wird diese Hälfte zunehmend als statistisch irrelvant erklärt.

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