Impf-Jihad – Grenzenlos und Kulturüberschreitend

Rund 1.000 Berliner sind seit Herbst letzten Jahres an Masern erkrankt. Wenig überraschend in einer Stadt, in der Müttern nach der Geburt gelegentlich von Hebammen Pamphlete mit dem Titel „Impfung ist Körperverletzung“ überreicht werden. Die Wortwahl erinnert mich an die Worte ganz anderer Impfgegner: „A crime against children“ nennt das Oberhaupt der Moslembrüder im Sudan Impfungen. Im Übrigen beruhten Impfungen, so Scheich Sadeq Abdallah bin Al-Majed, auf einer Verschwörung von Juden und Freimaurern.

Die Taliban wittern hinter Impfungen gegen Polio einen Komplott, um Muslime unfruchtbar zu machen. Sie rufen zum Mord an den Impf-Teams und deren freiwilligen Helfern auf, was in Pakistan und Afghanistan bereits Hunderte von Helfern das Leben kostete, die mit Polio-Impfungen auch die kleinen Dörfer zu erreichen suchten. Dass die CIA unter dem Vorwand, Impfungen durchzuführen, Hinweise auf Osama bin Ladens Aufenthalt gesammelt hat, hat die Situation nicht verbessert. Denn sie liefert nicht nur den radikalen Impfgegnern neue „Argumente“, sondern auch deren Verteidigern einen Vorwand, sie jetzt in Schutz zu nehmen. Hätte die CIA nicht den Arzt als Spion eingesetzt, wären die Taliban nicht gegen Impfungen. Schnell widerlegbarer Blödsinn, da die obige Weltsicht schon vor 2011 verbreitet wurde, aber Wasser auf den Mühlen der US-Gegner.

Doch nicht nur Berlin und Islamabad haben mit den Impfgegnern zu kämpfen, auch Schottland hat seine Radikalen 2013 besser kennengelernt. Dort widersetzten sich muslimische Eltern der Grippe-Impfung ihrer Kinder, da sie tierische Komponenten von Schweinen enthält. Dass diese Komponenten, genau wie Alkohol, von den meisten Koran-Gelehrten in Arzneien als vertretbar angesehen werden, beirrte die fanatischen Eltern nicht. Der Protest ging so weit, dass das Impfprogramm zunächst gestoppt werden musste.

Auf der Suche nach einem probaten Mittel gegen die Fanatiker griffen die Schotten zur gleichen Argumentation wie die pakistanische Regierung: Fatwas, islamische Rechtsgutachten, die Impfungen ausdrücklich erlauben. In Pakistan wurden Gelehrte sämtlicher Lehrschulen gebeten, eine solche Fatwa abzugeben. Die Hefte mit den gesammelten Fatwas werden an die Bevölkerung verteilt, um diese von der Rechtmäßigkeit der Impfungen zu überzeugen. Der staatliche Gesundheitsdienst Schottlands berief sich auf 100 islamische Gelehrte, die bereits 2001 die Verwendung von Gelatine bei Impfungen legitimiert hatten. Der Muslimische Rat Schottlands widersprach den 100 Scharia-Gelehrten. Die Impfungen seien nicht notwenig und Gelatine weiter haram, verboten. Zusammen mit den Imamen der Glasgower Zentralmoschee setzten sie die Verwendung eines alternativen Impfstoffes für muslimische Kinder durch.

Neben Fatwas dient die Finanzierung als Mittel der Überzeugung. So wird in Pakistan argumentiert, dass Programme, die von Bruderstaaten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten bezahlt würden, nicht unislamisch sein könnten. Sich diese Methode zu eigen machend, ist die International Finance Facility for Immunisation (IFFIm) noch einen Schritt weitergegangen und gibt speziell islamische Anleihen aus, sogenannte Sukuk, um Impfprogramme zu finanzieren. Die Weltbank, Budgetverwalter des IFFIm, erklärte dies zur Chance, bei der Gelegenheit auch gleich der islamischen Finanzierung global auf die Sprünge zu helfen. Diese gewänne dabei den bisher fehlenden ethischen Zweck, und sichere gleichzeitig die Vorfinanzierung für Impfprogramme. Circa 70 Prozent der ausgegebenen Bonds wurde tatsächlich von Anlegern aus dem Nahen Osten gekauft, ein großer Erfolg für das Programm. Die eigentliche Finanzierung und damit auch der Gewinn der Anleger beruht jedoch auf der Kapitalhilfe der Geberländer des IFFIm, also Frankreichs, Großbritanniens, Schwedens, Italiens, Norwegens, Spaniens und Südafrikas. Paradoxerweise ist dieser Sukuk denn auch keine echte islamische Anleihe, da solche durch Realwerte gedeckt sein müssen, nicht durch anderes Geld. Aber pssst, der größte Fehler der Amerikaner war die Bekanntgabe der Taktik, um Bin Laden aufzuspüren, nicht die Taktik selbst. Entrüstung bei den Steuerzahlern der Geberländer hingegen wäre angebracht. Statt die Ursachen der Impfparanoia zu bekämpfen oder wenigstens direkt die Impfprogramme zu unterstützen, finanzieren sie in diesem Fall die Pseudogewinne arabischer Anleger und dazu noch ein politisches Programm zur Etablierung islamischer Finanzierungen durch die Weltbank. Ob der Kniff den betroffenen Kindern hilft, ist mehr als fraglich.

Berlin, Waziristan oder Glasgow, Ideologen stellen überall ihre Glaubensgrundsätze über das Wohlergehen der eigenen Kinder und ihrer Mitmenschen. In Nigeria, Pakistan und Afghanistan hat der Polio-Jihad inzwischen mehr Menschen das Leben gekostet als die Krankheit selbst. Die Fanatiker rufen speziell zum Mord an weiblichen Impfhelfern auf. Es wird dringend Zeit, Geld in deren Schutz statt in politische Programme zu investieren.

Photo Credits: Gates Foundation

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