Let´s talk about S... - wie Scharia! Teil 1: Sklaverei

Ein Kamerateam der BBC und eines von SternTV sind jüngst nach Katar gereist, um die Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen zu recherchieren. Beide Teams stellten fest, dass sich die Bedingungen entgegen der Aussagen der katarischen Regierung nicht verbessert haben. Das Kafala-System besteht weiterhin, die Arbeiter leben unter unwürdigen Bedingungen, die Bezahlung ist nicht gesichert und ihr Tod wird in Kauf genommen.

In dem Kafala-System begeben sich die Arbeiter in ein Abhängigkeitsverhältnis zum Arbeitgeber, mit ihrem Pass liefern sie auch einen Großteil ihrer Rechte ab. Was im Zusammenhang mit der WM 2022 Empörung hervorruft, ist in den Golfstaaten gängige Praxis.

Vor einiger Zeit erhielt ich einen Anruf im Auftrag einer internationalen Hilfsorganisation, die die saudische Regierung berät. Ob ich Interesse an einer Leitungsfunktion bei einer Bank in Saudi-Arabien hätte? Der Leitung des Frauenflügels, natürlich. Während des Gesprächs ergaben sich ein paar Haken, unter anderem den, dass ich meinen Pass meinem Arbeitgeber aushändigen müsste. Eine Formalität, klar. Nur dass der saudische Arbeitgeber jedes Mal sein Einverständnis geben müsste, wenn ich das Land verlassen wollte. Thanks, but no thanks. Mein Gesprächspartner hatte dabei wenig Verständnis für meine gezielten Nachfragen und war höchst verwundert ob meiner Skepsis. Die Verdienstmöglichkeiten seien sehr hoch und die Lebensbedingungen luxuriös. Tatsächlich lassen sich nicht nur Gastarbeiter aus armen Ländern vom Geld der Golfstaaten anlocken, sondern auch viele Akademiker der ersten Welt, bis auch sie dann nicht mehr ausreisen können, egal ob Chefarzt oder Hotelmanagerin. Dabei ist das Kafala-System wenig überraschend für diejenigen, die mit den Rechtsgrundlagen islamischer Länder vertraut sind.

Daher: Let´s talk about Scharia, baby! In loser Folge, je nach Aktualität. Den Anfang macht eben jenes unangenehme Thema: Sklaverei.

Sklaverei begegnet uns ständig in den Nachrichten: Von der Ausbeutung nepalesischer Bauarbeiter am Golf, denen kürzlich die Heimreise zur Unterstützung der von Erdbeben gebeutelten Familienangehörigen versagt wurde, bis zu Sklavenmärkten, auf denen unter dem Islamischen Staat Frauen wie Vieh feilgeboten werden. Die Empörung weicht meist schnell mehr oder minder plausiblen Erklärungen. Die einfachen Arbeitsmigranten hätten sonst überhaupt kein Einkommen, um ihre Familien daheim zu ernähren, heißt es. Stimmt, leider haben sie es oft auch jetzt nicht, denn sie werden nicht immer bezahlt. Der IS bestünde aus Barbaren, die systematische Versklavung von Frauen habe nichts mit dem Islam zu tun.

Während wir bereit sind, die oben genannten Beispiele zu verurteilen, verleugnen wir nicht nur einen Zusammenhang mit der Scharia, der Gesamtheit der Gesetze, die in einer islamischen Gesellschaft zu beachten und zu erfüllen sind, sondern machen es auch unmöglich, die verschiedenen Formen einer institutionalisierten Sklaverei überhaupt erst zu erkennen - und deren Zusammenhang mit unserem eigenen Handeln. Damit verhindern wir nicht nur die Bekämpfung der Sklaverei, wir erhalten sie am Leben.

Ein paar der Prüfungsfragen, die ich während meiner Ausbildung zur Expertin der Islamic Finance zu beantworten hatte, drehte sich um die korrekte Vertragsabwicklung in der Sklavenhaltung. Dürfen alle Sklaven Handel treiben und Verträge abschließen? (Falls Sie es wirklich wissen wollen: Die richtige Antwort lautet nein.) Zählen Sklaven zum Anfangskapital? Wie werden Schulden bezahlt, die der Sklave während seiner Geschäfte für seinen Herren ansammelt? Und wer bezahlt die Schulden, wenn der Sklave während des Geschäfts stirbt? Was absurd klingt, hat einen rechtlichen Hintergrund: Die Haftung des Sklavenhalters. Sie soll auf den Wert des durch den Sklaven gehandelten Gutes und den Wert des Sklaven an sich beschränkt werden, so dass der Eigentümer für Transaktionen, die zwar in seinem Namen aber nicht durch ihn veranlasst wurden, nicht unbegrenzt belangt werden kann. Der Gedanke der Haftung durch den Sklavenhalter ist auch der Hintergrund des Kafala-Systems. Der Arbeitgeber haftet in den Golfstaaten für die Arbeitnehmer, Fehlverhalten auch in der Freizeit fällt auf ihn zurück. Er hat die volle Verantwortung für die Angestellten und verlangt dafür auch die volle Kontrolle über deren Leben. Das gilt für gehobene Angestellte genauso wie für einfache Haushaltshilfen. Erstere haben in der Regel jedoch die Mittel, um sich gegebenenfalls zu befreien, während letztere häufig in jahrelange oder sogar lebenslange Sklaverei geraten.

Die Prüfungsfragen waren nicht ungewöhnlich, auf Englisch gestellt und mit den entsprechenden Koransuren sowie Beispielen aus dem Leben des Propheten begründet. Auch das Treiben des IS wird so gerechtfertigt. Die Scharia handelt nicht von Ethik, sondern ist ein reines Regelwerk. Die Einhaltung der nach außen sichtbaren Handlungen und die Folgen der Nichteinhaltung ist ihr wichtigstes Element. Der Sinn der Regeln steht nicht im Vordergrund, sondern vielmehr die Abgrenzung der Muslime und ihrer Regeln in der Öffentlichkeit gegenüber dem nicht-muslimischen Teil einer Bevölkerung. Orthopraxie statt Orthodoxie. Die äußere Form bestimmt das Denken.

So ist es auch nicht unüblich, dass Vertretern der islamischen Finanzbranche Sklaverei als gegeben hinnehmen. Der einstige Leiter der Islamic Finance-Abteilung der Deutschen Bank und jetziges Mitglied des Scharia-Rates der Allianz Global Investors Luxembourg, argumentiert, dass Sklaverei in Pakistan besser reguliert als abgeschafft gehört. Offiziell ist Sklaverei in den meisten islamischen Ländern verboten, sie wird aber weiterhin praktiziert. Somit sei es einfacher, sie zu regulieren statt zu verfolgen.

Kritisch zu sehen sind auch islamische Fonds, die zum Beispiel in Luxemburg oder Irland notiert sind. Das Scharia-Screening schließt verbotene Produkte wie Alkohol und Schweinefleisch sowie hochverschuldete Unternehmen aus. Negativkriterien oder Positivkriterien hinsichtlich der Arbeitsbedingungen enthält es nicht. Mehmet Asutay, Professor für Nahost- und Islamische Politische Ökonomie und Finanzierung an der renommierten Durham Universität, wirft islamischen Finanzinstitutionen gesellschaftliches Versagen vor, da sie keinerlei Kriterien für ethisches Verhalten entwickelt hätten. Gleichzeitig sieht er in der modernen islamischen Finanzierung im Westen die Chance, über die Form tatsächlich zur Diskussion der Inhalte zu gelangen.

Die inhaltliche Auseinandersetzung aber wird nur gelingen, wenn wir uns den Tatsachen stellen. Die meisten Banken in Luxemburg stammen aus Deutschland. Baufirmen, die die Aufträge in Katar akquirieren, sind oft aus Deutschland. Die Spieler, die an der WM in Katar teilnehmen werden, sind unsere Landsleute, die unsere Länder dort offiziell vertreten. Die Zuschauer sind wir. Obwohl Sklavenhaltung bei uns einhellig verurteilt wird, akzeptieren wir sie und akzeptieren Systeme, die sie regeln, leichthin. Man müsse berücksichtigen, wo Katar herkomme, sagte der Vorsitzende der einstigen Arbeiterpartei Deutschlands bei seinem Besuch in Katar. "Es ist ein Land, (...) obwohl es sehr reich ist, auf dem Niveau eines Entwicklungslands, und das keinerlei Erfahrung mit Arbeitsrecht hat." Feigheit, dein Name ist Sigmar. Mit S wie Sklaverei.

12
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Bluesanne

Bluesanne bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:08

Claudia Braunstein

Claudia Braunstein bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:08

G. Szekatsch

G. Szekatsch bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:08

Richard Krauss

Richard Krauss bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:08

Livia

Livia bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:08

Andrea Walter

Andrea Walter bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:08

Silvia Jelincic

Silvia Jelincic bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:08

Herbert Erregger

Herbert Erregger bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:08

Mindwave

Mindwave bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:08

irmi

irmi bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:08

sumsum

sumsum bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:08

fischundfleisch

fischundfleisch bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:08

9 Kommentare

Mehr von Rebecca Schönenbach