Mohammed-Pixel oder warum jeder einen Imam hochnehmen sollte

Vor 10 Jahren, am 30. September 2005, publizierte eine dänische Zeitung ein paar harmlose Karikaturen. Zwölf Zeichnungen von Mohammed, dem Propheten des Islam. Wochen später starteten verschiedene Vertreter des politischen Islam eine Kampagne, die als die erfolgreichste politische Kampagne des letzten Jahrzehnts bezeichnet werden darf. Wer vor 11 Jahren prophezeit hätte, dass sich alle großen Medien weigern würden, Karikaturen einer religiösen Figur zu zeigen und sogar Menschen in Europa dafür umgebracht werden würden, wäre vermutlich ausgelacht worden. „Ach ja, und wann fangen wir wieder mit der Hexenverbrennung an?“

Die Strategie der islamischen Vertreter war erfolgreich, weil sie von dem Hinweis auf wenig friedliche Zeitgenossen begleitet wurde. Es sei nicht angemessen, Bilder von Mohammed zu zeigen, verletze die Gefühle von Millionen Muslimen und daher nicht zu verhindern, dass es zu gewalttätigen Reaktionen komme. Es wäre für alle besser, den Forderungen nachzukommen und weder Mohammed zu zeigen noch sonstige Kritik am Islam laut werden zu lassen. Die Strategie hat gewirkt, denn die Kalaschnikows, mit denen die elf Zeichner und Redakteure von Charlie Hebdo und ein Polizist ermordet wurden, waren real. Die Beteuerung lauterer Absichten ist besonders glaubhaft, wenn sie mit einer Kalaschnikow in Reichweite geäußert wird. So überzeugend, dass die Redakteure und Zeichner von Charlie Hebdo von einigen besonders moralisch empfänglichen Vertretern unserer Medienlandschaft statt ihrer Mörder für ihren Tod verantwortlich gemacht wurden. Anstatt die fraglichen Karikaturen wenigstens nach der Ermordung ihrer Zeichner zu zeigen, verpixelten einige Zeitungen die Zeichnungen sogar.

Letztes Wochenende kam ein Haufen unerschrockener Dänen mit ein paar internationalen Gästen auf Einladung der Free Press Society im Kopenhagener Parlament zusammen, um die letzten 10 Jahre Revue passieren zu lassen. Die Bilanz war erschreckend, die Stimmung dennoch zuversichtlich. Teilt das Risiko, war die Botschaft, denn je mehr wir sind, desto schwieriger wird es, jeden Einzelnen umzubringen. Das stimmt und verfehlt doch den entscheidenden Punkt, denn es akzeptiert die Logik, dass nur in Gefahr ist, wer sich frei und kritisch äußert. Letzteres stimmt nicht.

Islamische Terroristen und ihre Paten werden immer Anschläge planen und verüben, wenn sie nicht daran gehindert werden, völlig unabhängig vom Verhalten der Umwelt. Die meisten Opfer islamischer Terrorattentate sind Muslime, ein Argument, das gerne angeführt wird, um den Zusammenhang zwischen Islam und Terrorismus zu negieren. Es widerlegt jedoch nicht den Zusammenhang zwischen Terrorismus und islamischer Ideologie, sondern die Annahme, wir seien sicher, wenn wir uns nur still und kritiklos verhalten. Islamischen Extremisten ist die Welt nie islamisch genug, ob in Saudi Arabien oder in Paris. Oder, wie es der deutsche Verfassungsschutzchef ausdrückt:"Die Situation ist besorgniserregend, aber wir müssen keine Angst haben. Wir sollten uns darauf einstellen, dass Anschläge auch bei uns passieren können, auch wenn wir natürlich alles tun, um das zu verhindern. Man muss einfach wissen: Es besteht eine gewisse Gefahr.“

Damit fällt jedes Argument weg, sich dem Kritikverbot zu beugen. Je weniger Kritik geübt wird, desto unwahrscheinlicher ist die Entdeckung und Verhinderung von Terror. Je mehr Leute sich dem Diktat beugen, desto eher kommen falsche Helden an die Macht, die sich als Retter der Grundrechte gerieren, aber doch nur Fremdenfeindlichkeit sähen. Wer einmal erlebt, welche Angst die Herren und Damen mit Kalaschnikowhintergrund vor Kleinigkeiten haben, wird sie mit Freude konfrontieren. Bei einem Seminar an der ehrwürdigen Universität in Durham, einer der ältesten Universitäten Großbritanniens, diskutierte ich mit einem Produktentwickler für islamische Banken das Verbot von Spekulation. Es dürfe nicht sein, dass Futures von islamischen Banken verkauft werden, denn das Produkt sei zum Zeitpunkt des Kaufes noch nicht existent und der Preis werde trotzdem schon festgelegt. Dann könne er auch keine Halal-Pizza bestellen, hielt ich dagegen, das Produkt ist zum Zeitpunkt des Kaufes noch nicht existent und der Preis … Die Diskussion wurde von drei anwesenden Muftis unterbrochen und wir in eine nicht vorgesehene Kaffeepause geschickt. Nach der Pause war der Produktentwickler verschwunden und wir wurden von einem der Muftis mit einem Vortrag über die Gefahren verführerischer westlicher Reize traktiert. Ich weiß nicht, ob er mich oder die Pizza meinte, aber seitdem weiß ich, dass sich jeder Seitenhieb lohnt.

Das Video unten zeigt die Abschlussrede der oben erwähnten Veranstaltung, dem Anlass entsprechend von Mark Steyn mit Verve vorgetragen, die anderen Reden finden Sie hier. Mark Steyn führt unter anderem aus, was aus all jenen geworden ist, mit denen er fünf Jahre zuvor auf dem Podium saß. Nicht mehr auf dem Video ist leider die Fragerunde, bei der Steyn die noch fehlende Geschichte Shabana Rehmans erzählt, einer norwegischen Comedienne. Bei einer Debatte fragte sie den Islamisten Mullah Krekar, ob er zu einem Fundamentalismus-Test bereit sei. Dann hob sie ihn einfach hoch. Sie hielt den dicken kleinen Mann mit großem Bart ein paar Sekunden in die Luft. Krekar vermasselte den Test gründlich, er regte sich auf, bat die Journalisten, die Bilder zu löschen (einige kamen der Bitte sogar nach), zeigte Rehman an. Am nächsten Tag wurde ein Anschlag auf das Restaurant von Rehmans Familie verübt.

Es nutzt nicht, Mohammed zu verpixeln, ob in der Zeitung oder sogar in unseren Köpfen. Wir alle teilen das Risiko, ob wir U-Bahn fahren wie in Madrid oder London oder einem Marathon zusehen wie in Boston. Wir können alle nur gewinnen, wenn jeder von uns einen Imam hochnimmt. Es muss ja nicht gleich wörtlich sein.

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