Bangladesh am falschen Tag

Da ist man mal in der Ecke hier unten und denkt, man besorgt den Fufies Informationen aus ersten Hand und dann sowas: Wahlen!

Bangladesh ist etwa doppelt so groß wie Bayern oder fast doppelt so groß wie Österreich und hat rund 170 Millionen Einwohner, das sind 1100 Menschen je qkm. (Deutschland hat 240, Österreich 105, Europa 70 und Afrika 30 - nur mal zum Vergleich). Es hat 700 schiffbare Flüsse mit mindestens 8000 km Länge. Es ist das alte Begalen, zum größten Teil Delta des Ganges und des Brahmaputra und deshalb über weite Teile topfeben; kaum einen Meter über dem Meeresspiegel. Mindestens 10 % des Landes liegen unter einer Höhe von einem Meter über dem Meer, 30 Prozent unterhalb von 2 Metern. Taifune und Stürme, die das Wasser weit ins Land hineintragen, sind fast an der jährlichen Ordnung, da gab es auch schon hin und wieder mal ein paar Hunderttausend Ertrunkene. Schon beim Anflug sieht man dieses Mosaik von Land und Wasser bis zum Horizont und wenn wo grad kein Fluß verläuft, dann sind da sicher Seen, Tümpel und abgeschnitte Altflußarme aneinander gereiht. Der höher werdende Meeresspiegel drückt das Wasser bei jeder Flut tief ins Land hinein und lässt die fruchtbaren Böden nach und nach versalzen. Die Frischwasserbrunnen in den niederen Gebieten sind kaum mehr zu nutzen. Der Anstieg des Meerespiegels ist hier Realtität und auch Thema auch beim einfachen ungebildeten Menschen und sie diskutieren darüber. Die ziehen nämlich von den niederen Gebieten in die Hauptstadt Dhaka; täglich sollen es zweitausend Menschen sein, die zuziehen (müssen) weil ihnen in den Dörfern vom Meer die Lebensgrundlage, sprich Boden und Trinkwasser, genommen wird. Dhaka ist mittlerweile ein Moloch von 17 Millionen Menschen.

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Alte betteln klopfend an den Scheiben der Autos und die Kinder laufen dir über ganze Strassenzüge hinterher, um was zu ergattern oder geröstete Erdnüsse zu verkaufen, an denen irgendwas noch hängt, ob Erde oder Plastik vom Kupferbrennen, ist nicht zu definieren. Die Tuk-Tuk sind vergittert, der Fahrer macht von innen alle Riegel zu. Man fürchtet Überfälle oder Entführungen; auch Touristen sind davor nicht gefeit; aber es gibt ja wenige. Menschen fahren auf den Dächern der Züge mit, etwas was ich in diesem Ausmaß in Indien nie gesehen habe. Ich bin von Indien einiges gewohnt, aber gegen das hier ist Indien ist ein Wohlfahrtsstaat.

Rein kommt man nach Bangladesh fast nur mit dem Flieger, eine halbe Stunde von Kalkutta/Kolkata zumindest wenn nicht besondere Umstände bei der Einreise auf sich nehmen will; aber auch mit dem Flieger ist es nicht so einfach wie ich feststellen musste. Und da gings dann auch los. Sonntag sind hier Wahlen, der Oppositionsführer ist eingelocht und die Führer der Islamisten wurden vor ein paar Jahren gehenkt. Keine gute Basis für friedliche Wahlen und das war dann auch schon das Problem. Die Einwanderungsbehörden stellen diese Tage nur sehr restriktiv Visa aus und lehnen vor vorneweg am Flughafen alles ab, was keine feste Tour gebucht oder bucklige Verwandtschaft hier hat. Jeder mit dem man spricht; ja ich bin trotzdem reingekommen; sagt, dass am Wahltag hier alles, wirklich alles möglich ist.

Da half dann auch die Kollegen-Nummer nicht mehr viel weiter, obwohl dies Grenzer auch in der UN gedient hatten und wir glauben, dass wir mit denselben Leuten zusammenarbeiteten. Aber immerhin hab ich statt der 10 Tage nun doch zwei Tage Visa bekommen. Nicht viel, denkt man, aber angesichts der Impressionen reichts fürs erste auch mal.

Es reicht nicht aus um in der Sunderbans zu fahren um den steigenden Meerespiegel und die Tiger zu sehen oder mal so ne Klamottenfabrik in den Vororten von Dhaka zu suchen, aber Gespräche dazu hatte ich zuhauf.

Gefühlt bin ich heute der einzige Westler in diesem Moloch gewesen, zumindest hab ich in den überfüllten Gassen keinen anderen gesehen und auch am Flughafen war sie an einer Hand abzuzählen; die, die reinkommen sind waren Geschäftleute. Touris? Fehlanzeige.

Dafür wird man bestaunt, wie wenn man von einem anderen Stern kommt. Dabei haben sehr viele Männer genauso lange Haare wie ich, nur eben nicht auf dem Kopf, sondern im Gesicht. Bangladesh ist ein Staat mit einem tolerablen Islam; aber die "Mode" hier ist äußerst gewöhnungsbedürftig und im Westen mit unschönen Attributen belegt. Hätte sich Osama bin Laden hier versteckt, die Amis hätten ihn nie und nimmer gefunden. Für eingeschüchterte islamophobe Fufies also sicherlich kein geeignetes Urlaubsland, obwohl doch die Berge und Hügel, die Flüsse und die Schaufelraddampfer, die Krokodile und die Tiger allemal eine Reise wert sein sollen, aber um das zu erleben, muss ich nochmal hierher; mit dem Zug aus Kalkutta und wenn grad keine Wahlen sind.

Allerdings ist mir eines in der kurzen Zeit hier klar geworden: Mit dem steigenden Meeresspiegel verlieren hier zig Millionen Menschen ihre Heimat und das Land selbst wird sie niemals alle selbst aufnehmen können. Wenn die sich hier auf den Weg machen, und da ist es egal, wie stark unser Sozialsystem dahin demontiert wurde, dann wäre jeder von euch froh, um mich an Scholl-Latour anzulehnen, wenn nur Kalkutta käme.

Drüben in der BnB-Küche sitzen die Begalen gerade auf dem Boden und machen mit ihren Macheten das Gemüse fürs Frühstück morgen klein und ich werd dann in Kalkutta einen Stop einlegen, um dort das gemächliche Laissez faire der Altstadt genießen.

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