Die Vermarktung des Terrors.

Ist der Begriff des „Werther-Effektes“ geläufig? Die öffentliche Berichterstattung über Suizide, über die in den Medien ausführlich berichtet werden, führt zu einer erhöhten Suizidrate in der Bevölkerung.

Ursprung ist die Veröffentlichung von Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“. Der Suizid der Roman-Hauptfigur führte zu einer Welle von Suiziden, so auffällig, dass die Stadt Leipzig 1775 den Roman verbot.

An der Universität in Perth/Australien wird seit Jahren der Zusammenhang Medienberichterstattung und Terrorismus untersucht. Sie veröffentlichte eine Studie (leider nur käuflich zu erwerben),

in der 61.000 Terroranschläge von 1970 bis 2012 in über 200 Ländern untersucht wurden und mit dem Ausmaß der Berichterstattung der New York Times verglichen wurde.

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Das Ergebnis: Intensive mediale Aufarbeitung hat die Zunahme von Terrorattacken zur Folge. Jeder zusätzliche Beitrag über einen Terroranschlag erhöht die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Anschlages innerhalb einer Woche um den Faktor 1,4.

"Man sieht an den Tagen, an denen über einen Hurrikan und nicht über Al Kaida berichtet wird, dass es in der darauf folgenden Woche weniger Anschläge gibt", so die Aussage.

Sowohl bei Suiziden als auch bei Terroranschlägen, entschließen sich Menschen, die sich gerade an der Schwelle zur Tat befinden, eher dazu, diese auch auszuführen. Wer über einen Suizid nachdenkt, begeht diesen eher; wer über einen Terroranschlag nachdenkt, führt ihn eher aus. Für ambivalente Personen kann die Berichterstattung der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt – der kleine Anstoß, tatsächlich zur Tat zur schreiten.

Weiter kommt die Studie zum Schluss, dass es oft auch in der rationalen Planung der Terroristen liegt, auf die mediale Aufmerksamkeit noch ein paar weitere Anschläge folgen zu lassen, die dann mit weitaus weniger Aufwand noch größere Wirkung erzielt. Publicity ohne Ende – das sind die feuchten Träume der Daesh und des Terroristen-Nachwuchses.

Dass der IS und seine Sympathisanten die Medien zur Selbstglorifizierung zu nutzen wissen, ist an ihren PR-Videos im Web abzulesen.

Die IS-Strategie der allein handelnden Terrorzellen, die sich ohne großen organisatorischen Aufwand gebildet haben und die selbstständig losschlagen, nutzt diesen Effekt gezielt. Der Terrorist mit der Bombe oder hintem Steuer des Lkw ist nicht mehr einfach nur Ausführender, er ist der maßgebliche Entscheider für die Tat; es bringt ihm die Aufmerksamkeit und die Ernte seines Handelns unmittelbar.

Terroristen haben nicht das Ziel Menschen zu töten – aber das Töten von Menschen ist das Werkzeug der Terroristen mit dem sie ihre Ziele zu erreichen glauben.

Jeder Terroranschlag bietet den Terroristen die Bühne, die sie für ihre Ziele brauchen. Ihr Ziel ist es, Angst zu verbreiten, die Gesellschaft zu erschüttern und schlussendlich ihre Ideologie zu installieren. Der Terrortote ist „nur“ das Bühnenbild des öffentlichen Theaters für die Durchsetzung terroristischer Fernziele. Das war schon immer so, das ist der Kerngedanke des Terrorismus.

In Bezug auf die Suizde hat sich der Werther-Effekt bei den Journalisten herumgesprochen, der Pressekodex äußert sich eindeutig dazu.

Nicht über Terroranschläge zu berichten, kann nicht die Lösung sein. Da sind sich alle einig. In den USA wurde ein Verhaltenskodex für Journalisten in Bezug auf Amokläufe entwickelt: https://www.reportingonmassshootings.org/

Inhalt sind Handlungsempfehlung wie das Vermeiden der Veröffentlichung von Täterfotos, welche von diesem oft vor der Tat gezielt für die Presse gefertigt wurden oder die Vereinfachung von Sachverhalten zur Befriedigung der Sensationsgier. Weniger und sachlicher berichten, tiefgründige und zeitversetzte Analysen der Taten wäre der Vermeidung gesellschaftsübergreifender Ängste dienlicher.

Sensationsgierige Übertreibungen, Aufregerheadlines, die Verbreitung von Angst und Schrecken, Emotionalisierung, all das spielt den Terroristen in die Hände. Boulevardmedien wie Bild, Krone oder The Sun versuchen mit Panikheadlines Verkaufszahlen und Reichweite zu erhöhen.

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Einschlägige Agitations-Plattformen wie unzensuriert, heftig, RT, rechte Parteien und konservative Überwachungsstaat-Anhänger, die ihre Stimmenfang-Vorteile daraus beziehen, tragen ebenso ihren Teil dazu bei, dabei geht es dort nicht um Auflagen, sondern um politische Stimmungsmache. Dort tritt ein Effekt ein, der im Zirkelschluß diesen Medien im Nachhein wieder recht zu geben scheint - wohlweislich verschweigend, dass ihr Beitrag dazu kein unwesentlicher war. Dort erscheint der Eindruck, dass es gewünscht sei, dass mehr Anschläge stattfinden und wir gegen die Islam feindseelig "sensibilisiert" werden. Die unmittelbare Instrumentalisierung von Taten unabhängig von der tatsächlichen Urheberschaft und ohne Abwarten der tatsächlichen Gegebenheiten zeugt von diesen Absichten. Das Produkt "Terrorismus" wurde "erfolgreich" am Markt platziert und wird weiter kräftig verkauft, mit einem Wahrheitsgehalt, der dem der Werbebranche gleicht – im untersten Prozentbereich.

Auch die öffentlich-rechtlichen Sender sind von dieser Kritik nicht ausgenommen. Der fast inflationär gesendete ARD-Brennpunkt ist solch eine Überemotionalisierung. Der Terrorhypeeffekt des Boulevards und der rechten Nischenmedien, die ihre Leser in Angst und Schrecken versetzen, spielt den Terroristen direkt in die Arme. Aufregerheadlines in dicken wenigen Lettern sind fast eine Aufforderung es den Tätern nachzutun. Sie haben Züge einer „self fulfilling prophecy“.

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Terroristen planen und arbeiten mit den Reflexen der Medien. Hirn- und gedankenlose Übernahme jeder noch so flachen Schlagzeile sorgen lediglich für weitere Terroranschläge und mästen die Bilanzen solcher Mörder.

Die Medien, allesamt, müssen begreifen, dass auch sie ihren Teil zum Terrorismus bzw. der Bekämpfung mitbeitragen. Ob sie wollen oder nicht.

http://www.dw.com/de/werther-effekt-terroranschl%C3%A4ge-werden-nachgeahmt/a-40315360

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