Das Haus war in Brand geraten. Herr Grünert sah, wie es aus dem Dachgiebel auf der Südseite qualmte und klingelte bei den Nachbarn. Im Treppenhaus entspann sich eine Diskussion.

„Man sollte die Feuerwehr rufen“, sagte Herr Grünert. Einige fanden diese Idee vernünftig, andere waren jedoch empört. „Ein Feuerwehreinsatz in unserem Haus passt mir heute überhaupt nicht in den Plan, schließlich erwarte ich Gäste, ich bin gerade bei den Essensvorbereitungen“, meinte Frau Kleinkopf. Herr Kaufmann, Inhaber des Herrenausstattergeschäftes im Erdgeschoss, gab Herrn Grünert in ruhigem, aber bestimmtem Ton zu bedenken: „Sie wollen meinen Laden mit Löschwasser zerstören? Wissen Sie, wie es hier aussehen wird, wenn die Feuerwehr wütet? Die Familien meiner Angestellten, die ich dann wohl entlassen müsste, sind Ihnen völlig egal? Denken Sie gar nicht an deren Kinder, so kurz vor Weihnachten? Haben Sie kein Gewissen?“ Frau Kleinkopf fügte hinzu: „Und bei mir tropft dann das Wasser durch die Decke und beschädigt womöglich die gute Kommode im Flur! Sie ahnen ja überhaupt nicht, was dieses gute Stück wert ist! Vor allem die Erinnerungen, die Kommode ist von meiner Großmutter! Sie halten wohl nichts von Familie und Tradition?"

Während der Brandgeruch im Treppenhaus deutlicher wahrnehmbar wurde, kam es zwischen Herrn Volkert und Herrn Erdmann zu einer Diskussion über die Herkunft des Feuers. „Ich denke, es war Brandstiftung“, sagte Herr Erdmann. „So ein Quatsch“, entgegnete Herr Volkert spöttisch. „Brandstiftung gibt es überhaupt gar nicht. Feuer ist natürlichen Ursprungs und bewirkt viel Gutes. Ohne Feuer könnten wir kein Fleisch braten und müssten frieren. Feuer ist wichtig, eigentlich sollte man sogar Benzin hinzugießen. Außerdem ist überhaupt nicht bewiesen, ob unser Haus tatsächlich brennt“. „Aber so riechen Sie doch! Und sehen Sie denn den Rauch gar nicht?“, wandte Herr Erdmann ein. Da verlor Herr Volkert die Fassung: „Ihre Besserwisserei und Ihr manipulatives Gehabe können Sie steckenlassen! Das zieht bei mir nicht!“, zischte er den Nachbarn an.

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Herr Friedlieb schlug einen Kompromiss vor: „Doch, wir müssen handeln“, sagte er. „Aber so, dass alle mitgenommen werden und die Kommode nicht beschädigt wird und so, dass der Laden nicht schließen muss. Lasst uns einfach demnächst eine Tasse Wasser in das Feuer gießen. Oder zwei. Ganz vorsichtig.“

Unterdessen kam Herr Braun aus der ersten Etage hinzu, er war sichtlich aufgebracht: „Die im Radio behaupten, dass unser Haus brennt! Diese Lügenmedien! Zwangsgebühren abschaffen! Ich höre mir sowas nicht länger an! Die wollen doch nur, dass die Feuerwehr uns aus den Wohnungen zerrt und uns alles wegnimmt! Diktatur ist das, sowas gab es früher nicht!“ Unterdessen schlugen schon Flammen aus dem Dach.

Frau Swoboda aus dem vierten Stock ahnte nicht, was ihr blüht. Da sie oben unter dem Dach wohnte, hatte sie den Geruch zuerst bemerkt. „Es brennt, ich habe die Feuerwehr gerufen, sie müsste gleich da sein“, teilte sie den anderen mit, während sie nach unten eilte. Herr Braun fasste ihren Kragen und schrie: „Du hysterisches Weib, was fällt dir ein!“ Frau Kleinkopf rief: „Die hat doch noch nie zu uns gepasst, die ist ja auch nicht von hier, allein schon dieser Name! Soll sie doch hingehen, wo sie hergekommen ist!“ „Der geht es gar nicht um unser Haus“, fügte Herr Volkert hinzu, „sie will uns nur schlecht machen, weil sie uns hasst!“ Frau Kleinkopf legte nach: „Vielleicht braucht sie einfach einen Mann!“

„Es ist ungerecht“, jammerte Herr Friedlieb. „Überall auf der Welt brennen Häuser, aber wir sollen das unsere wieder einmal zuerst löschen. Ungerecht ist das. Immer wir.“

Herrn Grünert war es gelungen, Frau Swoboda vom Griff des Nachbarn zu befreien. Er eilte mit ihr ins Erdgeschoss. Sie halfen Herrn Kaufmann im Laden, die wertvollsten Stücke der neuen Kollektion in Kartons zu stopfen und aus dem Haus zu tragen. Während im Treppenhaus weiter geschimpft wurde, stand inzwischen der Dachstuhl in Flammen. In der Ferne hörte man Sirenen.

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Iris123

Iris123 bewertete diesen Eintrag 11.12.2019 04:43:52

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