Gedanken zum Weltflüchtlingstag.

(Wolfgang Wetzel) Gerade war, wie jedes Jahr am 20. Juni, der UN-Weltflüchtlingstag.

Leider hat die Zahl der Flüchtlinge weltweit auch 2017 nicht abgenommen. 68,5 Millionen Menschen waren auf der Flucht, der größte Teil davon als Binnenflüchtling im eigenen Land, so wie damals die Vertriebenen aus den Ostgebieten in Deutschland nach dem Krieg. Viele Deutsche können darüber aus ihren Familiengeschichten erzählen.

Der größte Teil der Flüchtlinge floh 2017 vor Bürgerkriegen, vor lebensgefährlichen Zuständen: Hauptquellorte der internationalen Fluchtbewegungen sind aktuell Syrien, Afghanistan, Südsudan und Myanmar (das frühere Burma), wo Muslime vertrieben wurden. Im Vergleich der weltweiten Zahlen spielt "Wirtschaftsflucht" praktisch keine Rolle - im Wesentlichen fliehen Menschen aktuell, um die nackte Haut zu retten.

Bürgerkriege werden mit Waffen geführt. Ein Teil dieses Waffenbestandes stammt aus Deutschland. Deutsche Firmen und deutsche Arbeitnehmer haben damit Geld verdient, viel Geld sogar. Es ist also nur recht und billig, dass sich Deutschland an der Linderung der Schäden beteiligt, die es selbst mit verursacht hat - indem es z.B. Kriegsflüchtlingen Asyl gewährt.

Wolfgang Wetzel Bündnis 90/Grüne Sachsen

Ich erlebe, wie die Flüchtlingskrise von 2015 unser Land, unser Gemeinwesen gebeutelt hat. So viele fremde Menschen auf einmal; staatliche Behörden haben da Übermenschliches geleistet, und sie haben - wie es bei einer solchen Herausforderung gar nicht anders sein kann - auch Fehler gemacht. Die bisweilen Furcht einflößende Perfektion deutscher Bürokratie sorgt aber dafür, dass diese Fehler inzwischen weitestgehend korrigiert sind. Und die Flüchtlingskrise von 2015 hat ja 6.000.000 Deutsche motiviert, als Staatsbürger Verantwortung für ihren Staat zu übernehmen und ehrenamtlich aktiv zu werden in der Flüchtlingshilfe. Auf dieses Deutschland bin ich tatsächlich stolz, weil es Verantwortung übernommen hat.

Und gleichzeitig verstehe ich: Besonders in deutschen Gegenden, in denen bis 2015 kaum ein Ausländer zu sehen war, verunsichert es viele Menschen, dass jetzt Leute auf der Straße sichtbar sind, die anders aussehen. Frauen mit Kopftuch z.B. Gemessen an objektiven Fakten sind es ja nur wenige, aber im Gefühl dieser Mitmenschen sind es Massen, die uns überrollen. Einige dieser Mitmenschen dachten fälschlicherweise, dass die Welt ein Zoo sei: Mit Billigtickets flogen sie in ferne Länder, um die Fremden anzuschauen, die in Nähe der heimischen Doppelhaushäfte freilich nicht willkommen sind. Dass die Welt klein geworden und kein Zoo ist, war nicht vorgesehen. Ich verstehe, dass das Menschen, die sich mit den Zusammenhängen der ungerechten Weltordnung - geschweige denn, was das mit unserem Konsumverhalten zu tun hat - nie wirklich beschäftigt haben, Angst macht.

Das, was wir aktuell als "Flüchtlingskrisen" empfinden, wird den uns nachfolgenden Generationen möglicherweise nur als hysterischer Lacher erscheinen. Selbst konservative Prognosen der Weltbank - und die ist wahrlich nicht linksgrün versifft - rechnen damit, dass wegen des Klimawandels in den kommenden Jahrzehnten Hunderte Millionen Menschen ihre Heimat verlassen und auf der Flucht sein werden. Ein Teil davon wird versuchen, nach Europa zu kommen. Dagegen werden keine verschärften Grenzkontrollen und keine Mauern ankommen. Das ist eigentlich schon jetzt völlig klar.

Wolfgang Wetzel Bündnis 90/Grüne Sachsen

Vernünftig wäre es deshalb, nicht die Flüchtlinge, sondern die Fluchtursachen zu bekämpfen. Man könnte die Folgen des Klimawandels durch radikale Reduzierung der CO2-Emmissionen eindämmen, wir tun das aber nicht, weil das negative Einflüsse auf unsere Konsumfreiheiten hätte. Wir könnten den Bürgerkriegen Nahrung entziehen, indem wir keine Waffen mehr exportieren, wir tun das aber nicht, weil an der Waffenindustrie Arbeitsplätze hängen. Wir könnten entschieden gegen den ungerechten Welthandel vorgehen, wir tun das aber nicht, weil Handys, Klamotten, Nahrungsmittel und andere Dinge dann teurer für uns würden. Wir denken kurzfristig. Politische Kräfte und Parteien, die uns einreden wollen, dass die Probleme mit Abschottung und Grenzkontrollen zu lösen seien, handeln dumm und verantwortungslos.

Quelle der Zahlen ist der UNHCR-Bericht für 2017. Die Zahlen der in Deutschland lebenden Flüchtlinge variieren je nach Quelle zwischen 970.000 und 1.600.000, je nachdem, wie die Einschlusskriterien formuliert sind (z.B. ob die Asylverfahren noch laufen oder schon abgeschlossen sind). Tagesaktuelle Zahlen sind auch deshalb nicht möglich, weil einerseits täglich neue Asylsuchende hinzukommen und andererseits täglich Flüchtlinge Deutschland wieder freiwillig verlassen oder abgeschoben werden.

Dieser Beitrag ist von und mit Genehmigung von Wolfgang Wetzel, Bündnis90/Die Grünen Sachsen.

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