Ich hab nichts zu verbergen….

„Zeig mir einen Menschen, der keine Geheimnisse vor seiner Familie, seinen Nachbarn oder seinen Kollegen hat und ich zeige Dir jemanden, der entweder ein ungewöhnlicher Exhibitionist oder ein unglaublicher Dummkopf ist.“

– Lutz Donnerhacke (Blogger)

Jeder kennt die Überschrift, auch hier konnten wir es oft lesen. Aber ist es wirklich kein Problem überwacht zu werden? Es ist nicht mehr wie damals, als noch einer um die Ecke stehen und lauschen musste.

Heute geht es um Vorratsdatenspeicherung, um Videoüberwachung, um den Lauschangriff in den eigenen vier Wänden, um den "Bundestrojaner", also die Online-Durchsuchung deines Computers, um das Abgreifen von persönlichen Daten von staatlichen und kommerziellen Stellen auf Facebook, in den Ämtern, Behörden, von Kundenkartendaten, deines Bewegungsprofils.. usw.

Du hast also nichts zu verbergen? Was meinst du denn, was du nicht verbergen willst? Weißt du, welche der Informationen über dich andere interessieren? Du hast doch eine Privatsphäre? Magst du es, wenn ich mich bei dir über die Schulter lehne und schaue, was du eben gerade liest? Aber genau das macht die Überwachung, wir merken es nicht, deshalb fühlen wir uns nicht gestört, aber Bruch der Privatsphäre ist genau verletzend; vielleicht gar mehr.

Was suchst du nachts im Internet? Wie oft, mit wem und welchen Sex hast du? Kiffen deine Kinder? Wie viele Bier trinkst du abends in der Kneipe? Hängst du deinen Lohnzettel außen an deine Haustür? Hattest du heute schon Stuhlgang? Würdest du auf der Autobahnraststätte eine Toilette ohne Tür benutzen? Hast du einen Vibrator? Wie ernährst du dich? Welche Farbe hat deine Unterwäsche? Schon mal eine HIV-Test gemacht? Wie ist der ausgefallen? Und warum hattest du überhaupt Sorgen, dass du den Test gemacht hast? Was würde der Müllkontrolleur (den es in der Schweiz tatsächlich gibt) in deinem Mülleimer finden?

robby@Banksy

Ich glaube, die wenigsten würden das alles frei in der Öffentlichkeit und ohne Einschränkung verlautbaren, denn das gehört zur Privatspähre und wird höchstens mit einem kleinen Personenkreis geteilt.

Aber genau diese Daten haben einen Wert. Sie sind für kommerzielle wie für staatliche Zwecke interessant. Unternehmen investieren viel Geld, um an diese Daten von potentiellen Kunden zu gelangen. Gibst du solche Daten kostenfrei heraus, dann ist das ein sehr schlechtes Geschäft. Aber natürlich kannst du die Daten verkaufen, beispielsweise über Kundenkarten, die dann 2% Rabatt geben. Da stellt sich zwar die Sinnfrage, aber immerhin ist es deine eigene Entscheidung.

Als Bürger hast du grundlegende Rechte, z.B. das Recht auf diese Privatsphäre. China gewährt dies seinen Bürgern nicht. China führt ein social-credit-system ein. Wer den Müll anständig sortiert und nie bei Rot über die Ampel gelaufen ist, hat auf Dating-Plattformen bessere Chancen, kriegt die besseren Schulen für sein Kind, bei Ämtern schneller einen Termin und bei Versicherungen bessere Leistungen. China will das Netz generell nach Daten scannen und diese den Bürgern zuordnen. Mit diesen Daten will China mehr als 50 Regierungsstellen beliefern. Übrigens sollen auch Kommentare in den sozialen Medien Einfluß auf den Sozialkredit bekommen. Wer in sozialen Medien kritisiert, oder gar gesperrt wird, bekommt Minuspunkte. Also, reißt euch gefälligst hier am Riemen, irgendwann könnte es relevant sein.

Gibts bei uns nicht? Glaub bloß das nicht. Schufa? Schon mal gehört? Ja, du stimmst der Aufnahme in diese Datei zu, sonst kriegst du keinen Handyvertrag. Aber wehe, da steht Unangenehmes drin, dann wars das mit dem Handy. Und jeder Verkäufer, der dich bedient, hat Zugriff auf diese Daten.

"Ich habe nichts zu verbergen!" Dieser Satz ist blanker Unsinn, und es geht nicht nur ums Verbergen vor der Polizei oder der Obrigkeit.

Keine der gespeicherten Daten ist vor illegalen Zugriff sicher; jedes System kann gehackt werden und jede Information kann verbreitet werden. Und jede noch so unbedenkliche Angabe kann jetzt oder später verwendet werden. Ist heute etwas legal, so kann es nächstes Jahr illegal sein und die Datei vergisst nichts. So kann es passieren, dass du nach 10 Jahren wieder irgendwo hinreist und im Knast sitzt, weil sich die politischen Umstände geändert haben. Du hast einen kritischen Post über die Türkei geschrieben, gar Erdogan als Ziegenficker beschimpft? Ich würde dir zur Zeit nicht raten, Urlaub in der Türkei zu machen.

Es gibt Menschen, die sitzen beruflich an den Quellen der Daten. Polizisten, Finanzbeamte, Bankangestellte, beim Arzt oder beim Anwalt im Büro oder beim Verfassungsschutz, Handyverkäufer… die Liste ist lang und jeder kennt jemanden, der so einen Job hat.

„Du kannst du mir mal einen Gefallen machen und bei dem oder jenem nachschauen?“ „Eigentlich darf ich das nicht, aber ok...“ Und schon weiß dein Nachbar von deiner Steuererklärung, deine Frau vom HIV-Test und dein Chef von deinen Schulden.

Das kommt öfters vor als man sich das vorstellt. So wurden nach der Einführung der Kontenabfragemöglichkeit durch die Finanzämter in einem Jahr allein in Mecklenburg-Vorpommern über 500 private Zugriffe von Finanzbeamten ohne dienstlichen Auftrag auf Konten von Bekannten bekannt; dabei waren es nur Stichprobenkontrollen die diese Verstöße aufdeckten. Gelegenheit macht Datendiebe.

Es gibt keine harmlosen Daten. Jede Information kann sich gegen einen selbst richten. In Kombination mit Profilingrastern und Data-Mining kann ein falsches Indiz schnell zum Verdachtsmoment werden. Wer 2007 von Deutschland aus online einen ipod für 79,99 Dollar kaufte und mit Kreditkarte bezahlte, gelangte auf eine Liste mit Verdächtigen von Kinderpornographie. Harmlos sind diese Ermittlungen nicht, auch wenn man sich nichts zu schulden hat kommen lassen oder dies zumindest glaubt; das merkst du spätestens dann, wenn die Leute mit der Dienstmarke an deiner Haustür klingeln und erstmal all deine Computer mitnehmen.

Deine Krankenkasse wird sich für die Kneipenrechnungen und die Rewe-Payback-Karte interessieren, deine Führerscheinstelle will wissen, wieviel Bier du abends konsumierst und die Polizei muss nichtmal vor deinem Haus warten, denn sie sieht an den Überwachungskameras ob du tatsächlich zu Fuß heimgehst! Glaubst du nicht? Schon heute kann dir das Finanzamt jeden Euro der über dein Konto fließt.. bzw. nicht fließt... unter die Nase reiben, und prüfen, ob dein Konsumverhalten auch wirklich deinem Einkommen entspricht.

In den USA läuft gerade ein Grundsatzverfahren, ob die Konzerne wie Google oder facebook die Daten ihrer weltweiten Kunden den Behörden liefern müssen. Deine Blogs gegen Trump oder Posts gegen Monsanto werden dich bei der Reise in die USA latent begleiten und, falls du Glück hast, den sofortigen Heimflug garantieren, ansonsten könnten ein paar Tage Knast deinen Urlaubsplan erweitern. In den USA können bei der Einreise jetzt schon die Zugangsdaten zu deinen sozialen Medien verlangt werden. In Österreich müssen bald Flüchtlinge ihr Handy öffnen. Demnächst kannst auch du dran sein: Vielleicht spickelt ja bald das Sozialamt in deine Whatsapp, um festzustellen, ob du einen Partner hast, der dich evtl. unterstützen könnte.

Zu guter Letzt kann auch die eingesetzte Software fehlerhaft sein. Bei massenhafter Überwachung wird es massenhaften zu Verdächtigungen kommen, unabhängig, ob du was zu verbergen hast, oder nicht.

Sammeln von Daten und Hüten von Geheimnissen sind Merkmale von Diktaturen. Würden sämtliche gesammelte Daten öffentlich zugänglich gemacht, wären sie wertlos. Würden ausschließlich öffentlich zugängliche Daten gesammelt, wären diese ebenfalls wertlos. Es ist offensichtlich nicht ausschließlich die Information an sich, die von Bedeutung ist, sondern auch die Tatsache, dass sie exklusiv ist und niemand weiß, dass sie existiert. Hier wird ein Geheimnis erzeugt.

Das Geheimnis ist seit Menschengedenken ein Element der Macht. Die Offenbarung der Existenz eines Geheimnisses ist eine implizite Drohung. In einer Diktatur dienen großangelegte Überwachungsprogramme vor allem dazu, Geheimnisse als Drohmasse gegen die Bevölkerung zu sammeln und Macht zu konzentrieren. Das funktioniert völlig unabhängig davon, ob der Einzelne etwas zu verbergen hat oder nicht.

Und nun holt euch Siri, Alexa und Cortana ins Haus. (@FuF: Hier wäre die Gelegenheit Werbung dafür zu schalten)

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G. Szekatsch

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