Im Wartesaal des Lebens – Das stillstehende Leben der Asylanten

„Im Wartesaal des Lebens“ heißt ein Bericht von Ahmet Cavuldak im Merkur. Er erzählt von den Erfahrungen in einem Asylanten heim und aber auch davon wie er sich aus dem stillstehenden Leben im Asylverfahren befreit hat.

Ahmet Cavuldat ist Kurde mit alevitischem Glauben, verbrachte seine Kindheit in Anatolien und kam 13-jährig Anfang der 1990er Jahre nach Deutschland. Der Grund war "ein unerklärter Bürgerkrieg zwischen Kurden und dem türkischen Staat". Das Asylverfahren dauerte fast ein Jahrzehnt. Er berichtet von der Ungewissheit und der Zukunftsangst, von Träumen und Hoffnungen, die jeder Jugendliche hat und von den Behörden einfach nicht zugelassen wurden. Er erzählt wie die Ungewissheit des Wartezustandes lähmte und Kraft raubte, von den kleinen verächtlichen Blicken, verweigerten Grüßen und das eiskalte Gefühl der Fremdheit.

Vom Menschen, die als Kinder flüchten, in ein neues Land kommen, dort aufwachsen und das Gefühl der Heimat oder wenigstens das der Akzeptanz erleben.

https://www.merkur-zeitschrift.de/2017/01/02/im-wartezimmer-des-lebens-heimat-fuer-fluechtlinge/

Im Wartezimmer des Lebens. Heimat für Flüchtlinge?

von Ahmet Cavuldak

Das Grübeln über Heimat und Heimatlosigkeit ist eine konstante Begleiterscheinung meines Lebens, seitdem ich in Deutschland bin; zum einen, weil ich oft darauf angesprochen werde, und zum anderen, weil ich selbst die bestimmt-unbestimmte Sehnsucht nach Heimat verspüre. Doch inzwischen glaube ich zu wissen, dass meine Sehnsucht nach Heimat nicht erfüllt werden kann; deshalb verwandelt sie sich oft in ein Hadern mit dem Schicksal, das irgendwo zwischen mir und der weiten Welt draußen seinen schwebenden Platz hat.

Ich bin kurdischer Herkunft und alevitischen Glaubens. Ich habe meine Kindheit im Osten der Türkei verbracht und bin als Dreizehnjähriger mit anderen Geschwistern Anfang der neunziger Jahre nach Deutschland gekommen. Mein Vater kam in den siebziger Jahren als Gastarbeiter ins Land, lebte und arbeitete in der Nähe von Ingolstadt, wobei sein Leben weitgehend aus Arbeit bestand – der Rest war Sehnsucht nach der Familie und den sonnigen Himmelsgegenden Anatoliens. Mitte der achtziger Jahre kehrte er in die Heimat zurück, als mein älterer Bruder bei einem Unfall ums Leben kam. Als sich die politische Situation in den kurdischen Gebieten der Türkei Ende der achtziger Jahre rasant verschlechterte, ein unerklärter Bürgerkrieg zwischen Kurden und dem türkischen Staat um sich griff, sah die Familie in Anatolien keine Zukunft mehr. Anfang der neunziger Jahre musste sie politisches Asyl beantragen, weil mein Vater seine Aufenthaltsrechte als Gastarbeiter verloren hatte. Das Asylverfahren dauerte beinahe ein ganzes Jahrzehnt.

In diesem Zeitraum waren die Ungewissheit und Zukunftsangst mir näher als mein Schatten; unter ihrer drückenden Last wurden meine Hoffnungen und Kräfte dünngerieben. Zum Leben kamen wir einfach nicht, weil die Erlaubnis dazu von den Behörden nicht erteilt wurde; ich fühlte mich gewissermaßen im Wartezimmer des Lebens. Als ich später die deutsche Redewendung »jemanden auf die Folter spannen« lernte, war ich sicher, sie sei erfunden worden, um meinen Gemütszustand in dieser Lage zu beschreiben. Eine raschere Entscheidung wäre sowohl in unserem Sinn als auch im Interesse der Aufnahmegesellschaft gewesen; die Ungewissheit im Wartezustand lähmte und raubte mir unnötig die Kräfte, die Angst vor einem möglichen Einzug in den türkischen Militärdienst tat ein Übriges, weil es mich als Kurden vor schreckliche Gewissenskonflikte gestellt hätte.

So war ich in den ersten Jahren meines Aufenthalts in Deutschland gut damit beschäftigt, meine Lebenszeit zu vertrödeln, in Erinnerungen an meine Kindheit zu schwelgen oder aber mich in Träumereien zu verlieren. Erinnerungen und Träume gaben mir ein Stück Halt, wo mich sonst nicht viel hielt; sie wurden mir zum kostbaren und traurigen Zufluchtsort in der Fremde – Ausdruck meiner Ohnmacht und Sehnsucht in einem Atemzug.

Anfang der neunziger Jahre kam ich mit meinen Geschwistern im Rahmen der Familienzusammenführung ins Land. Damals lebten meine Eltern in einer Unterkunft für Asylbewerber in der Nähe von Frankfurt am Main. In diesem Heim, das wohl ursprünglich ein Hotel von zweifelhafter Qualität gewesen sein muss, wohnten Menschen aus aller Herren Länder auf engstem Raum zusammen. Wir lebten zu fünft in einem Zimmer.

Hier gab es deutsches Standardessen für alle Flüchtlinge. Es gab zwar auch eine Kollektivküche; da aber die meisten gar kein Geld hatten, um sich Nahrungsmittel zu kaufen, blieb sie weitgehend ungenutzt. Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter öfter am Rand der Verzweiflung war, weil wir das Essen nicht essen konnten und sie für uns nicht kochen konnte. Der Geschmackssinn ist weitgehend eine Sache der Gewohnheit. Die Essenskultur prägt zutiefst das Lebensgefühl und die Identität eines Menschen. Heimat manifestiert sich nicht zuletzt auch in der Küche. Gleichwohl ließe sich gerade am Beispiel der Essenskultur vorzüglich zeigen, dass alte und liebgewonnene Gewohnheiten im Lauf der Jahre neuen Selbstverständlichkeiten weichen können.

Das Loslassen des Alten und die Annahme des Neuen gehen oft nicht ohne eine gewisse Reibung und Anstrengung über die Bühne; hat man aber zwischen beiden Erfahrungswelten mit Geduld und Neugierde eine Brücke geschlagen, schlägt das Neue meist als Bereicherung zu Buche. Um beim Essen zu bleiben: Ich wollte nicht mehr ohne die vielen und wunderbaren deutschen Brotsorten auskommen, mit denen ich längst ein kostbares Stück Magenfreiheit, ja Magenheimat verbinde.

Einmal hat uns ein Verwandter mit seiner Familie in dem Asylbewerberheim in Hattersheim am Main besucht. Wir waren regelrecht außer uns vor Glück; der Besuch erinnerte uns an unser früheres Leben, auf das wir stolz waren. Eine kleine Trübung gab es dennoch bei dieser kurzen Begegnung: Meine Mutter war gekränkt, weil sie unsere Besucher nicht würdevoll empfangen und bekochen konnte – ganz zu schweigen von der Möglichkeit einer Übernachtung.

Diesbezüglich gibt es eine Szene, die sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt hat: In dem Asylbewerberheim in Gersfeld (Rhön), in dem wir anschließend landeten und etwa ein Jahr verbrachten, besuchten uns einmal meine Onkel aus Paris. Es herrschte der schönste Ausnahmezustand, den man sich nur vorstellen kann: Das Wiedersehen geriet uns zu einem Fest. Leider währte es aber nicht lange, es sollte ein Traumfetzen bleiben, wie so vieles in unserem Leben im Exil. Am späten Abend kam der Eigentümer des Heims und forderte unsere Gäste ziemlich barsch auf, das Zimmer unverzüglich zu verlassen; das Sozialamt habe nur unsere Übernachtung bezahlt, und das Heim sei kein Hotel, wies er uns zurecht. Die flehenden Gesten meiner Mutter und die verzweifelten Erklärungsversuche meines Vaters konnten bei ihm nichts bewirken. »Raus hier, raus hier!«, brüllte er uns an, als wären wir bei einer militärischen Übung. Meine Onkel schüttelten nur noch den Kopf; der jüngste lachte etwas verlegen in die aufgelöste Runde hinein – er hatte bemerkt, dass der Eigentümer mit seinem Schnurrbart von fern einem Türken ähnelte, was ihn umso mehr irritierte –, konnte aber den Abgrund, der sich da unter unseren Füßen auftat, nicht mehr überbrücken. Sie gingen hinaus, um in dem Städtchen eine Bleibe zu finden. Das Gesicht meiner Mutter, das für mich eine der schönsten Landschaften der Liebe und des Frohsinns beherbergte, verwandelte sich im Nu in ein Grab; ihre Wut wurde nur noch von ihrer Hilflosigkeit übertroffen. Sie schlug sich mit beiden Händen auf die Knie und brach schluchzend in Tränen aus. Zuvor sah ich noch, wie sie einen vorwurfsvollen Blick auf meinen Vater richtete, woraufhin dieser verschämt und zitternd zu Boden sank. Für uns alle war es irgendwie ausgemacht, dass mein Vater als Familienoberhaupt verantwortlich war für diese Schmach. Dabei hatte er sich persönlich nichts zuschulden kommen lassen; er hatte sein Leben lang hart gearbeitet, sich liebevoll und redlich um seine Familie gekümmert und sogar anderen Verwandten und Bekannten großzügig geholfen. Nur die Welt schien sich dazu verabredet zu haben, die Verdienste meines Vaters nicht gelten zu lassen. Er fühlte sich ohnmächtig, verloren und vom Leben um seine besten Hoffnungen betrogen.

Bei meinem älteren Bruder konnte ich wenig später beobachten, wie diese Gefühle der Ohnmacht und Erfahrungen der Entwertung und der Entbehrung einen Entfremdungs- und Politisierungsprozess in Gang setzten, an dessen Ende die Entscheidung stand, mit seinen Möglichkeiten zur Entstehung eines kurdischen Staats beizutragen. Das Leben in Deutschland schien ihn auf Schritt und Tritt daran zu erinnern, was uns fehlte, um in Freiheit und Würde leben zu können: nämlich eine eigene politische Heimat namens Kurdistan.

Ich erinnere mich daran, dass die Berührung mit der deutschen Bürokratie für uns eine besonders anstrengende und schmerzhafte Erfahrung war; das Land zeigte uns dort seine kalte Schulter aus Beton und Formularen. Ich selbst habe auch Jahre später kaum einen lächelnden Menschen in einer Ausländerbehörde gesehen, weder unter den Beschäftigten noch unter den Flüchtlingen.

Auch mein Bruder war von diesen Umständen nicht gerade amüsiert und suchte die Lösung in der Flucht aus dem Exil zurück in die ersehnte Heimat. Als er 1999 im nordirakischen Kurdistan ankam, hat er wohl zunächst – wie er mir später berichtete – die Erde geküsst; er sah in den hohen, in den Himmel ragenden Bergen eine Burg der Freiheit für Kurden. Er war voller Elan und glaubte, er könne die Welt auf seinen Schultern tragen, bis er eines Tages merkte, dass er kaum noch sich selbst tragen konnte – so schwer wogen die Enttäuschungen.

Dass die politische Sehnsucht meines Bruders nach Beheimatung und »Erdung« nicht in Erfüllung ging und er nach langen und schwierigen Umwegen in Paris landete, um sein irdisches Glück im Schoß einer Familie zu finden, mag der Ironie der Geschichte geschuldet sein. Vielleicht hängt es aber auch schlicht mit der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Sehnsucht und Realität zusammen, die gerade in den modernen Gesellschaften sehr ausgeprägt ist. Je größer der utopische Überschuss einer Sehnsucht nach Heimat ist, umso bitterer können Enttäuschung und Ernüchterung sein; denn die Realität hat nicht die Gewohnheit, unsere Wünsche als Bestellung aufzunehmen.

Als ich selbst nach erzwungener vierzehnjähriger Abwesenheit das anatolische Dorf Şalliuşaǧi, in dem ich meine Kindheit verbracht hatte, erstmals wieder sah, war es mir so, als würde ich ein Museum besuchen. Das Leben, das ich in Erinnerungen aufbewahrt hatte, hatte sich in Staub verwandelt; aus den Ruinen meiner Kindheit stieg eine Wolke aus Rauch und Staub zum Himmel, die meine Augen rot werden ließ. Die verflossenen Jahre hatten einen unsichtbaren Vorhang zwischen mir, dem Ort und den Menschen gezogen.

Vieles in dem Dorf, das ich mit meinen kleinen Schritten tausendfach vermessen hatte und das mir früher so vertraut war wie die Innenfläche meiner Hände, war mir fremd geworden. Dabei war das äußere Erscheinungsbild des Dorfs noch das Harmloseste, auch wenn es mir wehtat zu sehen, wie rücksichtslos die Menschen die Natur verstümmelt hatten, um große und hässliche Betonhäuser zu bauen. Da ich wusste, dass es sich um Menschen handelte, die aus ärmlichen Verhältnissen kamen und später durch viel Arbeit und ein wenig Glück etwas Geld verdient hatten, das sie dann auch stolz zeigen wollten, konnte ich ihnen das nicht einmal übelnehmen.

Viel schwerer wog für mich, dass viele Verwandte und Bekannte, die mir am Herzen lagen, inzwischen verstorben waren; sie hatten gewissermaßen auf dem Friedhof ein eigenes Dorf errichtet. Unter ihnen befanden sich auch meine wunderbaren Großeltern, in deren Schoß und vor deren Augen ich die Welt und das Leben kennen, lieben und feiern gelernt habe; dass ich ihnen nicht einmal das letzte Geleit gegeben habe, beschämt mich zutiefst, obwohl es nicht in meiner Macht stand; es gehört wohl zu den unverzeihlichsten Begebenheiten eines von Zwängen und Nöten umgebenen Flüchtlingsdaseins, nicht einmal seine Toten zu Grabe tragen zu dürfen. Unter den Lebenden im Dorf waren nur noch wenige Menschen, an die ich Erinnerungen hatte; und für neue Bekanntschaften und Freundschaften fehlte dann doch die nötige Zeit und Ruhe. Ich traf viele Kinder und Jugendliche, die ich nicht kannte, und spätestens da musste ich erkennen, dass ich dem Ort meiner Träume ein ganzes Stück weit entwachsen war. Ich bleibe dem Dorf verbunden durch viele schöne Erinnerungen, meide es aber seit längerer Zeit, weil ich den Totenstaub in mir nicht aufwirbeln mag.

Würde ich Heimat webend in einen Teppich verwandeln können, so würde er einige Muster und Farben aus diesem Ort beziehen, von dem Lächeln und den Tränen der Menschen, die mir so nahe waren – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Zuweilen werde ich von Freunden gefragt, wo ich denn begraben werden möchte, obwohl ich noch relativ jung bin; es ist denn auch wohl eine drastische Maßnahme zur Ermittlung meiner Identität, Zugehörigkeit und Heimat. Meine Antwort darauf ist: Das mögen eines Tages meine Kinder entscheiden, weil nicht einmal die Toten nur sich selbst gehören – jedenfalls solange es die Liebe gibt zwischen Menschen und Gott, die Orte und Zeiten bezwingen kann, wenn nicht sogar am Ende den Tod.

Doch zurück zu dem Asylbewerberheim (man höre, staune und frage: ein Heim für Heimatlose?) in Hattersheim am Main, in dem wir etwa acht Monate verbrachten. Es gab dort weder Schulausbildung noch Sprachförderung, man wurde vollends sich selbst überlassen. Noch bevor ich das Deutsche als Sprache wahrnehmen konnte, lernte ich einige Brocken Englisch, weil das nun einmal auch unter den Asylbewerbern die Verkehrssprache ist. Von dort aus wurden wir nach Fulda umverteilt – wie es damals in der kalten Bürokratiesprache hieß – und landeten wieder in einem Asylbewerberheim.

Dort ging die kulturelle Schocktherapie in eine neue Runde; wieder lebten Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern, ja Kontinenten auf engstem Raum zusammen und warteten gebannt auf eine erlösende Nachricht von den Behörden, die ihnen ein Leben in Sicherheit und Freiheit bescheren könnte. Eine Art stumme Gewalt wohnte den Verhältnissen inne. Die Menschen konnten sich anderen nicht mitteilen, auch kaum bewegen; das Leben war wie stillgelegt. Die Blicke und Bilder von Menschen, die voneinander nichts anderes wussten, als dass sie im Leben kein Glück hatten und vor ihrem Schicksal fliehen mussten, wie es in einer anatolischen Redewendung heißt, haben sich mir damals eingeprägt.

Lediglich das Gefühl der Hilflosigkeit konnte unter den Flüchtlingen eine Art Solidarität stiften; nur vereinzelt gingen daraus Freundschaften hervor, Konflikte und Reibungsverluste waren hingegen öfter an der Tagesordnung. Dies ist insofern nicht verwunderlich, als viele zutiefst traumatisiert waren; damals schon war die Flucht für viele Menschen mit dem Todesrisiko verbunden. Welche fürchterliche Anspannung für die Seele von solch einer konkreten Lebensgefahr ausgeht, kann man sich kaum ausmalen. Man bleibt auch Jahre später noch davon gezeichnet; die Zeit heilt eben nicht alle Wunden. Und die Hoffnungen können die vielen Ängste und Verluste nicht aufwiegen.

In dem Heim im Umkreis von Fulda wurde ich eingeschult; ich wurde zur Hauptschule geschickt. Ich hatte damit eigentlich noch Glück. Denn Verwandte von mir landeten damals aufgrund der Sprachbarriere in der Sonderschule, aus der sie in der Regel nicht mehr herausfanden.

Ich habe etwa drei Jahre gebraucht, um mich in der deutschen Sprache ausdrücken und mitteilen zu können. Da mir in Anatolien im Schoß meiner Familie eine unbeschwerte und liebevolle Kindheit beschieden gewesen war, erlebte ich die Einreise nach Deutschland als schmerzhaften Bruch. Ich verlor schnell mein Selbstvertrauen, hatte kaum Resonanzboden. In den ersten Jahren schien es, als würde ich mit allem, was ich tue und sage, ins Leere greifen. Ich war nicht von Sinnen, konnte aber mit meinen Sinnen wenig anfangen; sprechend war ich stumm, hörend taub geworden.

Und oft hatte ich das Gefühl, mir seien die Hände und Füße gebunden, weil ich nicht wusste, wohin mit mir. Hilflosigkeit, Angst und Zorn lagen dicht beieinander. Es ist bezeichnend, dass ich mir nicht anders zu helfen wusste als durch Kampfsport. Erst größere Erfolge auf diesem Gebiet konnten mein angeschlagenes Selbstwertgefühl einigermaßen wiederherstellen; immerhin bin ich im Kickboxen deutscher Meister geworden. Ich musste mich regelrecht freikämpfen von den inneren und äußeren Zwängen. Diese innere Befreiung und Sammlung ermöglichte mir, dass ich auch in der Schule allmählich Fuß fassen und mit anderen Schritt halten konnte. Dabei muss ich im Rückblick den Beitrag einzelner Lehrerinnen und Nachbarn würdigen, die unseren Weg von so manchen Hindernissen freiräumten.

Ich erinnere mich insbesondere an ein älteres Paar, das meine Eltern in einer schwierigen Zeit kennengelernt hatten; sie ermutigten mich durch Zuspruch und halfen mir bei der Vorbereitung einiger Klausuren, wofür ich noch heute dankbar bin. In der Hauptschule machte ich ein Praktikum in einer Schreinerei; die Umgangsweise der dort arbeitenden Menschen empfand ich als grobschlächtig, mir gegenüber sah man sich nicht veranlasst, Rücksicht walten zu lassen. Es waren meistens kleine Gesten, die mir deutlich machten, dass ich nicht dazugehörte. Im Übrigen hat mich auch so manche Essgewohnheit irritiert; vor allem der Verzehr sogenannter Mettbrötchen mit rohem Fleisch und Zwiebeln bereits in den frühen Morgenstunden hat mich zutiefst befremdet.

Ich erzählte eines Tages meinen Eltern und dem deutschen älteren Paar von meinem Unwohlsein; daraufhin empfahlen sie mir, beim nächsten Mal ein Praktikum im Krankenhaus zu machen. Ihre Überlegung war, dass im Krankenhaus schwache und hilfsbedürftige Menschen seien, die es sich gewissermaßen nicht leisten könnten, nicht freundlich zu mir zu sein, um es noch freundlich auszudrücken. Und tatsächlich konnte ich später im Umgang mit kranken Menschen feststellen, dass wir spätestens im Leiden unseres Menschseins gewahr werden; das Leid und der Tod können einigermaßen verlässlich dafür sorgen, dass Menschen einander als Gleiche und Ebenbürtige wahrnehmen und respektieren, auch wenn einer solchen Haltung Macht, Ansehen und Geld immer wieder ins Gehege kommen. Aber wir können doch nicht darauf warten, dass alle Menschen alt und krank werden, damit wir einander als ebenbürtig achten.

Tatsächlich hapert es oft daran, dass Migranten und Flüchtlingen auf Augenhöhe begegnet wird; manchmal genügt schon ein verächtlicher Blick, nicht selten ist es aber auch der verweigerte Nachbarschaftsgruß, der einem das eiskalte Gefühl der Fremdheit vermittelt. Flüchtlinge haben eine dünne Haut, sie sind besonders verletzlich, weil sie vom Unglück niedergedrückt und aufgerieben sind. Umso wichtiger ist es, sie bei der Hand zu nehmen und ihnen als Menschen ebenbürtig zu begegnen.

Dies scheint aber nicht immer einfach zu sein, weil man sich von ihnen nicht viel verspricht, handelte es sich doch bei ihnen in der Regel um kaum qualifizierte Arbeitskräfte; man denke etwa an die Gastarbeiter aus der Türkei. Orhan Pamuk hat vor vielen Jahren einmal auf die Frage einer Journalistin, warum sich seine Romane in den Vereinigten Staaten oder in China so gut verkauften, aber nicht in Deutschland, sinngemäß geantwortet, die Deutschen seien gewohnt daran, dass die Türken ihren Müll abholten, nicht aber, dass sie feinsinnige Romane schrieben. Erst nachdem er 2007 den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, änderte sich allmählich die Wahrnehmung seiner Person und Literatur in Deutschland.

Müssen aber alle Migranten und Flüchtlinge Höchstleistungen erbringen und sich für das Land in jedweder Hinsicht als nützlich erweisen, damit sie als ebenbürtige Bürger anerkannt und respektiert werden? Anerkennung und Respekt sind nur Worte, als gelebte Realität aber können sie ganze Menschenschicksale ändern. Denn oft entscheidet sich in den konkreten Begegnungen mit Menschen, ob ein Flüchtling mit den Herausforderungen des Fremdseins zurande kommt; er braucht Hoffnung, Mut und Vertrauen zum Überleben, beinahe dringlicher als das Tagesbrot. Und dies wiederum kann dem Zugewanderten keine Behörde geben, sondern das können nur Menschen vor Ort, in der Nachbarschaft, im Verein, in der Schule, auf der Straße, die ihn ungezwungen und selbstverständlich grüßen, ihm mit Interesse und Empathie begegnen.

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