Migration ist die beste Entwicklungshilfe

Migration and Development von Fredrik Segerfeldt ist ein 140 Seiten starkes Dokument, das an Entwicklungspolitiker und die interessierte Öffentlichkeit gerichtet ist und eine deutliche Ansage ist: Freie Migration ist die beste Entwicklungshilfe.

Sein Ansatz ist einfach, aber bestechend: Statt Ländern zu helfen, sollten wir Menschen helfen. Die Menschen demonstrieren seit Jahrhunderten, dass Migration ein wirkungsvoller Weg aus der Armut sein kann. Wir sollten den Menschen deshalb keine Hürden in den Weg legen, wenn wir es mit der Entwicklungshilfe ernst meinen.

Im letzten halben Jahrhundert hat die Welt über 5 Billion US-Dollar an Entwicklungshilfe in die ärmeren Länder überwiesen. Der Erfolg ist eher mau; mancherorts wurde Not gelindert, aber nachhaltig ist das Konzept nicht. Oft treffen die Vorwürfe zu, dass sich die Elite des Landes das Geld auf eigene Konten transferiert. Es stabilisiert die Despoten und die korrupten Regime geradezu.

Die 17 ärmsten Länder Afrikas haben ein geringeres Durchschnittseinkommen als Schweden im 16. Jahrhundert. Das Bevölkerungswachstum, zunehmende Klimaveränderungen und die einseitige Wirtschaftspolitik der reichen Länder lassen die Entwicklungshilfe auch in den kommenden Jahrzehnten ein drängendes Thema bleiben.

Warum also nicht, das wohl allerwichtigste Werkzeug – die Migration – nicht besser nutzen? Migration kann das Leben der armen Menschen auf einen Schlag verbessern und nicht nur deren Leben, sondern auch das der zurückgebliebenen Familie, von heute auf morgen!

Wir diskutieren über Migration in der Sichtweise unserer Bevölkerung. Sinkt das Lohnniveau? Sinkt die Produktivität? Was kostet es die Sozialsysteme? Aber der Effekt von Migration hat die meisten Auswirkungen auf die Migranten selbst.

Migranten sind keine Verfügungsmasse westlicher Politik; sie sind motivierte Menschen. Es ist ihr Bestreben, ob Asylbewerber oder Arbeitsmigrant, ob legal oder illegal, ihre Lebensumstände und ihren Lebensstandart zu verbessern. Auch Flüchtlinge wollen sich in einem, wenn auch gezwungenermaßen, neuen Leben ihren Standard verbessern.

Segerfeldt erklärt: „Viele wollen schlicht aus der Armut fliehen. Aber wir erlauben es ihnen nicht. Deshalb sterben sie“ – und meint damit die Menschen, die seit nunmehr 20 Jahren in unserem Badeparadies am südlichen Ende des Kontinent ertrinken. Offiziellen Angaben zufolge 20.000 Menschen – nur die, von denen die Welt erfuhr.

Was ist der Grund, warum wir hier im Wohlstand leben? Sind es die persönlichem Umstände, ist es das „Humankapital“ oder die kulturelle Prägung? Dann würde ein Migrant hier weiterhin in Armut leben, wenn man ihm den Zugang zum Sozialstaate verwehren würde.

Das „Humankapital“ also die Schulbildung, die Sprachkompetenz und die technischen Fähigkeiten sind weit weniger ausschlaggebend als der Ort. Was wir können, ist sicher nicht unwichtig, aber wo wir es einsetzen können, ist ausschlaggebend.

Eine kulturelle Prägung sagt wenig aus. Die alte BRD und die DDR, Nord- und Südkorea, waren/sind Länder mit gleicher kultureller Prägung und mit sehr unterschiedlichem Lebensstandart. „Kultur alleine erklärt wenig oder nichts“ sagt Segerfeldt.

“Nicht, wer Du bist, bestimmt primär Dein Einkommen. Sondern, wo Du bist. Wenn es darum geht, welchen Lebensstandard Du erreichen wirst, dann ist die Frage, in welchem Land Du lebst, wichtiger als die Frage, was Du weißt und was du erlebt hast“ sagt Segerfeldt.

Was ist also „der Ort“? Fabriken, Technologien, Investitionen sind die Faktoren für „den Ort“; dazu die Instutitionen und die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Das schafft Orte mit hohem Lebensstandart; verhindert aber auch die Entwicklung an anderen Orten.

Segerfeld bringt ein Beispiel: 1980 fiel das Durchschnittseinkommen in Deutschland elfmal so hoch aus wie in Haiti. Doch das bedeutet nicht, dass ein Deutscher im Durchschnitt elfmal so viel verdient wie ein Haitianer. Denn zur gleichen Zeit betrug das Durchschnittseinkommen der in die USA ausgewanderten Deutschen nur das Anderthalbfache des Durchschnittseinkommens haitianischer Immigranten in den USA. Selbst durch entsprechende Selektionseffekte kann eine so große Diskrepanz nicht erklärt werden. Migration kann also große Wohlfahrtseffekte hervorrufen kann – einer Schlussfolgerung, der Ökonomen zustimmen.

Migration verbessert den Lebensstandart der Migranten. Über die Effekte hier kann man streiten, es ist aber fraglich, ob die Kosten hier höher sind, als Billionen von Dollar, die mit der Entwicklungshilfe in den Sand gesetzt werden.

Die Auswirkungen auf die in der Heimat zurückgebliebenen Menschen ist dagegen immens. Geldtransfers erfolgreicher Migranten an ihre Familien sind ein entscheidender Wirtschaftsfaktor dort. Im Kosovo besteht ein Drittel des Bruttoinlandsprodukt aus solchen Heimatüberweisungen, mit denen dort wiederrum komsumiert wird – in lokale Märkte aber auch in Produkte aus unseren Exporten.

Es wird geschätzt, dass 2013 etwa 550 Milliaren Dollar so geflossen sind. 414 Milliarden allein von der ersten in die dritte Welt. Das ist das dreifache der öffentlichen Entwicklungshilfe. Der wirtschaftliche Effekt in diesen Ländern wird nicht bestritten.

Segerfeld schließt daraus: „Je mehr Migration, desto mehr Rücküberweisungen“ Der Wohlstandszuwachs der Migranten wird verteilt und ist dort effektiver als die konventionelle Entwicklungshilfe; die oft in Bürokratie und Korruption versickert. Zusätzlich erfolgt ein Transfer von Ideen und Normen.

Es besteht natürlich die Gefahr des „Brain Drain“, also der Abwanderungen von Fachkräften. Malawi und Liberia haben einen Großteil ihrer Krankenschwestern durch Migration verloren. Die Philippinen dagegen sind die größte „Exportnation“ von Krankenschwestern geworden und haben den weltgrößten Pool von Pflege-Fachkräften aufgebaut. Die Rahmenbedingungen vor Ort sind deshalb ein wichtiger Faktor.

Segerfeld beschreibt den „Brain Gain“ und vergleicht das mit dem Sport. Die Möglichkeit eines jungen Fußballers in einem der Clubs in einem reichen Land zu spielen, motiviert viele andere auch, dasselbe zu versuchen. Es gibt eine Vielzahl von Talenten und guten Spielern mehr, die nicht alle in die reichen Länder wandern. So verringert sich der qualitative Unterschied zwischen den Vereinen in armen und den in reichen Ländern. Genauso werden auch mit der Chance auf ein Leben in einem reichen Land die persönlichen Investitionen der Menschen in eine entsprechende Bildung ansteigen. Zurück zu den Krankenschwestern: Es ist ein Beruf der im den armen Ländern äußerst schlecht bezahlt wird, weshalb die Motivation diesen Beruf zu erlernen nicht allzu groß ist. Allein die Möglichkeit einer Migration wird aber viel mehr Menschen dazu bewegen, sich diesem Beruf zu widmen. Die Phillipinen haben gezeigt, dass es möglich ist. Die „Krankenschwesterndichte“ ist doch weitaus größer als in den reichen Ländern.

Ist der Erfolg von Entwicklungshilfe daran zu messen, dass weniger Menschen aus der Dritten Welt auswandern wollen? Oder bedeutet gerade mehr Migration eine bessere Entwicklung? - nicht für die Staaten, aber für die Menschen-

Segerfeld schlägt abschließend vor, dass die entwickelten Staaten mindestens 3% ihrer Arbeitsbevölkerung einwandern lassen – als Gastarbeiter, ohne Staatsbürgerschaft, ohne Sozialleistungen – Ist das zuviel verlangt?

Zum Nachlesen; der vollständige Bericht in englisch: https://static1.squarespace.com/static/56eddde762cd9413e151ac92/t/56f6f63190634097447b3b90/1459025459930/Migrations-and-Development-FINAL-2.pdf

Zum Thema auf deutsch:

http://de.irefeurope.org/Fur-offene-Grenzen-Migration-kann-Leben-dramatisch-verbessern,a0948

http://www.offene-grenzen.net/2016/02/22/migration-die-beste-entwicklungshilfe/

shutterstock / durch Janossy Gergely

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