Nationales Kulturgut „Plastiktüte“?

Endlich tut sich was an der Plastiktüten-Front.

"Ich werde mit meinem Haus jetzt ein Plastiktütenverbot auf den Weg bringen", kündigte die SPD-Umweltschutzministerin Svenja Schulze an. Sie will ein Verbot von Plastiktüten im Handel.

Bayern Ministerpräsident Söder hat Ende Juli eine Bundesratsinitiative zum deutschlandweiten Verbot von Plastiktüten angekündigt und Entwicklungsminister Müller von der CSU hat ein Ausfuhrverbot von Plastikmüll in Entwicklungsländer gefordert.

24 Plastiktüten pro Jahr und Person

Immerhin hat sich seit 2016 der Verbrauch von Plastiktüten halbiert, eine Folge einer freiwilligen Selbstverpflichtung des Handels; aber immer noch nutzt der Deutsche durchschnittlich 24 Plastiktüten im Jahr.

Plastiktüten sind nur ein Teil des deutschen Plastikmülls, ist aber dessen symbolkräftigster Vertreter der Gegenwart.

pixabay

Laut Umweltbundesamt wurden 2017 46 Prozent der gesammelten Kunststoffabfälle „werkstofflich“, 53 Prozent „energetisch“ und nur 1% „rohstofflich“ verwertet.

Die „energetische Verwertung“ ist schlichtweg die „Verbrennung“; entweder gleich in Müllverbrennungsanlage oder als „Ersatz für fossile Brennstoffe“ z.B. in Zementwerken oder Kraftwerken.

Die „werkstoffliche Verwertung“ ist nicht mehr als die Umdeklarierung von Müll zu Wertstoffen, die anschließend in Drittländer exportiert werden; immerhin 80% werden exportiert. In diesen Ländern wird der Müll dann meist auf Müllhalden endgelagert, verbrannt oder gleich ins Meer gekippt.

Unsere Recyclingquote wird fast ausschließlich durch Verbrennen und Export erfüllt.

Nein, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Wir kippen den Müll nicht ins Meer; wir bezahlen andere, damit sie dies in unserem Auftrag tun. Hauptsache der Müll ist aus unseren Augen und wir haben damit nichts mehr zu tun.

Standardlösung gesellschaftlicher Probleme

Wir behandeln unsere gesellschaftliches Problem des Mülls genauso wie wir andere gesellschaftliche Probleme behandeln: Wir exportieren es aus unseren Augen, waschen die Hände in Unschuld und deuten mit den blutigen Fingern auf andere.

Australien ist da ein Stück weiter. Es hat erkannt, dass jede Wohlstandgesellschaft für den eigenen Müll verantwortlich ist. Australien will den Müllexport, egal ob Müll oder umdeklarierte „Wertstoff“ verbieten.

China weigert sich seit einiger Zeit europäischen Müll aufzunehmen. Das brachte die europäische Müllindustrie an den Rand des Kollapses. Sie suchte sich sich neue Abnehmer. Malaysia, Indonesien und Kambodscha wollen den teilweise illegal eingeführten Plastikmüll wieder in die Ursprungsländer zurückschicken. Die Müllcontainer werden nach Herkunftsnachweisen durchsucht, was bei Plastikmüll nun wahrlich kein Problem ist; auf jeder zweiten Verpackung stehts ja drauf.

Neuerdings geht der Plastikmüll auch auf dem Transport „verloren“. Man kann davon ausgehen, dass er auf hoher See containerweise im Meer versenkt wird.

Hauptanteil des Plastikabfalls in der Umwelt.

Vermutlich machen Plastiktüten den Hauptanteil des Plastikabfalls in der Umwelt aus.

Ein Plastiktüte wird im Schnitt 25 Minuten benutzt und braucht je nach Kunststoffsorte bis zu mehreren tausend Jahre um sich zu zersetzen. Sie sind leicht und werden durch Verwehungen oft unbeabsichtigt in die Umwelt getragen. Dort werden sie mit Futter verwechselt und sammeln sich in den Mägen von Meeresschildkröten, Vögel, Robben oder Walen an, bis diese verhungern. Sie nehmen Korallen das Licht und töten sie ab, sie schnüren und verstümmeln Gliedmaßen von Vögeln und halten Wasser in den Nestern. Dass Jungstörche deswegen in ihren Nestern ertrinken ist keine Seltenheit.

Weltweite Vorreiter

In Bangladesh sind sein dem Jahr 2000 Plastiktüten komplett verboten. So eindringlich meine Erfahrungen in Bangladesh waren, Plastiktüten sah ich keine auf den Strassen von Dhakka.

In Bhutan, Burundi, einige Staaten Indiens, Kenia, Ugangda, Ruanda, Malawi, Tansania, Marokko und Papua-Neuguina sind Plastiktüten weitgehend verboten.

Warum die und wir nicht?

Wenn diese Staaten es hinbekommen, sollte es für eine leistungsstarke und innovative Nation wie Deutschland doch auch kein Problem sein? Oder doch?

Immerhin tut sich was, wie wir jetzt sehen. Wir dürfen gespannt sein, was am Ende rauskommen wird.

Wie zu erwarten ist die AfD gegen ein Plastiktütenverbot und begründet dies mit dem Wohl der Entwicklungsländer......????

Ja Leute, echt: Sie macht sich Sorgen um den Job dieses kleinen Mannes:

pixabay

Sie sieht in dem Verbotsvorhaben eine weitere Bevormundung der Bürger und verweist auf Deutschland als „Recycling-Weltmeister“. Offensichtlich ist man dort der Meinung, dass jeder Bürger selbst entscheiden darf, ob seine Tüte im Magen eines Wales gefunden wird und verkennt, dass die Weltmeisterschaft nur im Verbrennen und Umdeklarieren von „Müll“ zu „Werkstoffen“ besteht. Da sind Salvinis Mafiafreunde in Italien ehrlicher zum Volk, sie kippen es an den Stadtrand.

Vielleicht aber ist ihr auch nur die Tatsache ein Dorn im Auge, dass afrikanische Länder beim Thema Müll viel weiter sind als Deutschland.

Bleibt zu warten, wann die BILD_Zeitung Partei ergreif und die Plastiktüte zum „Nationalen Kulturgut“ erklärt.

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