Traumabehandlung in Flüchtlingsunterkünften?

Flüchtlinge fliehen nicht umsonst. Sie fliehen oft vor Krieg und vor Verfolgung. Menschen aus Kriegsgebieten haben oft direkte Bombeneinschläge in ihren Häusern erlebt, haben oft Partner, Kinder und Angehörige verloren, sie erlebten wie Kriegsparteien Nachbarn oder Verwandte abgeholt haben, von denen sie nie mehr was gehört haben oder sie saßen selbst in den Folterkellern von Assads Schergen und konnten sich vielleicht nur mit viel Glück und Schmiergeld freikaufen. Sie lebten ständig in der Angst, zwangsrekrutiert, vertrieben oder getötet zu werden. Sie wussten, dass jeder Einkauf, jedes Betreten der Straße ihren Tod bedeuten kann. Es sind Belastungen, die irgendwann so groß werden, dass sich die Menschen zur Flucht entscheiden müssen.

Dann beginnen die Strapazen der Flucht. Wo komme ich unter? Wie ernähre ich meine Kinder? Kann ich hier bleiben oder schickt mich die Polizei zurück? Eines der eindrucksvollsten Fluchterlebnisse ist sicherlich eine Überfahrt mit einem Schlauchboot. Wenige Kilometer in völliger Dunkelheit nach Lesbos oder tagelang übers Mittelmeer nach Lampedusa. Ausgeliefert dem Wohlwollen krimineller Schleuser und maroder Ausrüstung. Zerlumpt mit wunden Füßen kommen sie irgendwann irgendwo an und können nur hoffen, dass ihnen Schutz gewährt wird. Doch auch das dauert meist Jahre. Jahre der Unsicherheit, Jahre der Angst. Jahre an einem fremden Ort, mit fremden Kultur, fremder Sprache und geringen Chancen gesellschaftlich dort auch schnell Fuß zu fassen; oftmals zu monate- gar jahrelanger Untätigkeit verbannt.

Flüchtlinge sind vom Verlust ihrer Heimat und Familie und den Fluchtumständen schwer belastet. Hinzu kommen widrige Umstände in Sammelunterkünften, wie Enge, Unsicherheit und gerade für Frauen oft auch Missbrauch und Ausbeutung, selbst an dem Ort, an dem sie Schutz erhofften.

Manche Flüchtlinge hätten Unvorstellbares erlitten, sagte eine Psychoanalytikerin vom Sigmund-Freud-Institut. So habe eine Bewohnerin des „Michaelisdorfs“ in Darmstadt bei ihrer Schwangerschaft Komplikationen bekommen. Im Gespräch habe sich herausgestellt, dass sie drei Kinder im Mittelmeer verloren habe, ihr Mann in Athen in einem Lager feststecke und ihre 16-jährige Tochter, die sich allein nach Deutschland durchschlagen wollte, verschwunden sei.

Baden-Württemberg hat 1100 traumatisierte Jesidinnen aufgenommen, die unter Menschenhandel und Vergewaltigungen unter IS-Herrschaft gelitten haben. Sie erhalten psychotherapeutische Betreuung. Andere haben weniger Glück, sie erhalten sehr schwer Hilfe; wer in Sammelunterkünften lebt schon gar keine, dort ist selbst ein einfacher Arztbesuch mit viele bürokratischen Hürden und behördlichen Einsparversuchen verhaftet.

Auch verlässliche äußere Strukturen und Tagesabläufe sind die Voraussetzung zur Heilung verletzter Seelen. Wenn Flüchtlinge den ganzen Tag nichts zu tun hätten, kehren traumatische Erlebnisse zurück.

Menschen mit schwersten Traumatisierungen, mit schrecklichen Erlebnissen und ständig bohrender Existenzangst schaffen es alleine nicht, diese Belastungen zu verarbeiten. Psychotherapeutische Behandlungen sind hilfreich und können Balsam für die Seele sein. So spricht sich auch Leuzinger-Bohleber für Traumabehandlungen in Flüchtlingsunterkünften aus.

Auch wenn es Geld kostet, so überwiegen die Vorteile bei Weitem. Eine frühe Behandlung vermindert die Behandlungskosten und -zeit immens. Sie interveniert und lässt negative Entwicklungen, wie Radikalisierung frühzeitig erkennen. Der unreflektierte Kreislauf der Gedankenvorgänge, die in letzte Konsequenz bis hin zum Suizid oder Anschlag führen können, kann rechtzeitig unterbrochen werden. Zwei Gespräche, zuhören und ein paar praktische wie moralische Verhaltenshinweise reichen oftmals aus, die Gedankenspirale zu unterbrechen und die Entwicklung in bessere Bahnen zu lenken; wenn es auch keine vollständige Therapie ist. Das kombiniert mit behördlichen Anstrengungen gegen eine Radikalisierung zahlt sich allemal aus.

„Psychotherapeuten sind rar in Deutschland“, wird gleich jemand einwenden, „versuch mal einen Termin zu bekommen, da wartet man bis zu einem Jahr“. Die Wartezeiten sind da, das stimmt, doch liegt das nicht am Mangel an Therapeuten sondern der Krankenkassenpolitik die die Zahl der Praxis künstlich klein hält und dort auch die Mitarbeiter beschränkt.

Ausgebildete Psychotherapeuten gibt es zur Genüge, an der Frage der Kassenzulassung sollte es nicht scheitern, da sind lediglich gesetzliche Vorgaben bei weniger Bürokratie notwendig.

shutterstock/Nicolas Economou

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Jake Ehrhardt

Jake Ehrhardt bewertete diesen Eintrag 27.07.2016 11:13:56

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