Deutschland ist eines der reichsten und sichersten Länder. Die Kriminalitätsrate ist so niedrig wie noch nie und um die Staatsfinanzen beneiden uns 95% aller Länder. Hört man sich allerdings in den Debatten um, dann müsste man meinen, wir seien ein Land voll mit Opfern. Ostdeutsche fühlen sich als Opfer der Wiedervereinigung, Männer fühlen sich als Opfer von Seximus, eine Partei sieht gar das ganze Land als Opfer seiner eigenen Vergangenheit, in der historischen Literatur soll das N-Wort mit „N-Wort“ ersetzt werden und wenn sich Verlage Gedanken zu Inhalt und Ethik von Literatur machen, werden sie mit Hass-Botschaften überschwemmt – nur ein paar Beispiele einer tiefen Selbstviktimisierung.

"Schuld an den eigenen Empfindungen sind immer die anderen"

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Die Debatte, insbesondere in den Medien und in der Gesellschaft wird von einer aggressiven Hypersensibilität bestimmt. Wer widerspricht, erntet eine Empörungswelle, der Andersdenkende wird zum Feind erklärt. Das entwickelte sich in den letzten Jahrzehnten auch in linken Kreisen, beginnend mit der legitimen Verteidigung von Minderheiten und Minderheitenrechten, die vehement und nachdrücklich eingefordert und verteidigt wurden.

Menschen aus den rechten Denkkreisen inszenieren sich nun oft als Opfer ebendieser Minderheiten und somit als Opfer derjenigen, die diese Minderheiten verteidigen.

Sigmund Freud schrieb in „Das Unbehagen der Natur“:

„Je zivilisierter eine Gesellschaft, desto mehr Über-Ich-Kräfte benötigt sie, um das Barbarische im Zaun zu halten. Und desto depressiver, nervöser und verletzlicher wird sie."

Er sieht das menschliche Unglück in der Übermacht der Natur, der eigenen Vergänglichkeit und der Schwäche in der Beziehung zu anderen Menschen. Diese Schwäche, die meist nicht in der Hand des Menschen selbst liegen, fühlt der Mensch als ein „Unbehagen“.

Der Deutsche weiß tief in seinem Inneren, dass er unglaublich privilegiert ist, sowohl global gesehen, wie auch gesellschaftlich. Und er weiß, dass diese Privilegien mit einer Verantwortung einhergehen; eine Verantwortung, die Ressourcen zu schonen, eine Verantwortung zum Teilen und eine Verantwortung, den Lebensstil zu ändern. Andernfalls glaubt er, er müsse sich den Vorwurf gefallen lassen, selbstsüchtig zu ein.

Das linke Spektrum identifiziert sich eher mit den Opfern und versucht die moralisch weniger einwandfreien Seiten zu kompensieren. Mit der Benennung der Problematik sucht dieser eine Problemlösung.

Die Strategie von eher rechts stehenden Menschen funktioniert entgegengesetzt: „Derjenige, der Schuldgefühle verursacht, der wird zum Täter erklärt:

Der menschengemachte Klimawandel wird zur Verschwörungstheorie erklärt, bedürftige Menschen zu Schmarotzern, benachteiligte Minderheiten wie Flüchtlinge oder Homosexuelle werden zu Aggressoren mit Privilegien und wer zur Moral ermahnt, ist der Gutmensch, der die Meinung unterdrückt. Er fürchtet selbst zum Opfer zu werden, wenn er sich zu sehr in die Situation der benachteiligten Menschen hinein versetzt.

Selbstviktimisierung

Der ultimative Exzess dieser Abwehr der Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle beschreibt der Psychologe Arno Gruen. Er beschreibt in seinem Buch "Der Fremde in uns", wie im Dritten Reich das Abgelehnte auf Fremde projiziert wurde, um es mit diesen zusammen vernichten zu können. Im Kern handelte es sich damals auch um Verschwörungstheorien von Opfererzählungen, um die eigene Gewalttätigkeit legitimieren zu können.

In der Moderne wird Gewalt nur legitim angesehen, wenn dadurch größere Gewalt verhindert werden kann. Wer also gewalttätig sein will, muss zuerst das Feindbild zur größeren Gefahr und somit sich selbst zum Opfer erklären.

Wir kennen das z.B. aus dem Irak, in dem zuerst Massenvernichtungswaffen „gefunden“ werden mussten, um dann die Invasion rechtfertigen zu können.

Es klingt tragisch und komisch zugleich: Wir sind Opfer, aber wird sind Opfer unserer Zivilisation und des Zeitgeistes. Je weniger Gewalt in einer Gesellschaft vorherrscht, desto leichter müssen wir zum Opfer werden.

Ein Verantwortungsgefühl ist unangenehm, das Opfergefühl ebenso. Letzteres hemmt zusätzlich die Lösungssuche.

Eine Verantwortung für das eigene Leid und für das Leid in der Welt lässt den Wunsch entstehen, sich davon zu befreien. Sündenböcke sind seit altersher ein angenehmes Mittel die eigenen Schuld- und Ohnmachsgefühle umzuleiten.

Die "Schuldkult-Rede" ist nichts Minderes als ein scheinbares Balsam auf Unterlegenheitsgefühle, die aus unserem Wirtschaftsgefühl resultiert.

Dem Rechtsruck wird bald der Katzenjammer folgen, denn die Probleme sind schlichtweg falsch adressiert.

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http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/littheo/methoden/kulturtheorie/darstellungen/Schmidt_FreudUnbehagen.pdf

https://www.klett-cotta.de/buch/Philosophie/Der_Fremde_in_uns/5118

http://www.deutschlandfunk.de/arno-gruen-der-fremde-in-uns.730.de.html?dram:article_id=101811

https://www.perlentaucher.de/buch/jan-philipp-reemtsma/vertrauen-und-gewalt.html

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