Sucht und Spott und Grausamkeit

Vor kurzem habe ich im Internet mit jemandem diskutiert, dessen Kommentar in irgendeinem Forum gelöscht worden war, offenbar weil er Ursula Stenzel darin eine „Schnapsdrossel“ genannt hatte. Er hat das überhaupt nicht verstanden.

Ich schon.

Es gibt da einen deutschen Minister, dessen Zynismus wirklich zum Kotzen ist. Man könnte ihm stundenlang alles Mögliche vorwerfen, nur eines nicht: Dass er im Rollstuhl sitzt. Denn das ist kein Charakterfehler.

Wenn eine geschniegelte Industriemarionette eines der besten Sozialsysteme der Welt ruiniert und sich auf Wahlplakaten gern in gruseliger Leni-Riefenstahl-Optik zeigt, dann fällt mir dazu vieles ein und nichts davon ist schmeichelhaft. Nur eines tu ich sicher nicht: Mich wie so viele andere über seine großen Ohren lustig machen. Denn das ist eines der ganz wenigen Dinge, für die er nun wirklich nichts kann.

Und wenn ein Politiker, den ich aus vielen Gründen zutiefst verabscheue, zum Gehen einen Stock braucht, dann ist das das allerletzte was mich an ihm stören könnte.

Alkoholsucht ist wie jede Sucht eine schlimme Krankheit, unter der sehr oft niemand mehr leidet als die Betroffenen selbst. Es gibt viele Gründe, da hinein zu rutschen – jugendliche Dummheit, ein Schicksalsschlag, ein großer Schmerz, gesellschaftlicher Druck zum Mitmachen – und das Teuflische daran ist, dass man selten sofort bemerkt, was mit einem passiert. Wie aus dem täglichen Bier oder Vierterl irgendwann zwei werden und dann drei. Wie man kein Wochenende mehr durchdrückt ohne ein fröhliches Gelage. Wie man sich nach einem stressbelasteten Tag nur noch mit einem Drink entspannen kann. Wie die Einsamkeit einen immer öfter zur Flasche greifen lässt, oder umgekehrt: Wie man „dazugehören“ will, wenn die Freunde einen heben.

Niemand wird vorsätzlich süchtig. Es passiert. Es passiert wie ein Unfall. Und hat sich die Sucht erst einmal manifestiert, ist es meist zu spät, „einfach so“ wieder aufzuhören, es geht nicht mehr. „Es ist Dummheit, sich selber so zu schaden“, hat mir ein ganz Schlauer kürzlich geschrieben. Ja, so gesehen ist es auch Dummheit, riskanten Sport wie Schi-, Motorrad-, Mountainbikefahren oder Drachenfliegen zu betreiben, oder überhaupt aus dem Haus zu gehen, nur dass man da nach einem folgenschweren Unfall nicht geächtet, sondern bemitleidet wird.

Einem Alkoholkranken zu sagen: „Reiß dich einfach zusammen und hör auf zu saufen!“ ist ähnlich empathie- und gedankenlos wie zum Rollstuhlfahrer zu sagen: „Jetzt steh endlich auf, wenn du nur willst, dann geht das schon.“ In beiden Fällen hilft vielleicht eine langwierige Therapie. Vielleicht. Und eben längst nicht bei allen, wenn der Schaden zu mächtig ist.

Ja, es stimmt, Frau Stenzel ist in ihrer Zeit als Stadtpolitikerin meines Wissens niemals sonderlich durch großen Fleiß oder besonders gute Ideen aufgefallen, eher im Gegenteil. Ihre überflüssigen Aktionen und peinlichen Statements sind Legion.

Ja, es stimmt, Österreich braucht diese „Grande Dame der Wiener Politik“ (O-Ton N.Hofer) ungefähr so nötig wie ein Furunkel am Hintern.

Ja, es stimmt, es ist ein Skandal, was ihr fürs Nichtstun an Steuergeldern in den Rachen geworfen wird. Mit diesen Beträgen könnte man einigen Hundert Mindestpensionisten monatlich einen Hunderter mehr ins dünne Börserl tun.

Aber wer in dem großen Fundus an möglichen und gerechtfertigten Vorwürfen nur den einen herauszupicken imstande ist, nämlich dass sie trinkt, der stellt sich selbst ein ziemliches Armutszeugnis aus. Wem nichts Besseres einfällt, als sich über körperliche Mängel oder die Krankheit eines Menschen auszulassen, der disqualifiziert sich selbst als jemand, dessen Meinung man ernst nehmen kann.

Wer noch nie erlebt hat, wie sehr ein Süchtiger unter seinen Dämonen leidet, wer noch nie erlebt hat, wie verzweifelt Menschen gegen diese Dämonen kämpfen und allzu oft immer wieder verlieren, wer noch nie erlebt hat, wie schwer einem die feuchtfröhliche Umgebung an „Freunden“ das Trockenbleiben machen kann, weil als Spaßbremse gilt, wer nicht mithalten will, der möge doch bitte den Schnabel halten, auf ein Urteil verzichten und dankbar sein, dass es ihn nicht erwischt hat.

„Schnapsdrossel“ ist eine genauso überflüssige und grausame Beschimpfung wie „Krüppel“, „Dumbo“, „Ohrwaschelkaktus“ oder „Hatscherter“ (alles schon gehört und gelesen). Ebenso armselig ist es nebenbei auch, sich mangels fundierter Argumente auf ein gewisses Asperger-Syndrom einzuschießen.

Oh ja, wer mich kennt, der weiß, dass ich über einen fast unerschöpflichen Vorrat an Kraftausdrücken verfüge und mich kaum jemals scheue, sie im Zorn auch zu verwenden.

Doch ich hoffe, ich werde immer zu verhindern wissen, dass sich diese Kraftausdrücke auf jemandes Krankheit oder körperliche Defizite beziehen, nur weil mir nichts anderes einfällt.

der SachenMacher "Missgeschick"

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