Der Humanismus ist eine Denkweise oder Lebensphilosophie, die von einem positiven, optimistischen Menschenbild ausgeht. Der Humanismus basiert auf einem Bildungsideal und sieht kritisches Denken und das Hinterfragen von aktuellen Ereignissen und Gegebenheiten als ein wichtiges Werkzeug auf dem Weg zu einer besseren Gesellschaft, in der Menschen ihre Persönlichkeit und ihr Potenzial voll entfalten können.

Historisch gesehen will sich der Humanismus abgrenzen von den einengenden, rückwärtsgewandten Glaubenssätzen des Mittelalters. Auch in der humanistisch beeinflussten Medizin geht es darum, sich von autoritärem Denken zu befreien und sich an empirischen Tatbeständen zu orientieren.

Wie der Name sagt, sieht Humanismus den Menschen mit seiner unantastbaren Würde, mit seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen, im Mittelpunkt.

Humanismus, 2018 eine Außenseiter-Meinung

Seit Jahrhunderten motiviert der Humanismus Menschen zu einem zufriedenen, sinnerfüllten Leben. Er dient ihnen auch als Richtschnur für die Gestaltung einer friedlichen Gesellschaft, in der möglichst viele Menschen ihr volles Potenzial entfalten können. Im Jahr 2018 ist diese Einstellung jedoch zu einer Außenseiterposition geworden. Verschwörungstheorien und Esoterik erleben eine Boom-Zeit. Und das nicht nur bei den sogenannten „bildungsfernen Schichten“, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft. Selbst hochgebildete Personen schrecken nicht davor zurück, ihr Leben nach esoterischen Glaubenssätzen auszurichten.

Kritisches Denken unerwünscht

Kritisches Hinterfragen, ein gepflegter Diskurs, verschiedene Aspekte von Ereignissen und Standpunkten beleuchten – das alles ist in der Welt der Esoterik nicht erwünscht. Die „Weisheit“ (Autorität) der Gurus oder wie sie gerade heißen, auf die Probe zu stellen, wird nicht gerne gesehen. Dem Führer ist zu folgen. Kein Wunder, dass sich gerade in rechten und rechtsextremen Kreisen Nicht-Denk-Konzepte rund um Esoterik und Verschwörungstheorien besonderer Beliebtheit erfreuen.

In der Welt der Esoterik bleiben Postulate oft über Jahrzehnte hinweg unhinterfragt. Kritik, Plausibilitätsprüfungen oder die Forderung nach objektiven Wirkungsnachweisen werden als Frevel der Ungläubigen angesehen. Da wird eifrig von Chakren, Meridianen, Feinstofflichem, Bachblüten, Wünschelruten, Zwillingsseelen, Engeln, Karma, Kraftübertragungen, Heilsteinen, Kristallkindern, Akupunktur, Homöopathie, vom inneren Auge, Aszendenten, Reinkarnation, Reiki, Schamanismus, Spiritualität, von der Überlegenheit der Wissenden, Kartenlegen, Kommunikation mit Geistern, Ausräuchern, höherem Bewusstsein, Channeling und anderen wunderlichen Dingen fabuliert. Fakten und Empirie: irrelevant.

Obwohl durch und durch unwissenschaftlich, wird mitunter durchaus Wert darauf gelegt, dem Angebot eine wissenschaftliche Anmutung und eine geheimnisvolle Aura zu verleihen. Vorreiter ist hier die Homöopathie. Offeriert wird beispielsweise „Acidum Hydrocyanicum in der Q-Potenz“ – ein Name, der wissenschaftlich, zugleich mysteriös klingt. Perfekt für eine Zielgruppe, die sich für spirituell und überlegen hält. Die AnhängerInnen würden vermutlich von Kauf und Verwendung Abstand nehmen, wenn sie wüssten, dass das auf Deutsch schlicht „Blausäure, bis zur Unkenntlichkeit verdünnt“ heißt.

Wer braucht schon Wirkungsnachweise?

Während sich jede seriöse Heilmethode einem strengen Wirkungsnachweis in Form von Doppel-Blind-Studien sowie strengen Qualitätsrichtlinien zu unterwerfen hat, ist die Esoterik gänzlich unreguliert. In diesen Sphären geht als Wirkungsnachweis durch, dass laut Berichten (gerne auch aus zweiter oder dritter Hand) Tante Mizzi, Opa Franz und sogar der Hund Fiffi angeblich von der Behandlung profitiert hätten.

Nur wenige der esoterischen Methoden haben sich überhaupt jemals einem Wirkungsnachweis unterzogen. Zu den Unglücklichen, die der Überprüfung nicht entkommen sind, gehören Homöopathie und Akupunktur. Und sie haben kläglichst versagt. Jedes beliebige Placebo (es könnten auch M&Ms sein) hat den gleichen „Effekt“ wie homöopathische Zuckerkügelchen (zum Wucherpreis von rund von 1.300 Euro pro Kilogramm bei einem Materialwert von rund 1 Euro).

Bei der recht beliebten Akupunktur ist es völlig irrelevant, ob einE ExpertIn für Nadeln und „Meridiane“ angeblich exakte Stiche setzt oder ob eine Schauspielerin beliebig im Patienten rumstochert. Es gibt immer Menschen, die nach so einer „Behandlung“ berichten, dass sie sich deutlich besser fühlen.

Das nennt man Placebo-Effekt oder die Macht der menschlichen Zuwendung.

Storytelling und Anmaßung

Sie nennen sich Guru, Energet(h)iker, Lebensberater, Lichtpersonen, Schamanen, Hexen oder Seher. Allerlei Quacksalber tummeln sich im Esoterik-Feld und scheuen dabei mitunter nicht davor zurück, sich sogar mit Bezeichnungen wie Heiler oder Mediziner zu schmücken. Der Zusatz Alternativ-, Komplementär- oder Natur- macht die Anmaßung, die einer solchen Werbemaßnahme zugrunde liegt, nicht weniger verwerflich.

Aufgehübscht wird das Esoterik-Angebot oft mit bezaubernden Hintergrund-Geschichten. Sei es die Macht der Ahnen, über Jahrhunderte überliefertes, wertvolles Wissen, die Pharma-Industrie, die als imaginärer Feind rätselhafte Geheim-Interessen vertritt und die Vermittlung von geheimen Wunderkuren verhindern will (Vorsicht, Verschwörungstheorie!) oder Hexen-Kraft … Im Marketing nennt man das Storytelling und es ist eine der erfolgsversprechechendsten Methoden, Produkte unters Volk zu bekommen – besonders, wenn diese gar nicht wirklich benötigt werden. Insgesamt Fake News auf höchstem Niveau.

Selbst simple Lebensmittel sind in ihrer Bewerbung streng reguliert, eine Apfelbäurin darf ihr Produkt nicht als gesund anpreisen, wenn sie nicht mehrere Studien vorlegen kann, die belegen, dass diese Aussage der Wahrheit entspricht. In der Welt der Esoterik und Alternativ-„Medizin“ wird seit eh und je das Blaue vom Himmel versprochen und die Menschen an der Nase herumgeführt. Besonders perfide: Es sind Menschen in Not, mit Schmerzen und Schwierigkeiten, die recht skrupellos dazu gebracht werden, ihre Geldbörsen weit zu öffnen. Esoterik ist big, big Business.

Schwäche zeigen verboten

Der esoterische Bauchladen bietet für jedes Leiden einen Quick-Fix, eine schnelle Lösung. Da wird belehrt, bekehrt, gedrängt und von unglaublichen Erfolgserlebnissen berichtet. Wer sich das nicht zunutze macht, ist selbst schuld, wenn es mal zwickt.

Dass der menschliche Körper durchaus in der Lage ist, mit kleineren Wehwehchen, ob körperlicher oder psychischer Natur, selbst klarzukommen, wird in solchen Kreisen nicht gern gehört. „Da hilft dir Akupunktur!“ „Du musst zur Schamanin!“ „Ich kann dir da einen unglaublich tollen Homöopathen empfehlen!“ „Da hilft nur Cranio Sakral!“ „Mein Guru hätte dir da bestimmt schon längst geholfen.“ „Klare Sache: Das braucht ein Reinigungs-Ritual.“ „Ja warst du denn noch nicht beim Energetiker?!“ „Kauf dir doch endlich einen Orgon-Energie-Transformator!“

„Aber ich brauch doch nur wen zum Reden. Und vielleicht eine Umarmung!“, wird als Antwort nur widerwillig akzeptiert.

An der Grenze von ignorant zu gefährlich

Mit allerlei Wundermittelchen gegen kleine Wehwehchen vorzugehen, ist zwar nicht gut für die Geldbörse, für die körperliche und psychische Gesundheit der Personen, die sich so „behandeln“ lassen, jedoch relativ harmlos. Solange den Menschen bewusst ist, dass alle wahrgenommenen Effekte nur von der menschlichen Zuwendung herrühren und nichts mit den verwendeten Methoden zu tun haben.

Gefährlich wird es dann, wenn der Glaube an diese Wundermittel so stark wird, dass selbst bei ernsthaften Krankheiten keine seriöse Behandlung durch Ärztinnen und Ärzte aufgesucht wird oder evidenzbasierte Behandlungsmethoden zugunsten esoterischer Rituale und Mittel vernachlässigt werden. Diese Gefahr besteht verstärkt dann, wenn die Quacksalbereien als Medizin, Heilverfahren oder Arzneiprodukte angepriesen werden. Ein Großteil der Bevölkerung hat längst den Überblick verloren, was seriös und evidenzbasiert ist und was bestenfalls als Quacksalberei oder „Wellness“ bezeichnet werden kann. Eine Verwirrung, die ganz im Sinne des großen Esoterik-Business ist.

Von allen guten Geistern verlassen?

Die Arbeit mit Metaphern kann durchaus dabei behilflich sein, Stütze, Führung und Halt im Leben zu geben, wenn Menschen diese nicht im echten Leben, ihrer inneren Stärke oder zum Beispiel mit Unterstützung der Familie finden. Aber dabei muss klar sein: Egal ob Göttin oder Waldfee, Engel, Allah, gute Geister, Kraft der Ahnen oder Macht der Sterne – allen Beteiligten muss klar sein, dass das alles nichts mit der Realität zu tun hat, sondern nur Fantasiegebilde und Gedankenstützen sind.

Über sich selbst schmunzeln ist übrigens durchaus erlaubt und hilfreich.

Weniger Humbug, mehr Zuwendung

Der Gesetzgeber sollte endlich einschreiten, für klare Richtlinien sorgen und falschen Heilsversprechen einen deutlichen Riegel vorschieben.

Die nicht hemmungslos unseriösen Angebote aus der Welt der Esoterik bräuchten auch mit strengen Richtlinien nicht um ihre Existenz fürchten. Dazu müssten sie jedoch von falschen Versprechungen Abstand nehmen und sich als das verkaufen, was sie sind: Wellnessprogramme, die manchen Menschen gefallen, rein subjektiv gut tun, ihrem Bedürfnis nach Zuwendung, Aufmerksamkeit und Körperkontakt entgegenkommen.

Das ist doch eine gute Daseinsberechtigung. Ganz ohne Humbug, Lügen, Luftschlösser, Anmaßungen und falsche Versprechungen.

Der Beitrag ist ursprünglich auf www.silja.at erschienen.

Foto: Humanistin Caritas Pirckheimer, gemalt von Albrecht Dürer. Creative Commons Lizenz CC0

Humanistin Caritas Pirckheimer, gemalt von Albrecht Dürer. Creative Commons Lizenz CC0 Creative Commons Lizenz CC0

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