du bist sechs jahre alt und siehst zum ersten mal die große welt. in diesem fall: ungarn. was schon furchtbar aufregend begann, nämlich mit einer eintägigen zugfahrt, die insofern nicht ganz den üblichen vorstellungen entsprach, als mutter, die alles organisiert hat, sich nicht klar gemacht hatte, dass es platzkarten braucht. (dieser fehler würde ihr nie wieder passieren!) der zug war brechend voll und vater, mutter mit ihren vier kindern standen irgendwo im gang, wo sie schließlich, angesichts der vollen und wahrhaftig reservierten abteile, versuchten, das reichhaltige gepäck so sinnträchtig zusammen zu stellen, dass man wenigstens die kleine für eine kleine mütze schlaf darauf betten konnte.

irgendwann war man dann in budapest angekommen, hatte den anschlusszug gefunden und bestiegen und nun endlich auch einen platz.

doch nicht das ist es, was dir so im nachhinein einfällt (warum überhaupt fällt dir das ein? die luft heute, allerhand jahrzehnte später, fühlt sich ganz genauso an: eine verheißung der tageshitze und dieses wunderbare gefühl, dass es so wie jetzt am liebsten das ganze jahr über sein sollte.) ein leichter wind weht, der die kühle der nacht noch nicht ganz abgelegt hat. und du erinnerst dich an diesen einen morgen:

sechs jahre alt, seit zwei tagen endlich am ziel angekommen. das ziel ist ein haus im vorland von kaposvar, irgendwie ländlich, um den innenhof herumgebaut, verschlossen von einem zweimannshohen tor. im unbefestigsten hof, zentral, aber doch an der mauer zum nächsten grundstück, steht ein aprikosenbaum, auf den du erst mit hilfe der gastkinder, dann allein, schon mehrmals hinaufgeklettert bist.

an diesem morgen, das haus ist noch ruhig, die kurze hose und das blüschen sind schnell angezogen, die mutter im bad, gehst du zum ersten mal allein nach draußen.

der freundlich kühle wind weht dir zart um die nase und fühlt sich gut an. und der aprikosenbaum, von dem du stadtkind das erste mal in deinem kleinen leben überhaupt früchte direkt gepflückt und gegessen hast, raschelt verlockend. du kletterst mit den schon mehrfach geübten griffen nach oben, sitzt schließlich an dieser stelle, an der sich mehrere dicke äste gabeln, und tust, was du bei den älteren gastkindern gesehen hast. du lehnst dich zurück, liegst nun mit dem oberkörper auf dem einen ast und stützt dich mit den aufgestellten beinchen auf dem gegenüber liegenden ab.

da links über dir ist der himmel. blau, so blau. und weiter rechts die sanft schaukelnden blätter und aprikosen mit ihrer gelb-zartrosa haut. dieser baum, von dem, von den großen gewarnt (vermutlich machen alle eltern das), man zuviel von den früchten nicht essen soll und schon gar nicht danach wasser trinken, scheint in seiner fülle schier unerschöpflich.

und du liegst da, schon glücklich vom anblick dieses blau und gelb und rosarot und grün. du liegst einfach da und lässt die dinge geschehen. ein bisschen wind, viel farbe und vollkommene zeitlosigkeit.

aber in deinem alter ist zeit ohnehin ein sehr merkwürdiges konstrukt. die erwachsenen sehen es immer anders als man selbst.

und weil du so versunken bist, entgeht dir, wie es im hause lauter und lebhafter wird. und erst sehr viel später wird dir die mutter erzählen, wie sie alle durchs haus gelaufen sind, dich gesucht und nach dir gerufen haben. wie sie aus allen fenstern hinaus auf den hof sahen. aber dich, da oben im baum, sehr lange zeit nicht entdeckten.

als sie dich fanden, war die wiedersehensfreude größer als der ärger, so dass dein kurzes glück, da oben im baum, dir nicht verloren gehen konnte.

wer weiß, vielleicht war dies in deinem leben der erste vollkommen menschen- und dingeunabhängige glücksmoment. so etwas wie eine vorahnung der schöpfung?

so oder so. diese momente haben ausgereicht, sich über ein halbes jahrhundert zu halten. und das ist mehr, als man von so viel anderem sagen kann.

5
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Scherzkeks

Scherzkeks bewertete diesen Eintrag 28.08.2019 13:23:30

pirandello

pirandello bewertete diesen Eintrag 27.08.2019 12:11:17

Persephone

Persephone bewertete diesen Eintrag 26.08.2019 16:40:36

Iris123

Iris123 bewertete diesen Eintrag 26.08.2019 16:38:14

Don Quijote

Don Quijote bewertete diesen Eintrag 26.08.2019 15:55:40

4 Kommentare

Mehr von sisterect