Menschen haben Jobs oder Berufe.

Und Menschen haben Hobbys oder Leidenschaften.

Sie wissen ja, wie das ist: Jemand mochte schon immer Eisenbahnen. Oder Jemand mochte schon immer Briefmarken. Und irgendwann verselbständigt sich die Sache irgendwie.

Das Wetter ist doof, im Fernsehen läuft nix Interessantes.

Dann geht man halt in den Keller, wo die Modelleisenbahn aufgestellt ist oder holt die Briefmarkenalben ´raus. Im günstigsten Falle ist die Sache verbunden mit Träumen.

Der Modelleisenbahner war erfolgreich auf der Jagd nach einem ganz bestimmten Zug, der im wahren Leben auf einer ganz bestimmten Strecke fährt, die wahrscheinlich nicht gleich hinterm nächsten Hügel liegt, und während er werkelt und schraubt und all das stellt er sich genau diese tollen Strecken vor. Irgendwann, so denkt er sich, wird er auch einmal mit diesem richtig großen Zug fahren und diese Hügel, die er da auf seiner Platte aus Pappmachee und all diesem anderen Zeugs nachgebaut hat, in echt sehen.

Beim Briefmarkensammler ist das ähnlich: Er betrachtet die dreieckige Marke aus der Mongolei und hat im Hinterkopf sich selbst, irgendwann, wie er auf einem ungesattelten Pferd durch die Steppe reitet und am Abend an einer von diesen Jurten Halt macht.

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Leidenschaften gehen weiter. Sie belassen es nicht beim Träumen. Wahrscheinlich haben auch sie den von ihnen Befallenen lange Zeit träumen lassen. Aber irgendwann packt er es an. Schmeißt vielleicht das Briefmarkenalbum weg und kauft sich einen Flugschein nebst Wörterbuch und Landkarte der Wunschregion. Die Schwielen am Hintern, sollte alles wunschgemäß laufen, gibts dann später gratis.

Aber nicht jeder geht solche großen Schritte. Manch einer macht sich auf den Weg der Beharrlichkeit. Kauft sich einen Block und ein paar Stifte oder, wenn er gleich ganz übermütig ist, eine Staffelei, Farben und Leinwände.

Was ja erst einmal gar nichts bedeutet. Letzteres fühlt sich nur wichtiger an und ... irgendwie professioneller. Auch wenn es das anfangs erst einmal nicht ist. Das Material macht es nämlich ganz und gar nicht (was auch für Grafiktabletts gilt, derer schon viele als "irgendwie nicht so gut" ins Eck gefeuert wurden) und auch kein Malurlaub in der Toskana. Klingt zwar prima, wenn man es so erzählt ("Ach, ich hab im Urlaub nichts Besonderes gemacht. Ich war zu einem Mal-Wörkshop in der Toskana." ) (dabei nicht vergessen, den Blick in einer Mischung aus Bescheidenheit und Desinteresse in die Ferne zu richten), hat einen aber hinterher nicht wesentlich weiter gebracht. Solche Kurse sind darauf ausgelegt, eine Menge zu kosten und mindestens ein daheim halbwegs vorzeigbares Resultat hervorzubringen. Das einen künftighin als Maler ausweisen und Respekt all der anderen Unwürdigen einbringen soll.

Manchen reicht das dann schon. Besonders, wenn sie nach einem weiteren Anlauf an der heimischen Staffelei merken, dass das Ergebnis ganz und gar nicht beliebig reproduzierbar ist. Irgendwas fehlt halt doch. Und dann verschwindet die Staffelei nebst Zubehör in der Abstellkammer und das nächste Hobby muss her.

Hat es aber das Zeug zur Leidenschaft (nicht, dass es da schon eine wäre), ist das der Beginn von allerhand Aktivität. Der Staffeleibesitzer beginnt sich schlau zu machen, sitzt stundenlang vor Bildern großer Meister und versucht zu ergründen, wie die das machen. Die Sache mit dem Licht oder der Tiefe (so´n Bild hat ja letztlich nur Länge und Breite; wie kommt es, dass manche so aussehen, als könnte man hineingehen?) oder den Gesichtern. Nasen stehen vor und dennoch ist so ein Bild ja ganz flach. Alles nur und ausschließlich mit Farben? Und mit welchen (womit nicht Öl, Acryl oder sonstwas gemeint ist, sondern eben die Frage: Welche Farbe hat so ein Schatten? Der ist doch nicht schwarz?)

Über derlei Untersuchungen und vielen, vielen Ver-suchen, die oft misslingen, manchmal aber auch gelingen, können Jahre hingehen. Jahre, in denen man bei Hitze und Kälte, im Hellen oder Dunklen (gibt ja Lampen) tags oder bei Nacht in irgendeiner Weise mit der Sache beschäftigt ist, sich ans Ende des Tagwerks sehnt, damit man weitermachen kann, sich beim Einschlafen dabei ertappt, wie man Gesichter und Landschaften in der Rauhfasertapete sieht, in denen man von Bildern träumt und im günstigsten Falle lachend aufwacht, weil all dieses auf die-Sache-konzentriert-sein einen so aus- und erfüllt, dass da der FLOW ist. Dieses Ausblenden von allem möglichen Anderen, dieses nur-DAS-machen.

DANN ist es wahrscheinlich eine Leidenschaft, die brennt. So groß als Glücksgefühl wie nur weniges im Leben.

Wenn man Glück hat, stehen hernach ein paar brauchbare Bilder an der Wand.

Aber eine Garantie gibt es dafür nicht.

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Ich mag doch keine Fische vergeben
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Don Quijote

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