oder: I can`t breathe 2014

Als 1982 Wilson/ Kelling ihre Theorie veröffentlichten, dass erste Anzeichen der Verwahrlosung wie zerbrochene Fensterscheiben, so sie nicht behoben werden, imnu einen ganzen Rattenschwanz an Verwahrlosung und letztlich Kriminalität nach sich zögen, hielten das viele für so schlüssig, dass man seitens der Polizei eine Nulltoleranzstrategie als nützlich ansah.

Bill Bratton, 1994 zum New Yorker Polizeichef berufen, setzte diese Strategie radikal ein, um wieder Ordnung auf die Straßen seiner und später anderer Städte zu bringen.

Wer ein Bier auf der Straße trank, sein Autoradio zu laut hatte oder in der U-Bahn schwarz fuhr, musste ab nun mit rigider Ansprache und sogar Festnahme rechnen.

Zwar wurde aus der amerikanischen Polizei dank dieser Strategie und aufgestocktem Personal kein "Freund und Helfer", aber das Gefühl der Sicherheit wuchs wieder und sehr bald konnte man sogar eine Verbesserung der Kriminalstatistik* vorweisen.

Dass dabei gelegentlich und immer wieder "Unfälle"** geschahen, war nicht nur der Akzeptanz dieser Methode zu verdanken, sondern auch der reichlich kurzen, dafür strengen Ausbildung der Ordnungshüter.

Gelegentlich lese ich in letzter Zeit, hier und anderswo, man wünschte sich eine ähnliche Vorgehensweise hierzulande. Um all dieses "Grobzeuch" zur Räson zu bringen, das da allen möglichen Ärger auf unseren Straßen veranstaltet.

George Floyd war nicht der Erste und nicht der Letzte, der nicht mehr atmen konnte und letztlich starb. Und man darf sich schon fragen, ob die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung jedes Mittel und jedes Opfer Recht ist.

Darüber hinaus aber sollte man sich fragen, ob diese Vorgehensweise gegen die eigene Bevölkerung wirklich noch mit Recht und Ordnung zu tun hat. Denn die, glaubt der kleine, naive Demokrat, hätte ja dann auch etwas mit der Polizei zu tun.

Dem Polizisten, der Eric Garner mit dem damals bereits verbotenen Würgegriff nieder rang und schließlich - ohne auch nur den Versuch einer Wiederbelebung - zu Tode brachte, geschah juristisch nichts.

Und auch die Polizeistatistik, der es seither so gut zu gehen scheint, steht in Zweifel. Zum Einen, weil angenommen wird, dass eben wegen dieser harten Vorgehensweise gegen übrigens hauptsächlich Mitglieder der Minderheiten eine nicht unbegründete Scheu vor Anzeigeerstattung besteht ( Ein Vergewaltigungsopfer berichtet, sie sei so hart befragt und jede ihrer Antworten derart in Frage gestellt worden, dass sie letztlich ihre Anzeige aus Angst vor weiteren Anschuldigungen zurück gezogen habe.), zum Anderen, weil Kriterien für die Aufnahme in die Kriminalstatistik stark geändert worden seien. Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt.

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In diesem Zusammenhang sollte auch Pillip Zimbardo nicht unerwähnt bleiben. Wer seinen Namen nicht kennt, kennt jedoch sein Stanford-Prison-Experiment, bei dem Studenten sich als Gefangene und Wächter eines fingierten Gefängnisses zur Verfügung stellten. Das katastrophale Ergebnis wurde verfilmt und ging ebenso wie das Milgram-Experiment (das am Rande des Films "I wie Ikarus" auch Erwähnung findet) in die Psychologie-Geschichte ein. Beides als vermeintlicher Nachweis dafür, dass Menschen in ungünstiger Umgebung immer ihre schlechtere Seite zeigen.

Zimbardo hat, was bei Milgram sehr wohl erkennbar wird, in seiner Experiments-Dokumentation zu erwähnen vergessen, dass die Wächter-Probanden extrem unter Druck gesetzt wurden, sich so zu benehmen, wie sie das letztlich taten. Lust hatten sie dazu keine, wie auch bei Milgram die "Lehrer" zu einem großen Anteil die von ihnen (vermeintlich) erteilten Stromstöße nicht richtig fanden.

Man darf sich fragen, wie erfolgreich Experimente sind, deren Resultate nur durch Druck in die gewünschte Richtung gehen. Und man darf sich auch fragen, von was für einem Menschenbild derlei Experimente ausgehen.

*https://idw-online.de/de/news629817

**https://de.wikipedia.org/wiki/Todesfall_Eric_Garner

https://www.focus.de/panorama/welt/auch-sie-riefen-i-can-t-breath-neue-videos-von-toedlichen-polizeieinsaetzen-aufgetaucht_id_12090030.html

Und beim nächsten Mal erzähle ich, wie die USA beinahe(!) so menschliche Gefängnisse wie die Norweger bekommen hätten, dank Zimbardo aber nicht bekamen, dieser aber den Folter-Knecht von Abu-Ghraib nach Kräften verteidigte.

Alexas_Fotos/pixabay https://pixabay.com/de/photos/verfolgungsjagd-polizei-verbrecher-1188031/

Und hier noch ein Nachtrag:

https://www.schwartzreport.net/north-dakotas-norway-experiment/

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