Zuerst einmal eine Richtigstellung:

Die Sache mit dem österreichischen Charme ist, leider, ein Gerücht, das zu Zwecken der touristischen Vermarktung in die Welt gesetzt wurde.

In Wahrheit ist der "Wiener Schmäh", der angesichts der Unscheinbarkeit des Landes gern auf die Gesamtheit der Bewohner, nicht nur auf die ihrer Hauptstädter, angewendet wird, weder charmant, noch sonst irgendwie nett. Und obendrein (das wird man dort nicht gern hören) leitet er sich womöglich von irgendetwas Jüdischem ab.

Überdies ist ihm im Laufe der Zeit allerhand an Subtilität verloren gegangen. Was bedauerlich, aber wohl der Lauf der Dinge ist.

(siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Schmäh )

Als der österreichische Mann der deutschen Frau begegnete, offenbarte sich, dass ein Gutteil der vermeintlichen Pfiffigkeit in der Konversation darauf beruhte, dass Frauen gern so sind, wie (österreichischer) Mann sie haben möchte. Was ja irgendwie keine Kunst ist. Jemandem (also Frauen) - und sei es auch nur virtuell - zu begegnen, der/die sich weniger wohlwollend so darstellt, als sei sie, wie man(n) sie sich wünscht, als vielmehr so, wie sie eben ist, ist dann doch eher eine Herausforderung, der der wahrhaftige Mann sich wacker stellt. Weniger wackeren Exemplaren hingegen entgleitet so dies und das. Und weil man im Netz ihre Gesichtszüge nicht sehen kann, sie sich dennoch ihres Ausdrucks nicht berauben lassen wollen, erreggen sie sich und ergehen sich, mit oder ohne leicht alkoholisches Obstgetränk, in verbale ... äh, sagen wir: Unschönheiten. Fallen sozusagen aus allem, was nur annähernd mit Charme zu tun hat, heraus. Als seien sie solches nur jenen schuldig, die ihnen stets den Bauch kraulen. Ganz der üblichen Reihenfolge vergessend: ERST kommt der Charme, dann das Bauchkraulen. Bei Einhaltung der Reihenfolge und dauerhafter Wahrung der Contenance im günstigsten Fall sogar dauerhaft.

Die Begegnung des österreichischen Mannes mit der deutschen Frau, die seit ein paar Jahrzehnten weniger hinter den Bergen gewohnt hat, ist also eine durchaus schwierige. Und sollte womöglich vermieden werden, wäre da nicht der allseitige Wunsch der Weltläufigkeit, was neuerdings - man höre! - auch mit Charme und Benehmen synonymisiert wird, obwohl es eigentlich soviel mehr meint. Aber, so viel ist klar, wer Benehmen und Kultiviertheit sein Eigen nennen darf, kommt auch gut in der Welt herum, ohne irgendwie anzuecken.

Und das, lieber Leser, war mir schon bewusst, ehe ich beim Googeln nach "Weltläufigkeit" auf den "Urbanität"-Artikel bei Wikipedia und das Zitat von Pestalozzi stieß, der feststellte,

" dass ein kultivierter Mensch mit Witz und Spott umgehen könne, „weil er immer in den Schranken der guten Lebensart bleibt und nie plump und baürisch wird“".(WIKI)

Daran anknüpfend verstand das beginnende 19. Jahrhundert unter Urbanität eine „feine Lebensart“ oder „Höflichkeit und Artigkeit“.

(WIKI)

Lang, lang ists her.

Sind wir jetzt wieder in Wien und beim Wiener Schmäh?

Es ist zu befürchten, dass nicht.

Auch wenn wir heute Google haben, finden wir dort immer nur das, wonach wir suchen.

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KlausBärbel

KlausBärbel bewertete diesen Eintrag 03.07.2019 11:16:42

G. Szekatsch

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pirandello

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