Es fing an damit, dass mich mein Sohn auf dieses Rettungssanitäter-Video aufmerksam machte, das dieser Tage – von mir vollkommen unbemerkt – durch die Medien gegangen sei. Ein Rettungssanitäter habe auf wen eingeschlagen und das sei gefilmt worden. Ich wollte das anschauen und mir eine Meinung bilden, fand aber stattdessen eine Unzahl von Berichten, in denen Rettungssanitäter angegriffen worden waren.

Das wusste ich vorher schon, auch wenn mir die Häufung solcher Geschehnisse bis dahin nicht derart bewusst gewesen war.

Später schaute ich durch diverse Blogs und fand die Geschichte der weißen niederländischen Booker-Preisträgerin, die das Gedicht von Amanda Gorman (wir erinnern uns: Amtseinführung Biden) ins Holländische übertragen sollte. Dichterin und Übersetzerin hatten sich gefreut. Bis eine schwarze Journalistin die Kritik äußerte, das Gedicht solle doch von einer schwarzen Dichterin übersetzt werden, weil diese zweifellos „Gormans Botschaft mächtiger“ machen könnte.*

Bei der Frage, ob nur Schwarze für Schwarze sprechen, schreiben, übersetzen dürfen, fiel mir zwangsläufig die Autorin des im letzten Jahr erschienen Buches „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten“ ein. Eine Innenansicht, natürlich, aber die Autorin muss sich die Kritik der Kommentatoren gefallen lassen, die einerseits konstatieren, dass Rassismus häufig zu dünnhäutig wahrgenommen wird (Die Frage, woher jemand kommt, wird auch anderen gestellt, die sich durch Aussehen oder Sprache von den Einheimischen unterscheiden.) und dass Rassismus im Buch nicht selten mit Frauendiskriminierung verwechselt wird, die ebenso auch weißen Frauen widerfährt. Was die Sache zwar nicht besser macht, aber eben kein Rassismus ist.**

Zu guter Letzt fiel mir der „Tatort“ ein, den ich mir gestern aus der Mediathek gezogen hatte. Eine Polizistin „traut sich“ in einer ziemlich bedrohlichen Situation, einen Verdächtigen festzunehmen. Nicht sehr sanft, jedoch angemessen, da ihm anders nicht beizukommen war. Das hiervon gefilmte Video geht (wie so oft: ohne Kontext) viral und die Hälfte der Betrachter ist empört über den Rassismus, die andere fühlt sich in ihren schon vorhandenen Vorurteilen bestärkt. Irgendwie ist jeder der Beteiligten Opfer, denn jeder – auch jene, die persönlich dabei waren – sieht die Geschehnisse nur aus seiner eigenen Erfahrungs- und Interpretationswelt. Und niemand macht sich die Mühe, dahinter zu schauen bzw. macht sich klar, dass die Dinge, die wir sehen, immer auch eine Vorgeschichte haben, die auf keinem Video abgebildet ist.***

Worum geht es bei all dem eigentlich? Wie gehört all das zusammen?

Lasst uns über Respekt reden, der nie, aber auch nie eine Einbahnstraße sein kann.

Wenn „Maurizio“ aus Verärgerung darüber, dass er sein Auto wegen des in zweiter Reihe geparkten Rettungswagens nicht herausfahren kann, den Sanitäter angeht, der gerade dabei ist, ein Kleinkind mit Herzstillstand zu retten, dann ist das in doppelter Hinsicht respektlos. Denn Maurizio stellt seine eigenen, im Moment weniger wichtigen, Interessen über die eines beinahe sterbenden Kindes und des Mannes, der das Kind gerade zu retten bemüht ist.

Wenn im „Tatort“ die Polizistin abends vor ihrer Haustür von drei maskierten Männern überwältigt wird und die Aktivistin dazu lakonisch äußert: „Wer Wind säht, wird Sturm ernten.“, dann ist das respektlos.

Wenn einer weißen Autorin per sé die Fähigkeit abgesprochen wird, das Gedicht einer Schwarzen zu übersetzen, dann ist das respektlos und umgekehrter Rassismus. (Wenn wirklich nur Schwarze können, was Schwarze können, brauchen wir dann nicht zwei Welten? Oder ist es nicht gerade das, was wir im Kampf gegen Rassismus bekämpfen wollen? Warum dürfen Schwarze sich selbst abgrenzen; passiert ihnen das aber von Weißen, ist es Rassismus?)

Es geht, damit das klar ist, auch, aber nicht nur um Herkunft oder Aussehen. Das Ganze findet auch inmitten der weißen Gesellschaft statt.

Wenn Junge sich gescheiter fühlen als Alte, weil die eben in einer anderen Welt groß geworden sind als sie selbst. Haben die nicht genau auf dieses Leben hin gearbeitet, dass die Jungen nun haben?

Wenn Akademiker ihre Gedankenwelt bedeutsamer finden als die jener, die ihnen ihr Brot backen oder ihre Autos bauen.

Es scheint, als wäre es modern geworden, das eigene Sein über das von anderen zu stellen. Und das ist respektlos.

Ich frage mich nur: Kann eine Gesellschaft ohne gegenseitigen Respekt noch langen Bestand haben?

*https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/debatte-um-die-uebersetzung-der-amerikanischen-dichterin-amanda-gorman-17228967.html?GEPC=s3

**https://www.audible.de/search?keywords=Was+wei%C3%9Fe+Menschen+nicht+%C3%BCber+Rassismus+h%C3%B6ren+wollen+aber+wissen+sollten&ref=a_hp_t1_header_search

***https://www.daserste.de/unterhaltung/krimi/tatort/sendung/heile-welt-100.html

Antranias/pixabay https://pixabay.com/de/photos/person-bank-see-berge-fahrrad-6076771/

9
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Frank und frei

Frank und frei bewertete diesen Eintrag 14.03.2021 05:34:02

pirandello

pirandello bewertete diesen Eintrag 14.03.2021 00:47:55

Ttavoc

Ttavoc bewertete diesen Eintrag 14.03.2021 00:42:31

Matt Elger

Matt Elger bewertete diesen Eintrag 13.03.2021 23:39:38

Spinnchen

Spinnchen bewertete diesen Eintrag 13.03.2021 22:10:17

WalterundJulia Wieselberg

WalterundJulia Wieselberg bewertete diesen Eintrag 13.03.2021 19:45:47

MartinUSH

MartinUSH bewertete diesen Eintrag 13.03.2021 19:33:29

CK13

CK13 bewertete diesen Eintrag 13.03.2021 18:40:54

Leela Vogel

Leela Vogel bewertete diesen Eintrag 13.03.2021 15:38:23

83 Kommentare

Mehr von sisterect