Wegen der Ausgewogenheit und weil wir wirklich viel zu schnell vergessen, heute mal ein Blog aus der anderen Richtung. Und, nein, es geht NICHT um Nazis (oder irgendwie vielleicht doch), weil ... an die müssen wir nicht erinnert werden. Auf die eine oder andere Weise stolpert einem so einer täglich über den Weg.

Nein, es geht um ... Frauen.

Dieser Tage (jaja, ich bin medial verseucht) begegnete mir die Serie "Zarah - Wilde Jahre", die wie die mentalen Vorgänger Kudamm56 und Kudamm59 das Zeitgeschehen, diesmal der 70er Jahre, im Kontext insbesondere der Geschlechterbeziehungen zeigt.

Zarah, eine Autorin mit frauenaktivistischen Buchthemen, wird vom Verleger einer großen Illustrierten an Bord geholt.

Sehr bewusst geht sie gegen Titten auf Titelseiten und diskriminierende Verhaltensweisen in der Redaktion vor.

Die Zuseherin von heute dürfte sich schwer damit tun, die subtilen Formen der täglich vielfachen Zurückweisungen ins "zweite Glied" schmerzfrei zur Kenntnis zu nehmen.

Wenn Frau vom Mittagstisch der großen Zeitungsbosse quasi weggeschickt wird, weil man(n) über Politik redet (wovon Frau ja keine Ahnung habe); wenn Frau auf die frauentypischen Haushaltsthemen verwiesen wird; wenn Frau nachfragt, was Titten mit diesem und jenem Zeitungsthema zu tun haben, sich gar entblödet in einer Nacht- und Nebelaktion einen nackten Mann aufs Titelblatt zu bringen und damit große Empörung allüberall auslöst, obwohl sich niemand an den vielen nackten Frauen stört.

Wenn all das passiert, fragt Frau von heute sich, ob das tatsächlich vor weniger als 50 Jahren so passiert sein kann.

Und dann kommt das Erinnern.

Wie einen der eigene Chef noch Anfang der Achtziger (man war kein Azubi mehr, sondern Chefin der Rechtsabteilung) zum Kaffeholen in die Kantine schicken wollte. Ein übrigens netter Chef, aber eben ein Mann seiner Zeit. Wie die Leute sich so komisch wunderten, wenn Frauen ab einem bestimmten Alter noch immer nicht verheiratet waren; mit denen musste doch etwas nicht stimmen, denn irgendeiner fand sich doch immer. Wie der Vermieter der Wohnung des Ehemannes Nr.1 darauf bestanden hatte, dass man vor Einzug heiratet, denn ohne Trauschein geht ja nun mal gar nicht. Und wie ebendieser Vermieter dem Ehegatten nach dessen Abwesenheit treulich von allen Männerbesuchen berichtete, die frau so gehabt hatte. Wie Frauen so sehr auf ihren "guten Ruf" achten musste, während Männer bei jeder "Eroberung" als die großen Helden dastanden (Ist das heute eigentlich anders?). Wie Abtreibung zwar legal, aber doch geächtet war. (Da rede ich vom Osten.)

In der Serie zu sehen, wie der Staatsanwalt mit außerordentlicher Härte eine nachvollziehbar über viele Jahre von ihrem Mann misshandelte Frau wegen Mordes und damit lebenslang hinter Gitter bringt, während er selbst seine Macht dazu ausgenutzt hatte, die minderjährige (18) Vorzimmerdame zum Abbruch der bei der sexuellen Nötigung entstandenen Schwangerschaft zu zwingen, tut nicht nur weh, sondern offenbart die Machtstrukturen, die gnadenlos ausgenutzt wurden. Männliche Machtstrukturen.

Wenn Maskulinisten heute gnadenlose Gleichheit fordern (was ich verstehen kann), vergessen sie, wie lange Zeit Frauen ebenso gnadenlose Ungleichheit ertragen mussten, ohne sich auf irgendwelche Gleichheitsgrundsätze stützen zu können. Worauf sich Maskulinisten heute stützen, beruht auf dem viele Jahrzehnte andauernden Kampf der Frauen, die ja nun nicht ihrerseits Unterdrückung der Männer forderten, sondern schlichtweg nur Gleichheit.

Kann schon sein, dass nach Jahrzehnten der Geduld die Methoden leicht überschießen. Kann schon sein, dass diese Gleichheitsidee sich auch nach Jahrzehnten noch fremd anfühlt für Männer, die Frauen gern auf ihre Biologie verweisen. Wenn unbequemes Verhalten noch immer kommentiert wird mit "Die hat wohl ihre Tage.", ist das ein Klassiker, der sich nicht mit den Inhalten auseinandersetzt, sondern Frauen lächerlich machen soll wegen einer Sache, die einen Mann garantiert nie treffen wird.

So, wie ich glaube, dass gemeinsam aktiv ausgeübtes Sorgerecht (Doppelresidenz) nur im konstruktiven Miteinanderander gelingen kann, so glaube ich auch, dass Gleichberechtigung nur gemeinsam gelingen kann. Ein Mann muss kein "Weichei" sein, um sich gegen weibliche Diskriminierung einzusetzen. Und eine Frau muss keine Maskulinistin sein, um Ungerechtigkeiten gegenüber Männern zu sehen. Solange Ungerechtigkeiten nur im "eigenen Lager" empfunden und bekämpft werden, solange die gegenüber dem anderen Geschlecht verharmlost, belächelt und als lässliche (vielleicht gar gerechtfertigte) Sache (weil "die ja auch";) angesehen wird, kann es nicht funktionieren.

Schauen wir am Ende nach Island:

Dieses kleine, von der Finanzkrise gebeutelte, Land ist neu auferstanden. Wie sich nach der Krise zeigte, hatte nur eine Bank überlebt. Die, die von Frauen geführt war. Weil Frauen anders Geschäfte machen. Eine der Chefinnen sagt: "Was ich nicht verstehe, kaufe ich nicht." und redet dabei von ebendiesen Schneeball-Finanzprodukten, die die Banken und damit die gesamte Wirtschaft letztlich zum Erliegen brachten, weil sie in sich zusammenstürzten wie ein Kartenhaus.

Island war eines der wenigen, wenn nicht gar das einzige Land, das seine Banken nicht gerettet und die Verantwortlichen vor Gericht gebracht hat. An irgendeinem entlegenen Ende der kahlen und kalten Insel gibt es ein Gefängnis, in dem die Herren(!) ihre Planspiele völlig risikolos weiter spielen können. Verantwortliche Positionen werden sie wohl zeitlebens nicht mehr bekommen.

Seither hat Island ein Gesetz, dem zu Folge in den Firmenleitungen nie weniger als 40% und nie mehr als 60% eines Geschlechts vertreten sein dürfen.

Es funktioniert. Weil Frauen und Männer nicht gleich sind und nie gleich waren, aber das Beste aus beiden nur im konstruktiven Dialog entstehen kann.

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