Ich bin eine Frau. Und als solche zweifle ich zuweilen, eigentlich immer öfter, was ich zu tun, zu denken und wie ich mich zu verhalten und zu positionieren habe.

Ich erinnere mich:

Vor einer Reihe von Jahrzehnten hatte ich einen Chef, nur wenige Jahre älter als ich, der eines Tages auf die Idee kam, Kaffee trinken zu wollen. Außerhalb der Kantinen-Öffnungszeiten. Und weil er Chef war, rief er oben an und kündigte einen „blauen Schmetterling“ (ich trug an diesem Tag ein blaues Kleid) an, der ihm seinen Kaffee holen würde. Ich widersprach, weil ich zum Kaffeeholen nicht eingestellt war. Und sein Argument, dass seine Arbeitszeit mehr wert sei als meine, lief bei mir ins Leere. Er holte seinen Kaffee schließlich selbst.

Kurzum, ich war schon immer streitbar, wenn jemand (das konnten auch Frauen sein) mich auf irgendwelches weibliche Rollenverhalten festlegen wollte. Auch schon in sehr jungen Jahren.

Und ich war mir auch immer schon dessen bewusst, dass Frauen wie ich es vielleicht ein bisschen schwerer hatten, aber dafür gradlinig ihren Weg gingen. Ich wusste auch, dass ich es einfacher hätte haben können. Ohne diese Vorsätze. Es gab schließlich immer auch die anderen, die keine solchen Vorsätze hatten, und schneller voran kamen. Weil eben meist Männer die Chefs waren. Und weil männliche Chefs ab einem bestimmten Punkt … nicht mehr rational entscheiden? (Aber vielleicht hat so etwas gar nicht so viel mit Sex zu tun. Vielleicht geht es einfach um Eitelkeit? Frauen, die Männer anzuhimmeln scheinen, wecken außer Begehrlichkeiten auch die Eitelkeit. Im Zweifelsfall brächten unterwürfige Männer das auch fertig. So oder so mögen Chefs Untergebene, die ihren Meinungen folgen, ob nun unterwürfig oder scheinbar einsichtig.)

Als Metoo in die Welt kam, wurde mir, ebenso wie vielen anderen Frauen, manches bewusst, das ich irgendwann früher als beinahe normal wahrgenommen hatte. Männer SIND eben so, dachte ich womöglich irgendwann. Wären die Gefühle, die ich mit manchem von diesem So-Sein verband, so unangenehm wie auch immer gewesen. Und dennoch konnte ich aus meinem Leben nichts erinnern, was deutlich schlimmer gewesen wäre als diese Kaffee-Geschichte.

Metoo holte Frauen aus ihren Löchern, die deutlich Schlimmeres erlebt hatten als ich. Was ich bedaure. Gleichwohl war in meinem Hinterkopf immer die Frage, ob diese Frauen mit den schlimmeren Erlebnissen nicht schon vorher die falschen Signale gesetzt hatten. Hatten sie nicht mehrfach Empfindungen von Unwohlsein weg gelächelt und damit signalisiert, dass das, was dieser Kerl da macht, vollkommen in Ordnung sei? Hatten sie nicht auf diese Weise zu weiteren Steigerungen der Unverschämtheit ermuntert?

Ich weiß es wirklich nicht. Ich war nie eine von diesen lieblichen Frauen, die Grenzüberschreitungen, seien sie so klein wie auch immer, je hingenommen hätten. Die Kerle wussten bei mir sehr schnell, was geht und was eben nicht. Und haben sich dran gehalten. Ich war nie in der Situation, dass ich „NEIN!“ hätte sagen müssen, denn mein „nein“ war auch unausgesprochen klar genug.

Und deswegen habe ich zuweilen Mitgefühl, wenn Männer voller Unverständnis vor Anschuldigungen stehen und nicht den Hauch einer Ahnung haben, was sie verkehrt gemacht haben. (Womit ich nicht von jenen rede, die in irgendwelchen Hotelzimmern kraft ihres beruflichen Einflusses Frauen vergewaltigt haben.) Und das passiert heute, da Frauen (endlich, möchte man sagen) eine Stimme haben, viel öfter als je zuvor.

Wie soll so ein Mann sich auskennen, wenn die eine Frau es gar nicht schlimm, vielleicht sogar als eine Art Kompliment empfindet, wenn sie einen Klaps auf den Po kriegt, und die andere das als höchst übergriffig ansieht? Was soll so ein Mann glauben, wenn eine Frau , die sich vorher alles(!) klaglos, wenn nicht gar wonniglich stöhnend, gefallen ließ, plötzlich „NEIN!“ sagt? Denn so eine Frau darf das. Weil alles andere Gewalt wäre.

Hat die nicht vorher drüber nachgedacht, was sie da tut? Was dachte die denn, was passieren würde so ohne Klamotten und mit seiner Zunge überall?

Und was (nur so als Gedankenspiel) würde sie denken und tun, wenn plötzlich er „NEIN“ sagt, auch wenn ihr das gar nicht Recht, aber doch sein Recht genauso wie das ihre wäre?

Die Zeiten sind schwierig, denke ich mir. Es gibt Machos (Erzeuger) und Beta-Männchen (Väter). Und dass die einen womöglich mehr Geld haben als die anderen sollte kein Argument sein. Wir sollten uns überlegen, was wir wollen. Und sollten auch darüber reden. Ganz ehrlich auch mit uns selbst.

Was dann die Männer daraus machen, ist deren Sache.

Aber nie, finde ich, niemals, sollten wir andere dafür verantwortlich machen, was wir irgendwann fehl einschätzten. Denn wir (Frauen) haben viel mehr in der Hand, als wir zugeben möchten.

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