Personen ohne Seele und Externalisierung

Wenn wir heute von juristischen Personen reden, ist klar, dass es sich um irgendetwas Wirtschaftliches handelt. Woher das aber kommt, weiß kaum einer, bedenkt kaum einer.

Die Sache kommt von den Klöstern, in denen i.d.R. bettelarme Mönche lebten, denen nichts von alldem im Kloster gehörte. Der Papst (fragt jetzt nicht, welcher) stellte dann irgendwann zur Klärung des Rechtsstandes fest, Klöster seien Personen ohne Seele. Die nur als solche (also als Gesellschaft etc.) haftbar gemacht werden können. Die dahinter stehenden Menschen haften jedoch nicht.

Irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts, als man sich in den USA entschied, die trotz gewonnenem Bürgerkrieg noch immer nicht wirklich abgeschaffte Sklaverei und Rassentrennung rechtlich zu fundamentieren, war nicht klar, was die Definition einer Person (bis dahin waren Neger keine Bürger der USA und hatten also keinen Rechtsstand) nach sich ziehen würde. Nur 19 Rechtsstreitigkeiten zur Rassengleichheit wurden durchgeführt, aber irgendwas um 240, damit Kapitalgesellschaften (die ja, wir erinnern uns, Personen, wenn auch ohne Seele, waren) von irgendwelcher Haftung freigestellt wurden.

Sie hatten Erfolg.

Der Auftrag einer Kapitalgesellschaft ist es: Höchstmöglichen Gewinn im Sinne seiner Investoren zu erzielen. Die Gesellschaft ist nur und ausschließlich den Investoren verpflichtet. Nicht den Arbeitnehmern, nicht den Konsumenten und schon gar nicht der Gesellschaft als solcher.

Dieser kraft Gesetzes zuerkannte Personencharakter hat nur einen Haken: Menschen sterben, Kapitalgesellschaften nicht; sie können theoretisch ewig leben.

Was ihr Handeln so schwierig macht und nie zu einem gedeihlichen Vermächtnis führt, denn - siehe oben - sie sind quasi unsterblich. Ganz besonders, wenn sie im Laufe der Zeit so viel Macht erlangt haben, dass sie die gesamte Gesellschaft in den Abgrund reißen würden. "Too big to fail" heißt es dann und jene, die mehr Schaden als Nutzen davon tragen, retten sie trotzdem.

Diese unsterblichen, weil - auch bei wirtschaftlichem Misserfolg - immer wieder geretteten Gesellschaften haben unumschränkte Macht. Sie zwingen das Rechtssystem in die Kniee, wenn festzustellen ist, ob Rauchen wirklich Lungenkrebs verursacht, ob durch Profitgier verursachte Umweltschäden zu beseitigen sind, ob der industrielle Trinkwasserverbrauch Anwohner schädigt, ob Mütter durch den Verkauf von Billigbabynahrung (der dann sehr schnell eingestellt wird) beim Sterben ihrer Kinder zusehen müssen.

Schäden, die in der betrieblichen Statistik nicht auftauchen, sind externalisiert. Sie werden von irgendwem draußen getragen, der nicht in der Buchführung auftaucht und nur selten dagegen klagen kann. Mithin wirken sie sich nicht gewinnmindernd, aber dennoch gesellschaftsschädigend aus.

Und nun sage noch einmal einer, dass Gewinne nach unten "durchtröpfeln".

Irgendwann, sehr viel später, gab es eine Untersuchung, derzufolge die "Personen" der Kapitalgesellschaften in ihrem Charakter und Wirken untersucht wurden. Wären sie, wie sie es ja gerne geltend machen, Personen (so im psychologischen Sinne), müsste man sie als Psychopathen betrachten und behandeln.

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NaSoEtwas

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Zaungast_01

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Frank und frei

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