Dass ich ihren Namen hier so schreibe(n kann), liegt daran, dass sie nicht wirklich so hieß, sondern einen viel längeren Namen hatte, den uns Deutschen beizubringen sie schon aufgab, noch bevor wir uns kennenlernten.

Sie ging mit meiner Tochter zur Schule, kam aus Thailand und war eine wirkliche gute Schülerin.

Taks Vater und Mutter waren geschieden. Oder waren sie nie verheiratet? So genau weiß ich das nicht. Jedenfalls war er der Erste aus der Familie in Deutschland. Er arbeitete in einem asiatischen Restaurant und war, oh Wunder!, verheiratet mit einer Mitarbeiterin des Ausländeramtes. Vielleicht hatte die ja mal Urlaub in Thailand gemacht. Die Liebe war jedenfalls nicht so groß, dass die beiden zusammen lebten. Vielmehr hatte ihn seine "Frau" bei ihrem Vater untergebracht, der nach dem Tod seiner Frau allein im Haus lebte und auch kein großes Ungemach damit hatte, denn Taks Vater war die meiste Zeit nicht da. Er schlief meistens in irgend einer Abstellkammer des Restaurants, in dem er arbeitete, weil er sowieso 16 Stunden am Tag dort war. Alle paar Wochen kriegte er für eineinhalb Tage frei. Dann ging er zu seinem "Schwiegervater", der ihn auf einer Pritsche in einer Kammer parkte, weil er dann sowieso fast die ganze Zeit schlief. So kaputt war er meist.

Tak kam eine ganze Zeit später. Ihr Vater fand, dass sie mit 12 schleunigst weg musste von der Mutter, die sicherlich nicht böse war, aber sehr beengt wohnte, so dass Tak zwangsläufig die Freier mitbekam und die, schlimmer noch, Tak wahrnahmen. Er holte sie her mit der Begründung, sie solle die Ferien bei ihm verbringen, beantragte dann jedoch einen dauerhaften Aufenthalt für sie. Was den Leuten, die für solche Dinge zuständig waren (und man hatte ja Beziehungen) schlüssig schien.

Tak landete beim neuen "Großvater", der zunehmend begriff, wie praktisch so ein anstelliges junges Mädchen im Haushalt ist.

Hernach bekam der Großvater eine neue (wenn auch nicht mehr ganz frische) Frau aus Thailand. Und wie Taks Tante und ihr Mann in Deutschland Aufnahme fanden, ist nicht überliefert.

Das Haus war jedenfalls voll. Tak als die Jüngste wurde mit allerhand Aufgaben betraut, die den Rahmen dessen sprengten, was eine gute Schülerin leisten konnte. Sie wurde in der Schule zunehmend schlechter.

An der Seite ihrer Mutter jedoch hatte sie gelernt, wie man handelt und mit Männern umgeht. Sie handelte sich für ihre häuslichen Dienstleistungen für inzwischen vier bis fünf Personen ein ordentliches Taschengeld aus. Ihre schulischen Leistungen verbesserte das natürlich nicht.

Sie fand es nicht einmal schlimm, dass inzwischen das Haus so voll belegt war, dass ihr Vater bei seinen wenigen Erholungswochenenden mit ihr in einem Bett landete. Beengte Verhältnisse war sie gewöhnt. Nicht aber ...

Da kam sie zu uns.

Es war Freitag Mittag und die Chancen, irgendwen zu erreichen, waren nicht gut. Bei uns, war klar, hätte man sie zuerst gesucht und womöglich in die ungute Situation zurück gebracht.

Ich telefonierte stundenlang, bekam die Telefonnummer des Lehrers heraus, der (Mustopf!) nicht einmal bemerkt hatte, wie sehr Taks schulische Leistungen nachgelassen hatten. Beim Jugendamt war auch niemand zu erreichen. Dann rief ich bei "Wildwasser" an, einer Organisation für misshandelte/ missbrauchte Frauen und Mädchen. Die konnten keine Sofortlösung anbieten, sagten aber zu, dass sie prüfen würden, ob in einem ihrer Häuser ein Platz frei sei. Bis zum nächsten Tag könne das aber dauern. Taks "Großvater" rief an und fragte nach ihr. Wir sagten, sie sei nicht da.

Tak selbst kontaktierte eine "Tante" in siebzig Kilometern Entfernung, die, mit einem Deutschen verheiratet, nach Rücksprache mit ihm bereit war, sie aufzunehmen. Noch am Abend brachten wir sie hin.

Am nächsten Morgen stand die Polizei bei uns vor der Tür. Meine Tochter wurde befragt und ich griff ein, erzählte, was passiert war. Die Polizisten gingen wieder und wollten das Jugendamt informieren.

Tak lebte einige Monate bei ihrer Tante. Dann gab es Ärger, nicht nur, weil die 2-Raum-Wohnung mit Tak auf der Couch im Wohnzimmer zu eng war. Die Tante war eifersüchtig.

Und schließlich fand sich ein Platz im betreuten Wohnen für minderjährige Mädchen, von wo aus Tak ihren Schulabschluss machte.

Tak ist Krankenschwester geworden, hat geheiratet und ein kleines Mädchen gekriegt, das inzwischen auch erwachsen sein dürfte.

Wie es weiterging, habe ich nicht erfahren. Auch meine Tochter hat den Kontakt mit ihr verloren.

Ich hoffe, sie hat nach all dem dauerhaft "die Kurve gekriegt".

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Zaungast_01

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MartinUSH

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