Ach, was waren das noch für Zeiten, damals, als die Menschen sich dessen gewahr wurden, dass nicht alle gleich denken und doch Menschen sind. Irgendwie.

Die Gespräche damals nannte man Diskussionen. Und die liefen beileibe nicht immer friedlich und gesittet ab. Aber doch steckte in uns allen so etwas wie Anstand, den uns unsere sehr autoritären Eltern, mühsam zwar, aber dennoch erfolgreich antrainiert hatten.

Wohl wahr: Wir modifizierten manche Regel, fielen einanderen (und sei es nur, um den spontanen Gedanken nicht zu verlieren) gelegentlich ins Wort, hörten aber nie auf, die Gedanken des Anderen, und waren sie uns auch noch so fern, aufzunehmen.

Und: Wir blieben beim Thema, kamen nicht vom Papst auf den Eierkuchen und schon gar nicht beharrten wir stumpfsinnig auf immer den gleichen Gedanken und Thesen. Die Welt in den sechziger und siebziger Jahren war viel zu bunt, viel zu aussichtsvoll, um immer über dem gleichen Knochen zu hocken.

Wann genau hat das angefangen, dass der Ton rauer wurde und die Schranken der körperlichen Unversehrtheit fielen? War es wirklich erst hier?:

Peter Kneffel dpa

Auf einer Postkarte titelte man höhnisch: "Aufeinander zugehen!"

("Da ich nicht die Absicht habe - wenn jemand vor mir steht und mich bewirft - davonzulaufen, bin ich eben auf die Menschen zu. Und da hat ein Gitter dazwischen gestanden. Und das war von Nutzen", erklärt Helmut Kohl später auf der Bundespressekonferenz.)

Womit wir beinahe beim Thema wären. Die Eier, geworfen von Matthias Schipke, damals stellvertretender Juso-Vorsitzender in Halle, sind der Beginn der gewandelten Diskussionskultur. Schipke wird später, bei seiner Entschuldigung an Kohl einräumen, dass Eierwerfen auch Gewalt sei, die er nun nicht mehr gut findet.

Seither hat sich einiges geändert. Das Internet brachte vollkommen neue Formen der Auseinandersetzung. Gewalt, körperliche, wurde in Ermangelung geeigneter Möglichkeiten passé, aber der Umgangston rauer und die Wertschätzung ging gegen Null.

Ich bemerkte das zum ersten Mal in einem amerikanischen Forum kurz nach dem 11.September. Während sich die Mehrheit der Diskutanten im Geiste schon bewaffnete und auf Moslemjagd gehen wollte, waren da auch ein paar wenige, die Zweifel anmeldeten: Wie kann ein geheimdiensttechnisch so gut durchorganisiertes Land wie die USA von einer solch tiefgreifenden Verschwörung nichts merken? Ging die Sache etwa von der Regierung aus? Sollte der Angriff als Rechtfertigung für wasauchimmer hergenommen werden? Und: Wieso waren an diesem Morgen so viele einflußreiche Menschen, die sonst in den Türmen arbeiteten, nicht da? (Wir erinnern uns: Anfangs wurde die Opferzahl viel höher angegeben.) Wussten die etwa Bescheid?

Jeder mit heutiger Interneterfahrung ahnt, welch Shitstorm auf die Menschen mit derartigen Gedanken hernieder ging.

Wenn überhaupt ich den Begriff "Shitstorm" zeitlich irgendwo verorten soll, dann war das damals.

Seither ist wieder viel Zeit vergangen. Zeit, in der nun wahrlich jeder, seien seine finanziellen Verhältnisse wie auch immer (Kennen Sie noch das Geräusch der Modemeinwahl und die Abrechnung der Netzzeit in Minuten?), einen Netzzugang hat. Und jeder meint, etwas zu sagen zu haben. Und die Meinungsbilder haben das Netz auch schon längst für sich entdeckt. Und Menschen ohne Meinung lesen und sehen nur allzu gern mundgerecht aufgearbeitete Meinungsmache, der sie es zu verdanken haben, dass sie sich befähigt fühlen, mitzureden. Was sie dann auch tun. Mit allergrößter Beharrlichkeit nur von dem schreibend, was ihnen durch die vielen Vorbeter geläufig über die Tastatur geht. Ganz so, als wären es schon immer ihre eigenen Gedanken gewesen. Und sich nicht dessen bewusst, dass das vermeintlich bedachte Spektrum letztlich ziemlich schmal ist und eben davon zeugt, dass man ihnen ihre langjährige Uninteressiertheit sehr wohl anmerkt. Bis wann haben sie ihre (Er)Kenntnisse aus dem Lesezirkel im Arztwartezimmer bezogen? Haben sie irgendwann regelmäßig Nachrichten gehört/gesehen, irgendwann eine Bundestagsdebatte verfolgt, Dokumentationen gesehen/ gehört, die ihnen Zusammenhänge hätten deutlich machen können? Gar nicht zu reden von Büchern jenseits der Herz-Schmerz-Palette.

Man weiß es nicht, steht aber erstaunt vor dem Erlebnis der täglichen Verächtlichmachung derer, die solches schon seit sehr langer Zeit tun.

In heutigen Netzdiskussionen, die diesen Namen wahrlich nicht verdienen, wird gepunktet mit allerlei mehr oder wenig offenen Beleidigungen, Kränkungen, mal eben in den Raum gestellten Behauptungen (gerne die, dass der Andere zu dumm ist, das Geschriebene zu begreifen, dass er geblendet, borniert und - natürlich! - nicht gebildet genug ist, auch nur das Geringste zu verstehen, während man selbst doch mit solch glasklarer Logik argumentiert; komisch, dass so etwas immer nur von denen kommt, deren schmales Argumentationsspektrum letztlich genau DIE Schlüsse sie selbst betreffend ziehen lässt) und - wenn gar nichts sonst mehr hilft - dem Anwurf, der Andere sei ja ideologisch so indoktriniert, dass ein Gespräch mit ihm ja sowieso vollkommen unsinnig wäre. Das alles umschrieben mit linksgrün, linkslink, wobei gerne ein bisschen Stalin, Honecker und Stasi in den Topf geworfen wird. Irgendwas wird schon seine Wirkung tun. (Schließlich hat man aus dem Nazi-Totschlagargument gelernt. Wenn schon nicht Recht haben, dann wenigstens dem Anderen das Maul stopfen. Irgendwas, Stasi oder der Dummheitsvorwurf, wird schon wirken.)

Da fragt man sich doch (und es spielt keine Rolle, dass es über der Website in riesengroßen Lettern steht), was das alles mit Meinungsfreiheit zu tun hat. Ganz offensichtlich (betrachtet man es sachlich) sind da nur ein paar Wenige, die ihre Meinung, koste es, was es wolle (und, nein, es kostet nichts, reineweg garnichts, nicht einmal den guten Ruf, der wahrscheinlich vorher schon hinüber war) in die Welt hinaus tippseln, und jede Menge von den Lesezirkel-Mitläufern (die, würde man die Sache tiefer denken, anderswo auch prima mitgelaufen wären), welch alle sich dagegen wehren, dass es noch ein paar Andere gibt, die - zur Beruhigung der eigenen bösen Gedanken - schnell mal als Unverständige abgetan werden.

Streitkultur, erinnere ich mich, geht anders. Wer zu seinen Gedanken steht, hält auch andere Gedanken aus. Wer sich aber unsicher ist, sein Weltbild für unverrückbar und sich selbst für einen Star halten möchte, wird kämpfen, mit allen Bandagen. Ganz bestimmt nicht fair. Und ganz bestimmt nicht achtenswert. Und sich als das arme Würstchen offenbaren, das er eben nun einmal ist.

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