Von Shitstorms, Bashing und anderen Opferattitüden

So prima das Internet auch als Ort ist, an dem man sich mal so richtig ausko..., äh, aussprechen kann, so tückisch ist es doch.

Denn ... dummerweise tummeln sich an diesem Ort nicht nur Menschen mit der eigenen Meinung. Die freilich sind ganz toll, weil sie einen Liken, Bedäumeln und gar kommentieren.

Wenn dann unter so einem Beitrag steht:

"Hei, schnudupi! Das denke ich auch schon lange. ENDLICH hat das mal einer gesagt ..." usf., fühlt sich der Schreiber super und ganz mutig, obwohl man sich fragen darf, was die geneigten Kommentatoren bislang gehindert hat, diese Meinung irgendwann mal selbst zu äußern, da sie die ja immer schon hatten.

Das liegt, nein, nicht an der Unmöglichkeit, seine Meinung zu sagen und nur manchmal an der Unfähigkeit, geeignete Worte zu finden. Es liegt auch nicht, obwohl gern behauptet, daran, dass die eigene Meinung zu sagen, Probleme mit sich bringt. Denn wäre dem so, würden die geneigten Kommentatoren ja auch nicht so wohlwollend kommentieren können. Schließlich brächte das in einem System, das so wäre, die genau gleichen Probleme.

In Wahrheit liegt das daran, dass viele nur MEINEN, dass sie das Gleiche schon immer gedacht haben, obwohl sie noch nie vorher darüber nachdachten, die Sache aber jetzt irgendwie ganz vernünftig finden. Und manchmal mögen sie den Blogschreiber einfach nur, obwohl sie das Geschriebene weder wirklich verstehen, noch nachvollziehen, geschweige denn befürworten können.

Das gilt so ähnlich für jene, die anderen Sinnes sind. Die nun unter so einer Meinungsäußerung zu haben, ist wirklich ärgerlich und es gibt ganz verschiedene Methoden, um ihrer Herr zu werden.

Man kann ihnen, das wäre ja nun das Allereinfachste, sagen, sie sollen sich aus dem eigenen Dunstkreis verpissen. Wen schon interessiert eine Meinung, wenn sie nicht die eigene ist? Aber das, man ahnt es, ist reichlich unprofessionell. Man selber will ja auch sagen, vielmehr schreiben können, was man will. Kann man den anderen also nicht verbieten, wenn man nicht den begründeten Verdacht wecken will, man sei ein Diktator.

Also erklärt man den Meinungsgegnern, und zwar möglichst viele Male, dass sie ja keine Ahnung haben, sowieso nichts begreifen und am Ende ihres geistigen Horizonts angelangt sind. Was die Annahme nahe legt, dass es völlig unsinnig, gar lästig ist, Kommentare zu erwidern, die jeglich gesunden Menschenverstandes entbehren. (Dass auch die wohlwollenden Kommentatoren, erkennbar an dem, was sie so profund von sich geben, häufig nicht verständiger an die Sache heran gehen, spielt dabei keine Rolle. Denn immerhin sind sie eines: Einverstanden. Und mit diesen Pfunden lässt sich wuchern, spätestens dann, wenn da nicht nur Einer, sondern gar mehrere nicht einverstanden sind. DENEN muss man klar machen: "Aber die Einverstandenen sind mehr" - frei nach dem Motto: "Leute fresst Scheiße; so viele Fliegen können sich nicht irren!". Folglich füttert man das tumbe Fußvolk an, indem man mit Sahne um den Bart nicht spart: "Ja, siehst du, DAS eben begreifen die Doofen anderen nicht. Was für ein Glück, dass du so eine ehrliche Haut bist" und des Geschwafels mehr. Weil, wir erinnern uns, JEDER gern gelikt, bedäumelt und verbal gelobt wird.)

Nun sind, die Welt ist bunt und die reine Wahrheit gibt es nicht, die mit der anderen Meinung aber auch nicht auf der Wurschtsuppe her geschwommen. Was sie bei allzu großem Blödsinn nicht nur als Einzelne auf den Plan ruft. Jetzt kommt es darauf an, durchzuhalten, dran zu bleiben, wacker dagegen zu kommentieren, mit gleichermaßen zunehmend ungeduldiger und lauter werdender Stimme dem anderen darzulegen, dass er zu blöde ist, die einfachsten Dinge zu begreifen. Wobei natürlich klar ist, dass das geschriebene Internet keine Lautstärke kennt. Aber es gibt sie, die zunehmend kraftvollen, immer geringschätziger werdenden Begrifflichkeiten, die jeder versteht und manch einer (natürlich nur aus dem eigenen "Lager" ) mit Wonne zur Kenntnis nimmt. Machen wir uns nichts vor: Etliche Leute mit viel Tagesfreizeit lesen genau deswegen die kontroversen Themen so gerne. Sie haben einen gewissen Unterhaltungswert, der gern mit eigenen knackigen Kurzkommentaren gepusht wird. Nicht nur, dass die Kommentatoren sich selbst wieder in Erinnerung bringen, können sie ihr Gemüt laben an den Likes (s.o.), die nun wiederum sie für ihre kleinen Frechheiten einkassieren. Außerdem ist nichts schlimmer als eine Debatte, die an Schwung verliert und letztlich einschläft. Was fängt man denn da an mit seiner Zeit? (Manchmal, in der Nacht, wenn nur noch zwei, drei Leute da sind, sieht man diese einsamen Kommentatoren auf der Startseite, wie sie einen Beitrag nach dem anderen kommentieren und doch nur mit sich selber sprechen. Wie tragisch!)

Am Tag geht der Meinungsabschlag natürlich weitaus schneller vor sich. (Also darauf achten, WANN man seinen Beitrag einstellt; spätabends geht sicher in die Hose und wer weiß, ob nicht am nächsten Tag echtes Leben stattfindet und man hernach des Unflats, der sich inzwischen angesammelt hat, nicht mehr Herr wird.) Und wenn sich das Tempo überstürzt, muss man die Lage im Auge behalten. Häufen sich die Gegenkommentare, braucht es Kraft und Energie, dem Widerpart zu bieten. Wird es zu viel, kann man schon mal gelegentlich von Bashing reden, später von Shitstorm.

Spätestens jetzt ist es Zeit für die Opferattitüde.

Man sagt dann sowas wie, dass es heutzutage ja schlechterdings unmöglich sei, seine Meinung offen zu sagen, weil man dann sofort(!) gebasht und geshitstormt wird. Günstig ist es, die Meinungsgegner bereits in den Vorkommentaren in eine gemeinsame ideologische Gruppe gepackt zu haben, damit der Eindruck entsteht, sie hätten sich hinter den Kulissen im Sinne ihres gemeinsamen Ziels gegen einen verbündet.

Auch wenn kein Mensch mehr weiß, was politisch Rechts und Links ist, ist das - je nach eigenem Standort - immer wieder eine gern genommene Differenzierung; Tierfreunde und Tiergegner, Vegetarier und Karnivoren uswusf. wird man nicht ganz so gekonnt gegeneinander ausspielen können, weil da die Meinungen sehr auseinandergehen und die Feindbilder nicht ganz so hart eingesetzt werden können.

So oder so. Man wird bei allzu vielen nicht wohlwollenden Kommentaren eine Entscheidung treffen müssen. Wo man vorher noch irgendwo in die Runde gerufen hat: "Guck mal, soundsoviele Kommentare bereits gemeldet. Die halten die Wahrheit nicht aus!", weiß man zum Glück nicht, wie viele von den eigenen (man erinnere sich: der Ton wurde immer schärfer und geringschätziger) dabei sind. Man hat zu diesem Punkt bereits auch schon selbst ein paar Kommentare (natürlich in der Regel NICHT die eigenen) gelöscht, die einem nicht so genehm waren, und begründet dies mit den echten und vermeintlichen Untergriffen derer. (Natürlich werden die eigenen Kommentare immer als total sachlich und verkopft ausgegeben.) Sollten sich im Laufe der Diskussion Diskutanten als besonders lästig erwiesen haben, kann man die auch schon mal sperren mit der Begründung, dass sie ja total doof sind und überhaupt nichts verstehen und sowieso einem nur die wertvolle Zeit stehlen (als ob man gerade etwas anderes vor hätte.)

Das letzte Mittel der Wahl, wenn alles viel schlechter läuft als erwartet, ist dann, die Kommentare ganz zu schließen.

Und wer so drauf ist, wird gleich einen Beitrag hinterher schieben, dass alle so schrecklich gemein zu ihm waren und man nie und nimmer mehr seine Meinung sagen darf und alle seiner Geisteshaltung total verfolgt und benachteiligt sind.

Was ihn aber nicht daran hindern wird, in Kürze wieder seine Meinung zu sagen, sei sie so fundiert oder auch nicht wie auch immer.

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Persephone

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G. Szekatsch

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