Damals, in diesem im letzten Blog beschriebenen Wohnblock, hatten wir Nachbarn, viele. Die einen gemocht, die anderen nicht, aber irgendwie schienen sie alle zur Familie zu gehören.

Wir wohnten 1. rechts. In der zweiten links wohnte Familie G.. Zwei alte, vornehme Menschen aus Hamburg. Keine Ahnung, warum sie dort wohnten, wo ihr Sohn ebenda, in Hamburg, wohnte und die Grenze ... naja, eh schon wissen. Als Rentner hätten sie leicht dorthin gekonnt. Aber sie taten es nicht.

Ihr fetter rothaariger Kater saß oft im Treppenhaus und fauchte, wenn ich, irgendwo im Alter zwischen 5 und 8 zu ihnen nach oben wollte. Denn sie hatten nicht nur diesen interessanten Eisschrank (man stelle sich vor: einmal in der Woche kam der Mann mit der Pferdekutsche und den Eisstangen hintendrauf und schlug aus ihnen ein Stück genau richtig groß, damit es unten in ebendiesen Eisschrank passte), sondern auch wunderbare alte Möbel, immer blitzblank, tolle Bücher, aus denen Herr G. mir vorlas, dicke Teppiche und wahnsinnig viel Geduld mit einem kleinen Mädchen.

Daneben wohnte Familie R., die aus Mutter (80) und Tochter (50) bestand. Beide etwas merkwürdig und einander wie aus dem Gesicht geschnitten. Die R.s hatten beizeiten einen Plattenspieler, auf dem sie die geliebten Opern- und Operettenplatten abspielten. Und die Decken und Wände in diesem Haus waren dünn. Wir beschwerten uns nicht, denn eine Familie mit vier Kindern ist selbst nicht sehr leise. Diese Opern und Operetten flossen in unsere Welt ganz selbstverständlich ein. (Als ich irgendwann sehr viel später selbst in dieser Wohnung wohnte, hatte ich zuweilen deren Klang in den Ohren. Oder wars im Kopf?) Auf ihrem Klavier ließen sie mich nicht spielen, was ich heute verstehen kann. (Später stand das Klavier in meiner Wohnung, aber Tochterkind zeigte sich wenig begabt. Und als die Wende kam, musste ich es zurücklassen. Ich sah es noch einmal wieder und wäre fast in Tränen ausgebrochen: Beim Kochduell auf Vox waren sie in meiner Stadt und da stand es, unverkennbar. Die Intarsien und die Schwenkleuchter für die Kerzen waren unverwechselbar. Das war keine Ähnlichkeit, sondern es war MEINS. Das ich zurücklassen musste, als ich ging.)

Meine große Schwester, mit ihren heute über siebzig immer noch sehr schön, hatte damals die Idee, eine Gesangskarriere haben zu wollen. Und es gab noch keine Gesangslehrer für Schlager und so. Also nahm sie Gesangsunterricht im klassischen Gesang, von dem wir anderen alle etwas mitbekamen. Nicht nur, weil sie alleweil sehr klassisch-wichtig vor sich hinträllerte, sondern auch, weil sie uns erklärte, dass es die Kopfstimme "macht". (Was später auch meine Musiklehrerin Frau T. meinte, so dass ich es letztlich glaubte. In der Tat ist es so, dass Gesang erst richtig gut ist, setzt man (frau auch und ganz besonders) die Töne so von oben auf, statt sie im Hals hoch zu ziehen. Letzteres klingt immer mehr oder weniger quätschig und bestimmt nicht gekonnt.

Weder aus meiner Schwester (die schön, aber nicht gegen Lampenfieber gefeit ist), noch aus irgendwem sonst in unserer Familie ist ein großer Sänger geworden. Wir haben, außer in übermütigen Teenie-Zeiten nie besonders viel gesungen. Dennoch aber wissen wir, wie es geht.

Wenn irgendwo in der Nachbarschaft unbotmäßiger Lärm ist (irgendwann letzthin verkloppte der Türke nebenan seine Frau, was ihren Auszug nach sich zog), dann erhebe ich gerne diese von meiner Schwester gelernte Opernstimme. Ich schaffe keine üpzig was auch immer, klinge aber in dem, was ich tue, ausnehmend klar. Das ist der Plan, der imgrunde immer gelingt. Ich habe es ja in der Hand.

Warum ich all das schreibe?

Ja, alte Leute schwätzen manchmal so vor sich hin.

Es ist Sommer und alle Welt hat (auch, wenn uns nach allem Vorangegangenen die Temperaturen kühl anmuten) die Fenster und Balkontüren offen.

Mein Nachbar, Gegenwart, Berufsmusiker (Klarinettist) hatte im Mai schon den Besuch seines Enkels angekündigt, der - dito - Musik in Berlin studiert. Da kam er nicht. Jetzt ist er da. Offenhörbar.

Vor ein paar Stunden (Ich hatte nie gewusst, was im Nachbarn schlummert.) wunderte ich mich. Über Julio Iglesias (wird der so geschrieben?). Immer wieder die gleiche Stelle, immer wieder das gleiche Jammergesinge (das ich damals schon nicht mochte). Danach spielte er selber. (Warum ausgerechnet "Ganz Paris träumt von der Liebe"?) Und dann kam die Callas. Auch immer wieder die selbe Stelle. Und dann gar noch Caruso.

Man stelle sich vor: Ein nicht mehr ganz frischer jüdischer Russe unterhält sich mit seinem Enkel in Sportplatzlautstärke, unterbrochen von Musikeinspielern, eigenen Klarinettenbegleitungen und schließlich (das gab es noch nie! und ich wohne nebenan, ich muss es wissen) eigenen Gesangseinlagen ... und das alles praktisch auf meinen Schultern. Denn meine Balkonstühle stehen nur einen Meter entfernt von seiner Balkontür. Aus der all dies heraus kam.

Vermutlich war neben der Freude über den Enkelbesuch auch ein bisschen Alkohol im Spiel.

Aber: Ich mag meinen Nachbarn.

Und wenn er zuweilen spinnt, ist das OK.

Wer frei von Schuld ... eh schon wissen.

4
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Watzlawick

Watzlawick bewertete diesen Eintrag 11.07.2019 14:56:31

berridraun

berridraun bewertete diesen Eintrag 11.07.2019 10:51:40

Iris123

Iris123 bewertete diesen Eintrag 11.07.2019 10:40:25

Persephone

Persephone bewertete diesen Eintrag 10.07.2019 21:59:07

4 Kommentare

Mehr von sisterect