Der Mensch, ob er nun will oder nicht, braucht etwas, woran er glauben kann. Er ist sozusagen genetisch dazu bestimmt. Früher war das einfach, da hatten wir Gott. (Eigentlich wollte ich ja über diesen bedauernswerten Pfarrer schreiben, der aus Playmobil-Figuren die Bibel nacherzählte, was er nun nicht mehr darf, weil die Playmobil-Hersteller da was gegen haben. - Ich frage Sie, was kann man gegen die Überbringung der biblischen Botschaft haben? Doch das war dann zu traurig und diesseitig.)

Aber irgendwer meinte, das sei altmodisch und schließlich seien wir so frei, dass wir alles mögliche haben könnten. Und anderes sei ja viel besser, womöglich, vielleicht.

Nunja, jedenfalls glauben die Leute nun an allerhand Zeugs und versuchen, damit glücklich zu werden: Buddha, die Macht des Profits, Tarot, Tantra, die Kabbala usw., usw., usf. Man möchte gar nicht glauben, was alles es in dieser Richtung so gibt. (Den Glauben an die Macht des Profits lasse ich jetzt mal mit Absicht aussen vor, obwohl ... eigentlich hat alles - auch - damit zu tun.) Die Leute ziehen sich irgendeinen Glauben an wie morgens die Strümpfe und hoffen auf das große Glück. Sie suchen es in der Voraussage (via Glaskugel, Tarotkarten usf.), in der Liebe ( des Nächsten, sich selbst, alles Kreatürlichen) oder im duldenden Hinnehmen dessen, was sich sowieso nicht ändern lässt ( weil im nächsten Leben die große Abrechnung/ Belohnung des derzeitigen kommt). Sie glauben an allerhand, solange es nur das hiesige Jammertal erträglich macht. Dann sind sie glücklich, auf welche Art auch immer.

Um aber erst einmal solcherart glücklich zu werden, braucht man allerhand Utensilien. Zuerst einmal Bücher, die einem das neue Glück erklären. Dann mehr oder weniger Zubehör: Klangschalen, Räucherstäbchen, Wallegewänder, Armbänder, Ketten, Gebetsmatten, Bilder, Altäre undundund. Die kaufen wir uns gerne, wenn es denn fürs Glück gut ist. Gar nicht zu reden von den vielen Spenden für all jene, die uns das Glück bringen. Wir überweisen, werfen in Opferschalen, trennen uns von unseren Haaren (nun gut, das tun nicht wir, sondern die anderen), rufen bei Fernsehsendern an.

Und während uns eine rosige Zukunft beschert wird, rattert der Zähler am Telefon.

Ein ganzer Industriezweig lebt von unserem Drang zum Glück. Weshalb es da sogar Messen gibt.

Ich war schon mal bei so einer Esoterikmesse und kann Ihnen berichten, dass die da, obwohl sie oft so tun, alle beileibe nicht von Luft und Liebe leben. Schon der Eintrittspreis war vom Feinsten. Gar nicht zu reden von all jenen, die einen hernach in ihre mit Tüchern verhangenen Budchen locken wollten, um ihre ureigenste Botschaft zu unterbreiten, was allein schon extra kostete, und ihre höchsteigenen, ganz besonderen (gesegneten!) Wasauchimmer loszuwerden.

Obwohl sie alle mehr oder weniger abgehoben grinsend da standen, wurde schnell klar, dass die Glückseligkeit ein hartes Geschäft ist.

Wer nach diesen zwei Tagen nicht die Standmiete und den Lebensunterhalt für mindestens zwei Monate eingespielt hat, ist verkehrt im Geschäft und sollte ernsthaft darüber nachdenken, ob er nicht besser wieder zurück hinter den Bankenschalter geht.

Das Beste aber an diesem Tage war Dragomir(?), der mitsamt seiner gut gewachsenen entfernten Verwandtschaft aus dem ehemaligen Jugoslawien kam, wo er (so ging die Mär) mit seinen Verdiensten ein ganzes Dorf ernährte. Was Dragomir(?) machte? - Er guckte.

Was meine Freundin und mich zu dem Spruch animierte: "Der macht ja nix, der guckt ja nur."

DAS, muss man schon sagen, ist wahre Kunst: Mit Gucken sein Geld verdienen. Und der verlangte nicht mal Eintritt, so sicher war er sich, dass die Leute seine Bücher, CDs usf. kaufen würden, sobald sie ihn erst mal beim Gucken gesehen hätten.

Dragomir kam rein, kletterte ein paar Stufen hinter einem weiss betuchten Tisch hinauf, stand da, ebenso weiss bekleidet wie der Tisch und ... guckte. Mal hierhin, mal dorthin. Sehr ernst, sehr tief. Nach zehn Minuten Guckerei kletterte er wieder runter und ging.

Und damit diese Guckerei nicht allzu belanglos wirken sollte, musste man sie sich erstehen, indem man vorher sein Lebenswerk, seine Botschaft und allerhand Instruktionen ("Nehmen Sie ein Bild Ihrer Lieben in die Hand, für die sie etwas erbitten wollen! Schauen Sie Dragomir tief in die Augen. Sie werden feststellen, dass er Ihnen mitten ins Herz schaut.";) über sich ergehen ließ.

Manch einer brach währenddessen oder hernach weinend zusammen. Auch ich hatte nicht unbeträchtliche Rückenschmerzen. Denn natürlich war Sitzen obsolet. Es sollte ja weh tun, damit man offen war für welche ungesprochene Botschaft auch immer.

Danach gingen meine Freundin und ich erst einmal in das markteigene Cafe, um uns von der Strapaze bei einem sauteuren Kaffee zu erholen. Neben uns saß eine Inderin, die stets fröhlich lächelnd nickte.

Während wir nicht ohne Häme unser tiefschürfendes Erlebnis auswerteten und eigene Pläne für ein Unternehmen "Ich gucke und verdiene damit Geld" schmiedeten, lächelte sie immer wieder äusserst freundlich.

Erst als wir uns für eine Zigarette nach draussen aufmachten und noch einmal ebenso freundlich in Richtung der Inderin zurück nickten, meinte diese in akzentfreiem Deutsch: "Eine wirkliche lehrreiche Vorstellung, nicht wahr?" Obwohl uns das dann doch ein bisschen peinlich war, schien sie es nicht böse zu meinen.

Woran man erkennen kann, dass solche Messen durchaus auch eine Sache für Berufseinsteiger sind. Es scheint legitim, dass man sich ein paar Tricks abguckt, um selbst ins Geschäft zu kommen.

Wenn ich bloß, verflixt noch mal, so ganz richtig tief und ernsthaft gucken könnte, hätte ich schon längst im Büro gekündigt. Aber ich fange bei so etwas immer an zu lachen.

Und beim nächsten Mal erzähle ich Ihnen von der Bekannten, die sich während ihrer Arbeitslosigkeit für einen kleinen Nebenverdienst bei diesem Tarotsender als Kartenleserin anmeldete und schon im zweiten Monat mehr verdiente als jemals zuvor.

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