Bei der Frage was Geld eigentlich ist, wie es entsteht und welche Rolle die Geschäftsbanken und die Zentralbanken dabei spielen, herrscht heillose Verwirrung. Der folgende Artikel soll deshalb die Abläufe der Geldschöpfung im Kapitalismus so darstellen, wie sie tatsächlich stattfinden und sie dabei so einfach erklären, dass dafür kaum ökonomisches Vorwissen mitgebracht werden muss.

Die falschen Mythen rund um die Geldentstehung sind nämlich nicht nur unter Laien weit verbreitet (»Geldschöpfung der Banken ist Betrug!«), sondern finden auch immer wieder ihren Weg in Lehrbücher (»Banken verleihen Spareinlagen weiter«), werden oft an Universitäten vorgetragen und von den Quacksalbern der neoklassischen Ideologie in den Medien weiterkultiviert. Sogar die Deutsche Bundesbank hat es erst vor wenigen Jahren geschafft, ihre Homepage von allen Irrtümern zu bereinigen und bietet jetzt ein sehr gutes, für das Verständnis aber teilweise lückenhaftes Online-Tutorium für Interessierte an. Ich will allerdings noch einen weiteren Schritt zurückgehen und das Geschäft der Banken so erklären, als würde dieses zwischen Privatpersonen stattfinden, weil ich glaube, dass dadurch vieles leichter begreiflich wird.

Die folgende Kurzfassung soll als Einstieg dienen, der bei Interesse ein zweiter Teil folgen kann. Wer tiefer in die Materie eintauchen will oder wissen will, warum der Kapitalismus immer und ausnahmslos scheitern muss, dem stelle ich hier das gesamte 90-seitige Kapitalismus-Kapitel aus meinem Buch »Ein Buch für Keinen: Wie ökonomische, ideologische, soziale, biologische und physikalische Systeme entstehen und warum sie zum Scheitern verurteilt sind« kostenlos zur Verfügung.

Mythos I: Banken erfinden einfach Geld und verleihen es

Nein, das tun sie nicht. Sie schaffen Zahlungsmittel, die ein Anspruch auf Geld sind, so wie das prinzipiell (wenngleich rechtliche Schranken das erschweren) auch jede Privatperson tun kann. An dieser Stelle sollten wir zwei grundverschiedene Dinge auseinanderhalten: »Kredit« und »Geldleihe«.

Das Prinzip der Geldleihe kennt jeder: Bianca leiht Stefan 10.000 € in bar und will das Geld in Raten oder endfällig zum Termin zurück. So stellen sich die meisten leider auch das Bankgeschäft vor. In Wahrheit ist das Einräumen von Kredit etwas völlig anderes als eine Geldleihe.

Stellen wir uns hierfür wieder Bianca (»B« wie »Bank«) und Stefan (»S« wie Schuldner) vor. Stefan will sich Geld leihen von Bianca. Bianca hat zwar Vermögenswerte in Millionenhöhe in Form von Sachgütern, Wertpapieren, usw., aber nur wenig Bargeld flüssig. Um Stefan das Geld leihen zu können, müsste Bianca Vermögenswerte verkaufen. Das will Bianca aber zu diesem Zeitpunkt nicht. Da Bianca eine reiche, angesehene Person ist, der man gemeinhin vertraut und eine hohe Bonität unterstellt, gibt sie dem Kreditnehmer Stefan kein Geld, sondern einen Zettel mit der Forderung auf Geld, d.h. sie schreibt die Kreditsumme auf diesen Zettel und verpflichtet sich, dass sie diesen, wenn er ihr vorgelegt wird (auf Sicht), sofort oder zu einem dokumentierten Termin in Bargeld umwandelt. Bianca haftet also mit ihrem Vermögen für die Einlösung des Zettels. Wieviel Sicherheiten der Kreditnehmer Stefan für seinen Kredit hinterlegt ist irrelevant und allein Sache von Kreditgeberin Bianca, d.h. je mehr Vertrauen sie in die Rückzahlung des Kredits von Stefan hat, desto weniger Sicherheiten wird sie verlangen. Letztendlich haftet zuerst Bianca für die Werthaltigkeit des von ihr ausgestellten Zettels (Schuldtitel), wenn ihr dieser zur Umwandlung in Bargeld vorgelegt wird. Die Sicherheiten von Stefan dienen Bianca nur dazu, sich im Fall der Fälle schadlos zu halten.

Stefan hat also nun einen Zettel in der Hand, auf dem in großen Buchstaben (im realen Leben nicht) steht: »10.000 €, garantiert durch Bianca. Wird nach Vorlage in bar ausbezahlt.« Stefan kann nun mit diesem Zettel bei Hans (»H« wie »Händler«) einkaufen gehen, da dieser den Ruf von Bianca kennt und darauf vertraut, dass Bianca ihm das Geld ausbezahlen wird, wenn er es benötigt. Was Bianca hier geschaffen hat, ist Giralgeld. Giralgeld ist kein gesetzliches Zahlungsmittel, sondern eine Forderung auf gesetzliches Zahlungsmittel. Das ist völlig legal, kein Betrug, sondern das Geschäft der Banken, reicher Geldgeber und Unternehmen (zedierte Wechsel oder Wechsel gezogen auf sich selbst wie Sola- oder Finanzwechsel) seit rund vier Jahrtausenden, völlig unabhängig davon, ob die Bank in einem Papiergeld- oder Metallgeldstandard operiert. Der Händler Hans, der nun die Forderung auf 10.000 € in seinen Händen hält, kann damit seinerseits einkaufen gehen oder mit dem Zettel (Schuldtitel) zu Bianca spazieren, um sich die Summe in bar ausbezahlen zu lassen. Anders als beim Wechsel gibt es beim heutigen Giralgeld keinen Fälligkeitstermin, der abgewartet werden muss, bis man die Summe in bar ausbezahlt bekommt. Warum das so ist, will ich später erklären. Der Einfachheit halber gehen wir auch in unserem Beispiel von einem Schuldtitel ohne Fälligkeitstermin aus.

Mythos II: Banken verleihen Einlagen von Sparern weiter

Nein, das tun sie nicht. Wie wir im obigen Beispiel gesehen haben, benötigte Bianca keine Einlagen, um Kredit zu vergeben. Was sie brauchte, waren Vermögenswerte, d.h. Aktiva, mit denen sie für den Schuldtitel haftete. Auch Geschäftsbanken brauchen nicht einen einzigen Sparer, um Kredit einzuräumen, aber warum sind sie dennoch so erpicht auf Einlagen und verzinsen diese sogar (wenn auch heute nur mit mickrigen Zinsen)? Kommen wir für die Beantwortung dieser Fragen wieder zurück zu unserem mikroökonomischen Beispiel oben. Die wohlhabende Bianca hat also Stefan durch Belastung ihres Vermögens Kredit eingeräumt und Stefan geht mit diesem Schuldtitel beim Händler Hans einkaufen. Dieser akzeptiert den Schuldtitel von Bianca, nutzt ihn aber nicht weiter als Zahlungsmittel, sondern will das Versprechen von Bianca, die Summe bei Vorlage auszubezahlen, eingelöst sehen. Er geht also zu Bianca und »will sehen«. Bianca, die nach wie vor kein Bargeld flüssig hat, hat nun zwei Möglichkeiten, wie sie an Bargeld kommt, um es Hans auszubezahlen:

1) Sie könnte entweder Vermögenswerte am Markt verkaufen und so zu Bargeld kommen.

2) Sie könnte den Schuldtitel annehmen und sich jemanden suchen, der diesen Schuldtitel während der Laufzeit des Kredits von Stefan gegen Hereinnahme zu Bargeld macht. Sie findet also Zacharias (»Z« für »Zessionar«), der sich bereit erklärt, den Schuldtitel in Bargeld umzuwandeln. Zacharias wird das allerdings nicht selbstlos tun, sondern natürlich nur gegen einen Zins (diskontiert oder aufgeschlagen). Bianca kann also Hans jetzt das Bargeld überreichen und bezahlt dafür Zinsen an Zacharias. Wenn der Kreditnehmer Stefan seinen Kredit an Bianca abbezahlt hat, geht Bianca zu Zacharias, gibt ihm das Bargeld von Stefan (zuzüglich des verlangten Zinses), nimmt ihren Schuldtitel zurück und vernichtet ihn. Der Kredit ist also getilgt, Bianca hat ihren Schuldtitel zurück und alles ist wieder auf Ausgangsstellung.

Dieses Beschaffen von gesetzlichem Zahlungsmittel (Bargeld) nennt sich »Refinanzierung« und wird im modernen Geldsystem von den Zentralbanken (Bank der Banken) ermöglicht. Sie sind dieser Zacharias, der entweder Vermögenswerte der Geschäftsbanken gegen Bargeld aufkauft (üblicherweise nur zeitlich befristet gegen eine Rückkaufvereinbarung) oder eben einen Schuldtitel der Geschäftsbank während der Laufzeit gegen einen Leitzins in Bargeld umwandelt. Dieser Punkt ist tatsächlich auch der einzige fundamentale rechtliche Unterschied zwischen der Kreditvergabe von Privatpersonen und der Kreditvergabe von Geschäftsbanken. Privatpersonen müssen sich diesen Dritten am Markt suchen, Geschäftsbanken haben darüber hinaus die Zentralbank.

Es gibt aber auch noch eine dritte Möglichkeit, wie Bianca den Händler Hans zufriedenstellen kann, und diese dritte Möglichkeit kennt jeder von uns, auch wenn viele noch nie bewusst darüber reflektiert haben: Sie bietet Hans an, den Schuldtitel hereinzunehmen und zu verzinsen, wenn dieser im Gegenzug vorerst auf eine Auszahlung verzichtet. Das ist der Grund für die (geringe) Verzinsung von Giralgeld am Konto oder die etwas höhere Verzinsung auf gebundenen Sparbüchern (Verzicht der Auszahlung während der Laufzeit). Die Bank erspart sich durch eine Verzinsung der Giralgeldguthaben die Refinanzierungskosten, weil dadurch viel weniger Menschen ihr Geld in bar abheben. Daneben müsste eine Geschäftsbank Giralgeldabflüsse, die durch eine Überweisung von einer Geschäftsbank zur anderen stattfinden, beim sogenannten »Clearing« in Zentralbankgeld (»elektronisches Bargeld«) ausgleichen. Auch das soll durch eine positive Zinszahlung verhindert werden.

In unserem Beispiel hat die wohlhabende Bianca die Refinanzierungskosten (anfallende Kosten bei Veräußerung von Vermögenswerten bzw. Zinszahlung an den Dritten zur Erlangung von Bargeld), bzw. die Zinskosten für den Verzicht auf die Auszahlung des Schuldtitelhalters, bereits zu Beginn dem Kreditnehmer Stefan auf seinen Zins aufgeschlagen (deshalb braucht sie auch keinen Fälligkeitstermin für die Umwandlung von Giralgeldguthaben in Bargeld). Sie rechnet also von Anfang an damit, dass der Schuldtitel noch vor Fälligkeit des darunterliegenden Kredits auf Sicht vorgelegt und die Ausbezahlung verlangt wird. Dasselbe machen die Geschäftsbanken. Auch sie schlagen dem Kreditnehmer etwaige durchschnittliche Refinanzierungskosten auf seinen Zins auf. Deshalb ist es Zentralbanken möglich, durch eine Änderung des Leitzinses (= Kosten für die Refinanzierung der Geschäftsbanken) indirekt Einfluss auf die Kreditvergabe zu nehmen. Erhöht sie den Leitzinssatz, wird dieser von den Geschäftsbanken an die Kreditnehmer weitergegeben und drosselt so die Kreditvergabe.

Mythos III: Banken betreiben Multiple Geldschöpfung

Nein, das tun sie nicht, wie wir gerade gesehen haben. Abgesehen davon steht Giralgeld, das auf ein Girokonto überwiesen wurde, auf der Passiv-Seite der Bankbilanz und Passiva kann man nicht verleihen. Stellen wir uns hierfür wieder Bianca vor, die einen Kredit gegen Belastung ihres Vermögens an Stefan vergibt. Stefan zahlt mit dem Schuldtitel bei Hans. Bianca lockt nun mit Zinsen, um wieder an ihren Schuldtitel zu gelangen, um zu vermeiden, dass jemand - in unserem Fall Hans - ihn gegen gesetzliches Zahlungsmittel bei ihr einlöst, weil sie keine Vermögenswerte veräußern will. Hans gibt Bianca den Schuldtitel zur Verwahrung (gegen Zins). Bianca hat also jetzt eine Verbindlichkeit (Schuld in gesetzlichem Zahlungsmittel) gegenüber Hans und Hans eine Forderung (gesetzliches Zahlungsmittel) gegenüber Bianca. Wenn Bianca nun diesen Schuldtitel an Doris »weiterverleiht« (es ist völlig gleichgültig, ob sie diesen Schuldtitel weiterverleiht oder einen anderen, neuen Schuldtitel ausstellt), dann tut sie das wieder, indem sie ihr Vermögen belastet. Sie schuldet also jetzt sowohl Hans als auch Doris gesetzliches Zahlungsmittel. Von »Multipler Geldschöpfung« gibt es nicht die geringste Spur. Möglich – aber völlig sinnlos, da Geschäftsbanken, wie wir gesehen haben, keine Einlagen zur Kreditschöpfung benötigen – wäre das nur bei der Einzahlung von Bargeld, aber hier würden der Geschäftsbank rasch die notenbankfähigen Sicherheiten fehlen um sich refinanzieren zu können. Wenn also die Geschäftsbanken das Bargeld nicht zur Aufstockung der Barreserve benötigen, werden sie damit wohl eher ihre Pfänder bei der Notenbank auslösen. Auch hier ist von einer »Multiplen Geldschöpfung« nichts zu entdecken.

Mythos IV: Banken bereichern sich durch den Ankauf von Vermögenswerten mit erfundenem Geld

Nein, das tun sie nicht. Auch hier haben wir es mit einem gewöhnlichen Geschäft innerhalb der Rechtssphäre zu tun, das auch zwei Privatpersonen abschließen könnten. So kann Bianca ihr Vermögen belasten, einen Schuldtitel ausstellen und damit beispielsweise ein Haus kaufen, wenn dieser Schuldtitel aufgrund des Vertrauens zu Bianca als Zahlungsmittel akzeptiert wird. Auch wenn Bianca nun Eigentümerin eines Hauses ist, ist dabei ihr Vermögen zu keinem Zeitpunkt angewachsen, weil sie ja auf der Passiv-Seite der Bilanz eine Verbindlichkeit gegenüber dem Hausverkäufer offen hat (Bilanzverlängerung). Der Halter des Schuldtitels (der Verkäufer des Hauses) kann nämlich jederzeit (oder nach Fälligkeit) die Herausgabe von Bargeld verlangen und wenn Bianca dieses nicht vorweisen kann, muss sie Vermögenswerte veräußern, beispielsweise ihr gerade eben erst gekauftes Haus (Bilanzverkürzung). Erst wenn der Preis des Hauses steigt, hat Bianca Gewinn gemacht. Fällt er, muss Bianca Verluste schreiben.

Mythos V: Diese Abläufe gibt es nur in einem »Schuldgeldsystem« – im Goldstandard war das ganz anders

Nein, war es nicht. Das Bankgeschäft war auch in einem Warengeldstandard genauso, wie beschrieben. Statt ungedecktem Bargeld, war eben goldgedecktes Bargeld die Forderung, die auf dem Schuldtitel stand. Auch die Zentralbanken, sofern vorhanden, fungierten als Refinanzierungsstellen für Schuldtitel (z.B. Wechsel) und wenn es keine gab (z.B. in einem System mit 100% Golddeckung), dann musste sich die Bank eben am Markt refinanzieren. Nochmal: Auch im Goldstandard wurde Kredit vergeben und nicht primär Gold verliehen. Es gab und gibt keinen fundamentalen Unterschied zwischen einem Goldstandard und einem Papiergeldsystem. Der einzige Unterschied war, dass der Leitzins zur Refinanzierung mit dem Goldbestand der Notenbanken korrelierte. Gab diese zu viel Bargeld an die Geschäftsbanken aus (gegen Hinterlegung von Pfändern, siehe Refinanzierung in unserem mikroökonomischen Beispiel oben), drohte die Deckung unter das rechtlich geregelte Maß zu fallen und die Zinsen stiegen, um die Kreditvergabe der Banken zu drosseln (und damit die Nachfrage nach Bargeld). Es gab also im Goldstandard kaum Möglichkeiten den Marktzins zu manipulieren. Und das ist auch schon der einzige Unterschied. Wie wäre es auch anders möglich gewesen, allein die Goldminen selbst vorzufinanzieren, wenn nicht durch Kredit?

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