Das AMA-Gütesiegel - Symptom einer degenerierten Gesellschaft

»Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka« - Isaac Bashevis Singer – Nobelpreisträger und Holocaust-Überlebender

Stellen sie sich vor, man würde sie an einer Eisenvorrichtung fixieren, wo sie nun ihr ganzes Leben zu verbringen haben. In einem dunklen Raum ohne Sonnenlicht können sie dann Sekunde für Sekunde, Minute für Minute, Stunde für Stunde, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr stehen oder liegen. Sie können sich nicht beschäftigen, nicht spielen, nicht mit Artgenossen kommunizieren – nichts. Da sie durch die fehlende Bewegung keine Muskeln ausbilden, leiden sie den ganzen Tag unter entsetzlichen Gelenksschmerzen, Entzündungen und Eiter-Abszessen. Das ist das »Leben« von Kühen weltweit, welche aufgrund dieser Tortur statt 18-25 Jahre, nur 5-6 Jahre alt werden, bevor sie der Bolzenschussapparat endlich erlöst. Damit sie fleißig Milch geben, verbringen sie ihr gesamtes Leben in Schwangerschaft, wo sie täglich bis zu 50 Liter Milch geben (ohne die pervertierte Züchtung auf Hochleistung würden Kühe rund 8 Liter Milch am Tag geben), was die Knochen dieser Tiere durch den ständigen Calciumentzug brüchig werden lässt. Die Kälber werden der Mutterkuh laufend weggenommen, was tagelanges, ohrenbetäubendes Schreien der Kuh zur Folge hat, dann werden die Kälber ohne Betäubung enthornt (die Hörner sind mit Nerven durchzogen, weshalb die Prozedur sehr schmerzhaft ist) und für die Fleischproduktion verwendet, wo es ihnen keinen Deut besser geht als ihren Müttern.

Ein solcher Betrieb mit Anbindehaltung könnte mit dem AMA-Gütesiegel ausgezeichnet sein. Warum? Weil das AMA-Gütesiegel nichts mit Tierschutz zu tun hat (im Gegensatz etwa zum AMA-Bio-Siegel). Es sagt lediglich aus, dass die Tiere in Österreich geboren, aufgewachsen und getötet wurden, die gesetzlichen Bestimmungen eingehalten wurden und manche eingesetzte Rohstoffe qualitativ über den gesetzlichen Bestimmungen liegen – mehr nicht. Nun betreibt die AMA schon seit Jahren Konsumententäuschung, wenn sie ihr Marketing in der Werbung stets visuell mit glücklichen Tieren auf der Alm aufhübscht und den Leuten suggeriert, das Gütesiegel hätte irgendetwas mit Tierschutz zu tun, aber mit ihrer derzeitigen Kampagne treibt sie ihre Frechheiten derart auf die Spitze, dass ich nicht umhin kam, diesen Artikel zu schreiben. Mit Slogans wie »Wer aufs AMA-Gütesiegel schaut, schaut auf gute Tierhaltung.« oder »Ich schau auf die Haltung. Ganz genau.« mit Bildern von glücklichen Strohschweinen oder Rindern, die von einer rot-weiß-roten Bürste verwöhnt werden, wird dem Konsumenten ein Bild der Fleischproduktion vermittelt, das in der konventionellen Tier»produktion« schlichtweg nicht existiert. Und auch wenn die Anbindehaltung ab 2020 verboten werden soll, wird es nach wie vor Ausnahmeregelungen geben und es ist nicht so, dass es anderen Tierarten auch nur einen Deut besser ginge: Auch Schweine, die ohne Betäubung kastriert werden, auf Vollspaltböden auf 0,7m2 leben und ihr gesamtes Leben mit Abszessen, Gelenksproblemen, offenen Wunden, Lungenreizungen (aufgrund der Dämpfe ihrer eigenen Ausscheidungen) und ohne Sonnenlicht dahinvegetieren, sind ein Kandidat für das AMA-Gütesiegel, solange sie sich freiwillig der Kontrolle der AMA-Richtlinien unterwerfen.

Reden wir Klartext: In diesem Blog geht es nicht um das AMA-Gütesiegel, sondern darum, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, dass es Nutztieren nun mal unvorstellbar dreckig geht – natürlich nicht nur in Österreich, sondern weltweit und in Ländern ohne Mindesttierschutzstandards noch dreckiger. Letzteres wird dann gern als Kontrast und Ausrede herangezogen, um über die Zustände in Europa wohlwollend hinwegzusehen und das Offensichtliche zu verdrängen. Dabei vergleichen wir aber bloß ein KZ mit einem anderen KZ, denn dieser Unterschied sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es beispielsweise in Deutschland jedes 5. Schwein (ergo 20%) nicht bis zur Schlachtung schafft. Welche Zustände müssen bei der Haltung oder dem Transport herrschen, wenn man 20% »Schwund« trotz großzügigem Antibiotikaeinsatz einkalkuliert, weil das marktwirtschaftlich billiger kommt, als alle Schweine durchzubringen?

Komplexe Säugetiere – daran zweifelt in der Wissenschaft niemand mehr – haben ein ähnliches Schmerzempfinden wie der Mensch – manche etwas weniger und manche sogar mehr - und das Bedürfnis nach Kommunikation, Spiel und Abwechslung. Unabhängig davon, wie ein Tier die Welt wahrnimmt, steckt in diesem Tierkörper also ein erlebendes Subjekt – eine Welt in der Welt. Wie ist es philosophisch oder ethisch zu begründen, diese Lebewesen derart zu malträtieren? Wie können wir mit Schaudern auf die unfassbaren Zustände in den Konzentrationslagern der NS-Zeit blicken und dabei seelenruhig unser Schnitzel aus konventioneller Landwirtschaft vertilgen? Wo genau liegt hier der Unterschied, außer darin, dass mir irgendein verkopfter, urbaner Berufsempörer gleich unterstellen wird, dass ich KZ-Insassen mit Tieren gleichsetze?

Noch nie in der gesamten Geschichte der Menschheit haben Tiere derart gelitten wie heute und das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht, wenn man den Blick beispielsweise nach China richtet. Mich hat einmal ein Bekannter - der ebenso wie ich davon überzeugt ist, dass sich die Komplexität der Weltzivilisation in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten unter furchtbaren Bürgerkriegen, Kriegen, Völkerwanderungen und Umweltkatastrophen nach mehr als 6000 Jahren Staatsgeschichte von selbst rückabwickeln wird - gefragt, wie man diesen gesamten Abschnitt seit der Wiege der Zivilisation in Mesopotamien bis heute, in 1000 Jahren bewerten wird. Worauf wird man diese Jahrtausende reduzieren? Was wird im kollektiven Gedächtnis haften bleiben? Ich habe ihm geantwortet, dass der Name keines einzigen Staatsmanns oder Politikers diese Zeiten überdauern wird und ebenso wenig wird sich irgendjemand auch nur einen Deut um die 6000-jährige Kriegsgeschichte um Gebiete, Energie und Macht scheren. Man wird nur mit nicht enden wollender Fassungslosigkeit darüber brüten, wie degeneriert und abgestumpft das Menschengeschlecht damals gewesen sein muss, als es Tiere mit einer pathologischen Selbstverständlichkeit wie den allerletzten Dreck behandelte. Die Bilder von fröhlich lachenden, modisch gekleideten Menschen mit dem Burger in der Hand und den geliebten Hund unterm Tisch, tief im Alltagstratsch versunken, wird man den bestialischen Bildern der Massentierhaltung entgegenstellen und sagen: »Da, schaut sie euch an, diese Verbrecher.« und man wird den Kopf schütteln und es nicht begreifen können.

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