Der Mythos »Freier Markt« - Staats- und Geldentstehung für Dummies

Der folgende Text soll die Entstehung von Staat und Geld, sehr stark verkürzt, aber vom Prinzip her der anthropologischen, ethnologischen und ökonomischen Realität entsprechend darstellen.

Auf einer einsamen Insel leben zwei Stämme zu je 150 Menschen. Jeder Stamm sorgt wie eine Großfamilie für die Bedürfnisse des eigenen Stammes. Es gibt keine Armen oder Reichen, sondern eine solidarische Produktion der Stammesmitglieder für ihren gesamten Stamm. Dann geschieht etwas Unerwartetes: Eine Naturkatastrophe bahnt sich ihren Weg, die bei Stamm A derartige Schäden verursacht, dass viele seiner Mitglieder zu verhungern drohen. Stamm B brauchen sie nicht um Hilfe zu bitten, denn es gibt – wie in Stämmen üblich – dort keine Überschussproduktion, die beide Stämme sättigen könnte, geschweige denn einen Handel oder gar ein universelles Tauschgut, mit dem man einen nicht vorhandenen Überschuss »kaufen« könnte. Das sind Phantasien bar jeder Realität, wie sie nur von Staatsapologeten gepredigt werden können.

Stamm A könnte jetzt, wie das in der prähistorischen Realität oft genug vorkam, Stamm B plündern. Da er aber bessere Waffen als Stamm B besitzt, hat er eine wesentlich effizientere Idee: Er tötet einen Teil der Stammesgenossen von Stamm A, um deren Nahrungsmittel zum Überleben an sich zu reißen und lässt den anderen Teil am Leben, damit dieser fortan für Stamm A arbeitet. Stamm A zieht also los, unterwirft Stamm B und versklavt die Überlebenden. Diese haben nun eine Abgabe, ergo einen Überschuss zu erwirtschaften, den sie Stamm A Monat für Monat als Abgabe zu übergeben haben. Das ist die Geburtsstunde des Staates – Adel und Sklaven.

Wir überspringen nun mehrere Phasen der Staatsentwicklung und schwenken sofort zur Entstehung des Geldes. Nachdem sich aus der vormals solidarischen Produktion von Stamm B eine immer ausdifferenziertere Arbeitsteilung für die Überschussproduktion herauskristallisiert hat, bei der nicht mehr der Stamm als Ganzes, sondern die einzelne Paarfamilie als Wirtschaftsgemeinschaft für die pünktliche Bezahlung der Abgabe haftet, ist es Stamm A - der neue Adel - langsam leid, ständig ganz spezifische Abgaben zu verlangen. Ist es nicht möglich ein universelles Steuerschuldentilgungsmittel zu ernennen, das gegen andere Güter eingetauscht werden kann, weil es jeder zur Tilgung seiner Steuerschuld benötigt? Auch hier überspringen wir mehrere Stufen der Geldevolution und vor allem die Frage, warum gerade diese oder jene Abgabe zu Geld wurde und kommen zum Kern der Sache. Der Adel hat etwas, das seine Sklaven nicht haben: nehmen wir z.B. das Vulkangestein Obsidian.

Warum der Adel dieses besitzt und das Sklavenvolk nicht, ist einerlei – vielleicht war es ursprünglich Waffenmaterial und ist nun, nachdem der Adel Metalle entdeckt hat, wertlos. Vielleicht hat er es vom unterworfenen Stamm unter anderem als Abgabe verlangt, um mehr Waffen herstellen zu können und es ist nun, nach der Entdeckung von besserem Waffenmaterial, obsolet geworden. Es spielt, wie gesagt, keine Rolle. Eine Rolle spielt nur, was der Adel verkündet.

Da also sprach der Adel: »Ihr habt uns nun Monat für Monat 20 Gramm Obsidian abzuliefern.« Und das Volk fragte: »Aber Herr, wo sollen wir diese Menge Obsidian herbekommen und gleichzeitig unsere Grundbedürfnisse tilgen?« Da sprach der Herr: »Ihr bekommt den Obsidian von uns! Ihr gebt uns eure erzeugten Waren und bekommt dafür von uns Obsidian, den ihr am Monatsende wieder an uns abliefern müsst.« Da sprach das Volk: »Aber Herr, wenn Euch nun unsere Waren nicht munden oder Ihr ihrer überdrüssig seid? Was, wenn unsere Erträge zu gering sind und wir nicht die 20 Gramm Obsidian von Euch bekommen, die wir Euch am Monatsende wieder abliefern müssen?« Da sprach der Herr: »Dann müsst ihr Eure Leistung eben nachträglich erbringen. Ihr leiht euch von unserer Staatsbank den Obsidian und zahlt ihn schließlich mit Zins wieder zurück. Als Pfand für dieses Leihgeschäft bürgt ihr mit eurem Leben.«

Das ist die Geburtsstunde des Geldes! So und nur so funktioniert Geld, vollkommen gleichgültig, ob dieses Warencharakter hat oder auf Papier marschiert. Der Staat verlangt etwas als Abgabe, das er selbst oder eine staatsnahe Organisation gegen Pfand und Verschuldung an das Volk ausgibt. Wer heute 10 Euro in der Hand oder auf seinem Bankkonto hält, dem muss bewusst sein, dass es da draußen jemanden gibt, der diese 10 Euro gegen Verschuldung erschaffen hat und nun Leistung erbringen muss, um seine Verschuldung zu tilgen. Im Prinzip war das Geld bereits erfunden, als Stamm A von Stamm B eine Abgabe verlangte. Es war bloß noch nicht sichtbar. Denn wenn A eine Leistung von B erzwingen kann (Forderung), um ihn im Gegenzug mit Sanktionen (Tod, Schuldknechtschaft, heute Pfändung) zu verschonen bzw. andere Sklavenhalter vom Schuldner fernzuhalten (Verbindlichkeit), dann haben wir das Wesen des Geldes bereits definiert. Es ist immer ein Produkt aus Forderungen und Verbindlichkeiten. Es ist kein Ding, sondern die Sichtbarmachung eines Schuldverhältnisses. In Phase zwei, wo die Abgabe nicht mehr verbraucht, sondern gegen Pfand und Verschuldung wiederverausgabt wird, kommt bloß noch die doppelte Buchführung hinzu.

Dementsprechend ist ein Staatssystem auch IMMER auf die Schere zwischen arm und reich angewiesen. Sie ist überhaupt erst die Basis, damit dieses System funktioniert. Schließlich muss einer für das Geld arbeiten, das ein anderer besitzt. Es kann nicht jeder (Geld-)Adel sein. Nur wenn sich diese Schere zu weit öffnet, kann der Staat durch Rebellion des Fußvolkes ein Problem bekommen – deshalb hat er die Umverteilung geschaffen. Und natürlich muss gehortetes Geld auf der einen Seite stets mit einer Zusatzverschuldung auf der anderen Seite einhergehen, damit alle Forderungen bedienbar gehalten werden können. Wer beispielsweise im Goldstandard Gold hortet, setzt andere Markteilnehmer einem zusätzlichen Verschuldungs- und damit Leistungsdruck aus. Deshalb ist jedes Staatssystem auf eine permanente Zunahme der Gesamtverschuldung angewiesen.

Im Goldstandard ist das Gold in den Kammern der Notenbank auch kein Schatz, wie man sich das gerne vorstellt, sondern bloß das Trägermaterial, das neue Schuldverhältnisse dokumentiert, wenn es ans Publikum geliehen wird (bzw. werden später nur noch Forderungen auf Gold in Papierform ausgegeben). Vordergründig dient das Anhäufen von Gold dem Staat bloß dazu, die Handelsbilanz zwischen den Nationen sichtbar zu machen. Er kann also mit diesem Gold in einer anderen Nation, die auf Basis eines Goldstandards operiert, auf Einkaufstour gehen. Würde der Staat mit diesem Gold im eigenen Land auf Einkaufstour gehen, würde er einen inflationären Impuls setzen, den er durch höhere Steuern wieder neutralisieren müsste. Er hätte damit also nichts gewonnen. Wird dieses Gold aber knapp, weil die Verschuldung des Publikums systemimmanent immer weiter gesteigert werden muss oder fährt der Staat ein permanentes Handelsbilanzdefizit, kommt es zur Abschaffung des Goldstandards. Das System selbst ändert sich dadurch aber nicht. Statt Gold als Trägermaterial kommt eben Papier zum Zug.

Als um 2000 nach Christus immer mehr Verschwörungstheoretiker bemerkten, dass in einem Papiergeldsystem sowohl Bargeld, als auch Giralgeld immer nur gegen Pfand und Verschuldung emittiert werden, sprach der Herr zu seinen Ökonomen: »Erzählt ihnen, dass das im Goldstandard ganz anders war, dann hetzen sie zwar gegen dieses System, schauen aber niemals über den Tellerrand des Machtsystems selbst, in das sie eingebettet sind. Erzählt ihnen, dass Geld ein Tauschmittel ist und man nur den Charakter des Geldes ändern müsste, um die Welt zu heilen. Erst dann, so sagt ihnen, hätten wir wahrhaft freie Märkte.« Da sprachen die Ökonomen: »Aber Herr, das kaufen die uns doch niemals ab. Die müssen doch begreifen, dass man zuerst Überschüsse durch Verschuldung erzwingen muss, bevor diese mit Geld gekauft werden können.« Da sprach der Herr: »Keine Sorge! Wir haben sie ökonomisch so dumm gehalten. Die blicken da nie durch.«

Die riesige Aufgabe der Menschheit in den nächsten Jahrhunderten wird darin bestehen, zu begreifen, dass wir seit mindestens 6000 Jahren in einem Machtsystem leben, das auf ewiges Wachstum, ewige Verschuldung, ewige Umweltverschmutzung, ewige Armut, ewige Kriege, ewigen Terror, ewige Folter, ewige Ausbeutung, ewige Tier-KZs und ewige Hierarchien angewiesen ist und dass jede Demonstration gegen ökonomische Ungleichgewichte, gegen Armut, gegen Extremismus, gegen Ausbeutung, gegen bestialische Tierfolter, gegen den Klimawandel, gegen Kriege, usw. nichts anderes sind als ein Tropfen auf dem heißen Stein, solange wir nicht begriffen haben, dass all das das Wesen des Staates ist, schon immer war und immer sein muss. Diese Erkenntnis wird uns natürlich nicht von selbst kommen. Sie wird über uns hereinbrechen in einer Katastrophe, wie sie die Menschheit noch nie gesehen hat. Generation Schneeflocke wird bald begreifen, dass der Klimawandel ihr geringstes Problem sein wird und dann wird die Welt zwei Alternativen zur Auswahl haben: Überlassen wir das Feld abermals den Soziopathen und bauen erneut Machthierarchien, wo wir am Ende sogar selbst glauben, dass die Gier nach mehr und mehr unseren natürlichen Anlagen entspringt und nicht vielmehr Produkt eines Abgabensystems ist, in dem ständig Bedürfnisse geweckt werden müssen, die zuvor noch nicht da waren - oder wollen wir schlichtweg zufrieden sein.

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