Die größte Krise der Menschheitsgeschichte - der kapitalistische Schlussakt

»Dann öffnen sich die Pforten der Hölle.« Dr. Paul C. Martin

In dem Dreiteiler »Was ist Geld«, habe ich gezeigt, dass Geld kein Tauschmittel, sondern immer und ausnahmslos Schuldentilgungsmittel ist und war. Immer wenn Geld existiert, muss auch zeitgleich eine Schuld dafür offen sein, die mit diesem Geld wieder getilgt werden kann.

Auch wenn die Anhänger der neoklassischen und libertären Esoterik das leugnen, kann diese Tatsache selbst von Laien sehr einfach anhand der realen monetären Prozesse im Alltag nachgeprüft werden: Giralgeld entsteht durch Kreditaufnahme. Dieses Zahlungsmittel hat zuvor noch nicht existiert. Wieder ist also auf der einen Seite eine Schuld offen und auf der anderen Seite das Guthaben, das der Kreditnehmer durch Kauf auf ein anderes Konto überweist. Bargeld wiederum entsteht durch Kreditaufnahme der Geschäftsbanken bei der Zentralbank und verschwindet nach der Tilgung dieser Schuld auch wieder wertlos in den Tresoren der Zentralbank oder wird bei zu starken Abnutzungserscheinungen ersatzlos verbrannt. Erst bei einer neuerlichen Kreditaufnahme wird es aus dem Tresor der Zentralbank geholt oder aber, wenn es zuvor verbrannt wurde, neu gedruckt (das ist der Grund, warum das Bargeld aus Geldautomaten fast immer neu und unverbraucht aussieht).

Auch im Goldstandard wurde mit Gold nicht getauscht, sondern goldgedecktes Bargeld wurde ebenso durch Schuldenaufnahme der Geschäftsbank von der Zentralbank ausgegeben, während die Geschäftsbank, genauso wie im heutigen Papiergeldsystem, Zahlungsmittel »aus dem Nichts«, durch Belastung ihrer Aktivposten geschaffen hat. Der einzige Unterschied zwischen einem Goldstandard und einem Papiergeldsystem ist, dass die Refinanzierungskosten (Leitzins) automatisch steigen, wenn zu viele Menschen ihr Giralgeld in Bargeld ausbezahlt haben wollen, d.h. wenn die Geschäftsbanken zu viel Bargeld von der Zentralbank leihen und deshalb die rechtlich vorgeschriebene Golddeckung unterschritten werden würde. Auch Gold hatte also im Goldstandard keinen Wert an sich, sondern war bloß das Material, das einen Wert transportierte – ebenso wie Papier heute. Schuldenexzesse waren deshalb im Goldstandard nicht möglich. Die Zyklen aus Boom (Inflation) und Bust (Deflation) waren im Goldstandard wesentlich kürzer.

Gold war also, ebenso wie Papiergeld, direkt an die Wirtschaftsleistung gekoppelt, die der Schuldner zur Tilgung seiner Schulden zu erwirtschaften hatte, was Gold eine stabile Kaufkraft bescherte. Heute dagegen, wo der Wert des Gold auf reiner Psychologie, mithin auf Glauben beruht, schwankt sein Preis zwischen 35$ und 850$ bzw. 250$ und 1900$ - mit einer vertrauenswürdigen Währung (die sie eben ohne Schuldner als Counterpart nicht sein kann) hat das nichts mehr zu tun und weil Gold heute keine Leistung erzwingt, wird man mit einer Unze in einer richtigen Krise bestenfalls einen Sack Kartoffeln erwerben können (Gold fällt auf seinen inneren Wert zurück: Schmuckwert, der in einer echten Krise äußerst niedrig ist). Bevor das geschieht, bin ich aber persönlich davon überzeugt, dass Gold und Silber psychologisch getrieben noch neue Preisrekorde knacken werden.

Geld, das nicht durch Schulden entstanden ist und deshalb zu keiner Leistung zwingt, nennen Debitisten »netto-Geld«: Im konventionellen kapitalistischen Geschehen ist das Münzgeld, d.h. die Euro-Münzen, die jeder kennt. Sie werden in ein bereits laufendes Wirtschaftsgeschehen eingestreut und inflationieren die Geldmenge, d.h. sie sind nichts anderes als eine versteckte Steuer, die der Bürger durch Inflation zu zahlen hat. Das Ausmaß der Münzgeld-Schöpfung ist gesetzlich streng limitiert, um inflationäre Exzesse zu vermeiden. Zum netto-Geld zählen ebenso die Monetarisierung von Schuldtiteln durch die Zentralbank und im weiteren Sinne die Staatsverschuldung (der Staat leistet nicht). In Krisensituationen, wenn eine deflationäre Implosion der Schulden droht, ist es das berühmte »Helikoptergeld«, d.h. die Druckerpresse (Direktankauf von Staatsanleihen durch die Zentralbank), die Geld erzeugt, das zu keiner Leistung zwingt und deshalb inflationär wirksam ist.

Wenn Geld aber immer nur eine Urkunde ist, die ein Gläubiger-Schuldner-Verhältnis verbrieft, müsste dann Geld nicht verschwinden, wenn alle Schulden getilgt sind? Ja, genau das ist der Fall und gleichzeitig die Ursache für die kapitalistische Dynamik aus Wirtschaftsboom und Wirtschaftskrise. Schauen wir uns das in unserem heutigen Papiergeldsystem an: Ein Kreditnehmer A nimmt einen Kredit von 300.000 € auf – er schafft damit also eine Menge an Zahlungsmittel, die zuvor noch nicht existiert hat und kauft damit ein Haus. Da er bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Leistung erbracht hat, um seinen Kredit zu tilgen, schaffen diese 300.000 € einen inflationären Impuls im Wirtschaftsraum. Erst wenn der Kreditnehmer Leistung erbringt, um seinen Kredit abzubezahlen, schafft er einen deflationären Impuls, da er der Wirtschaft Waren und Dienstleistungen andient (Angebot). Das ist der Grund für die stabile Kaufkraft kapitalistischer Währungen (wenn man Staatsverschuldung und netto-Geld unberücksichtigt lässt). Stellen wir uns nun vor, der Hausverkäufer würde die 300.000 € auf seinem Girokonto belassen und zwar während der gesamten Laufzeit des Kredits von A. Wo bekommt A nun das (Giral-)Geld her, um seinen Kredit zurückzubezahlen? Natürlich von einem oder mehreren weiteren Kreditnehmern, die insgesamt mehr als 300.000 € Kredit in die Welt setzen (mehr als 300.000 €, weil man den Gewinn des Unternehmens »Geschäftsbank« - den Zins - mitberücksichtigen muss). Wer also seine Forderungen auf Geld am Konto nicht verausgabt und der Wirtschaft zur Verfügung stellt, erzwingt indirekt eine Netto-Neuverschuldung in gleicher Höhe, damit die Kreditnehmer draußen am Markt ihre Kredite bedienbar halten können.

Nun könnte man natürlich einwenden, dass ja niemand dazu gezwungen wird, Kredite aufzunehmen und dass die Pleite einiger Wirtschaftsteilnehmer aufgrund eines zu geringen Angebots an Zahlungsmitteln (basierend auf zu geringer Netto-Neuverschuldung) nun mal zur kapitalistischen Realität dazugehört. Natürlich ist diese Sichtweise legitim, aber was genau geschieht eigentlich, wenn über einen längeren Zeitraum weniger neue Kredite aufgenommen als alte getilgt werden? Werden in Summe mehr Kredite zurückgezahlt als neue Kredite aufgenommen, sinkt natürlich die (Giral-)Geldmenge und wenn die Menge an Geld (ergo Kredit) in einem Wirtschaftsraum sinkt, wertet dieses auf, d.h. es wird wertvoller, was im Umkehrschluss bedeutet, dass die Preise für Waren und Dienstleistungen sinken – alles wird billiger. Dieses Phänomen nennt sich »Deflation« und es führt dazu, dass nicht nur die Waren und Dienstleistungen des täglichen Gebrauchs günstiger werden, sondern auch die Pfänder/Sicherheiten, die von Kreditnehmern für ihren Kredit hinterlegt wurden, was zu Nachforderungen der Bank führen kann – der Kreditnehmer muss also für seinen Kredit nachträglich weitere Sicherheiten stellen, wenn er sich die Exekution sparen will. Auch für Unternehmer ist eine Deflation bitter. Müssen diese doch ihre Waren immer günstiger anbieten, um sie an den Mann bringen zu können, was sich nicht nur negativ auf ihren Gewinn auswirkt, sondern ebenso auf ihre Kredittilgungsverpflichtungen und die Löhne ihrer Mitarbeiter. In einem deflationären Umfeld sinken also das allgemeine Preisniveau und mit ihm die Bewertungen der Sicherheiten für ausstehende Kredite ebenso wie die Einnahmen, um die Kredite bedienbar zu halten, und das Lohnniveau. Das führt zu großflächigen Entlassungswellen. Hinzu kommt, dass in einem deflationären Umfeld »gespartes« Geld erst recht nicht verausgabt wird, da in einem solchen Szenario kaum investiert wird und Geld in einem Umfeld sinkender Preise die beste Anlageform ist.

Es gibt im Kapitalismus also nichts Schlimmeres als eine über die Menge der neu erschaffenen Kredite hinausgehende Kredittilgung, da die Schulden nominal fixiert sind, während die Bewertung der unter den Schulden liegenden Güter variabel ist. So wie sich also ein (inflationärer) Wirtschaftsboom aus sich selbst heraus speist – Konsum, Löhne, Beschäftigungsquote, das Preisniveau und damit die Bewertung der Pfänder steigen in einem sich selbst verstärkenden Regelkreis –, so wirkt auch die Kehrseite des inflationären Booms, der deflationäre Bust, autokatalytisch.

Dieses Faktum lässt sich auch nicht durch ein Bargeldverbot oder das vom IWF vorgeschlagene Schwundgeld austricksen: Die Geldmenge - ergo die Kreditmenge bzw. spiegelbildlich dazu die Guthabenmenge - muss in einem kapitalistischen System mittel- bis langfristig IMMER wachsen. Das ist aber auch dem IWF bewusst, dem es bei diesem Vorschlag bloß darum geht, eine harte Währungsreform durch eine schleichende zu ersetzen.

Wenn sich das Eigentum in der Oberschicht konzentriert und deshalb nicht mehr als Pfand für die Kreditschaffung bei den Leistungsträgern zur Verfügung steht bzw. wenn sich Geldforderungen in der Oberschicht anhäufen, die von der Mittelschicht durch Kredite finanziert werden müssen bzw. auch schlichtweg bei einer Konsumsättigung des Publikums, tritt eine Phase der Überschuldung ein. Sobald sich also die Kreditmenge nicht mehr weiter steigern lässt, ist der kapitalistische Durchlauf beendet und die Krise setzt ein. Im Goldstandard ist dieser Mechanismus vollkommen ident – allein die Kreditmenge lässt sich durch die Golddeckung des Bargeldes nicht ins Unermessliche steigern, weshalb dort die Fallhöhe vor einer Krise um ein Vielfaches kleiner ist, als das in einem Papiergeldsystem der Fall ist. Heute hat der gesamte Westen einen Schuldenturm aus Privat- und Staatsverschuldung aufgebaut, der in der gesamten Geschichte der Menschheit seinesgleichen sucht. Wenngleich der Staat versuchen wird, die Deflation durch ein Öffnen der Netto-Geld-Schleusen zu bekämpfen, wird und muss der Wohlstandsverlust für jedermann gravierend sein.

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