Gibt es Geld, das nicht durch Schulden entstanden ist?

Der folgende Text ist der zweite Teil in unserem Tutorium „Was ist Geld?“. Ich bitte deshalb jeden Interessierten, zuvor unbedingt den ersten Teil durchzunehmen. Dort haben wir gesehen, dass das Einräumen von Kredit durch die Geschäftsbanken nichts mit dem Weiterverleihen von Geld oder Spareinlagen zu tun hat. Wenngleich der Gegenwind unter den Kommentaren stark war, weil man sich das Geschäft der Banken intuitiv anders vorstellt, ändert das nichts an den Tatsachen, wie man auch auf der Homepage der Deutschen Bundesbank nachlesen kann.

Jemanden Kredit einzuräumen, bedeutet nichts anderes, als die gewünschte Summe auf einen Zettel zu schreiben und dem Kreditnehmer zu überreichen. Im modernen Bankensystem ist es ein einfacher Buchungsvorgang. Kreditnehmer A will 100.000 € Kredit und die Bank schreibt ihm die Summe auf dem Konto gut. Diese Gutschrift ist kein Geld! Sie ist ein Anspruch auf Geld, ein Versprechen – mehr nicht. Dafür benötigt sie keinerlei Spareinlagen. Aber – und dieser Punkt wird von Verschwörungstheoretikern gerne übersehen – sie muss die Summe, welche die Bank dem Kreditnehmer gutschreibst, grundsätzlich auftreiben können, z.B. indem sie Vermögenswerte (Sachwerte, Forderungen [d.h. Schuldtitel], etc.) verkauft oder bei der Zentralbank hinterlegt, um dafür Bargeld zu erhalten. Kann sie das nicht, ist die Bank pleite sobald jemand den Betrag in Bargeld (= gesetzliches Zahlungsmittel) ausbezahlt haben möchte.

Das Kreditgeschäft baut also auf Vertrauen auf (Kredit kommt vom Lateinischen credere – »glauben«, »vertrauen«) – auf dem Vertrauen, dass der Kreditgeber die Summe, die er dem Kreditnehmer als Kredit einräumt, auch tatsächlich aufbringen könnte. Staatlich festgelegte Regelwerke, wie die Höhe der Mindestreserve wurden nur eingeführt, weil die Banken zu groß und einflussreich wurden. Die Mindestreserve hat aber nichts mit der Kreditschaffung zu tun und muss deshalb auch keine 100% betragen, wie jene fordern, die den Unterschied zwischen Geldleihe und Kredit nicht kennen. Sie ist nur ein (relativ wirkungsloses) Sicherheitsnetz – mehr nicht. Wenn früher ein Edelmann jemandem Kredit einräumte, brauchte er hierfür keine Mindestreserve oder Ähnliches. Er brauchte nur Vermögenswerte. Kredit als eine Möglichkeit zur Erlangung von Zahlungsmitteln abseits der normalen Geldleihe (A borgt B x€ und will sie zum Termin y zurück) ist nämlich keine neumodische Erscheinung, sondern ein fixer Bestandteil von Gesellschaften, die auf Basis von staatlich garantiertem Eigentum wirtschaften. Kredite sind also bereits für die griechische Antike zweifelsfrei dokumentiert. Wahrscheinlich gab es diese aber bereits vor 4000 Jahren, als der Staat in Mesopotamien zum allerersten Mal Eigentum an die Oberschicht des Staatsvolkes abtrat und sie damit wirtschaften ließ. Die bekannteste Form der Erschaffung von Zahlungsmitteln ist dabei der Wechsel, dessen Wert bei Weitergabe (Zession) vom Aussteller garantiert wird, indem dieser mit seinem Eigentum dafür haftet. Niemand, der einen Wechsel ausstellt, benötigt dafür Spareinlagen!

Gerne wird von Anhängern eines Warengeldstandards argumentiert, dass es dort keine ungedeckten Kredite gab, dass also dort tatsächlich nur Gold verliehen wurde. Das ist aber leider vollkommen falsch. Das Einräumen von Kredit läuft parallel zum tatsächlichen Geldsystem – unabhängig davon, ob dieses auf Papiergeld, oder einem teilgedeckten oder vollgedecktem Goldstandard basiert – und ist eine Möglichkeit zur kurzfristigen Erlangung von Zahlungsmittel. Die Mechanismen zur Schöpfung von Zahlungsmittel sind in beiden Systemen – im Papiergeldsystem, wie auch im Goldstandard – prinzipiell ident, ebenso die Schöpfung von Bargeld durch die Notenbank. Der einzige Unterschied liegt darin, dass der Vermehrung von Bar- und Giralgeld im Goldstandard Grenzen gesetzt waren – nämlich durch die vorhandene Goldmenge der Notenbanken. Ich bin in Mythos V des letzten Artikels darauf eingegangen und will im folgenden Artikel weitere Missverständnisse rund um Geld, Gold und Geschäftsbanken ausräumen.

Mythos VI: Gold ist durch die Leistung gedeckt, die beim Ausgraben aufgebracht werden musste, während Papiergeld völlig ungedeckt ist (»Fiat money«)

Nein, ist es nicht. Die Leistung beim Ausbuddeln von Gold ist für den Markt grundsätzlich einmal irrelevant. Wenn ich heute mit meinen bloßen Händen tagelang das Gras auf einer Wiese ausreiße, hat es dennoch keinen Wert, solange sich niemand findet, der es nachfragt. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis und nicht irgendein »intrinsischer Wert«. Gold wurde im Goldstandard nachgefragt, weil es gesetzliches Zahlungsmittel war und man darin seine Steuern entrichten musste. Eine Wertrelation zum Markt erhält es erst durch den Markt, d.h. durch das schuldengetriebene Vehikel aus Vorfinanzierung (Kredit) und Produktivität, wie wir bald sehen werden. Wäre Gold damals eine x-beliebige Ware gewesen wie heute, hätte auch sein Preis genauso geschwankt wie heute. Und der Preis des Goldes heute basiert auf dem reinen Glauben an seinen Wert. Am Ende ist Gold nämlich nichts anderes als ein relativ unnützes Metall (was nichts über sein Potential zur Preissteigerung aussagt!). Um das besser zu verstehen, widmen wir uns vorerst dem Papiergeldsystem, denn Papiergeld ist mitnichten »ungedeckt«.

Mythos VII: Papiergeld erhält seinen Wert nur durch den Glauben daran

Nein, tut es nicht. Erklären wir das wieder anhand unseres mikroökonomischen Beispiels im ersten Artikel. Privatperson Bianca (»B« wie »Bank«) hat durch Belastung ihrer Vermögenswerte Privatperson Stefan (»S« wie Schuldner) einen Kredit von 10.000 € eingeräumt. Sie hat damit also Zahlungsmittel in die Welt gesetzt, die zuvor noch nicht existiert haben. Damit Stefan seinen Kredit tilgen kann, muss er innerhalb der Laufzeit seines Kredits diese 10.000 € am Markt nachfragen (!). Das bedeutet: Alles Geld (sowohl Giralgeld, aber auch Bargeld – siehe später) im Kapitalismus wird nach seiner Schöpfung durch einen Akt der Verschuldung bereits im annähernd selben Moment nachgefragt (nominal sogar darüber hinaus, wenn man den Zins berücksichtigt), um damit den Kredit tilgen zu können. Das gleiche gilt für Bargeld, das regulär durch Hinterlegung von Pfändern der Geschäftsbank bei der Zentralbank geschaffen wird und zu einem definierten Termin der Zentralbank wieder zurückgezahlt werden muss. Alles Geld im Kapitalismus unterliegt also einem Nachfragezwang! Es entsteht durch ein Kreditgeschäft und muss zur Tilgung des Kredits auch wieder nachgefragt werden. Geld bezahlt im Kapitalismus also immer Schulden. Das bedeutet aber auch, dass Giralgeld und »ungedecktes« Bargeld (Papiergeld) – anders als die Neoklassiker und Anhänger des Goldstandards behaupten – niemals durch einen Vertrauensverlust über Nacht wertlos werden kann. Wie sich eine Hyperinflation tatsächlich warmläuft, ist bitte in der Langfassung nachzulesen.

Mythos VIII: Trotzdem ist Papiergeld ungedeckt

Nein, ist es nicht. Mikroökonomisch würde die Schöpfung und Vernichtung von Geld so aussehen: Der Kreditnehmer Stefan nimmt einen Kredit von 10.000 € auf, geht mit diesem Geld einkaufen und muss schließlich durch Feilbietung von Waren und Dienstleistungen das Geld wieder zurückerlangen, um seinen Kredit bedienen zu können. Danach würde das Geld im Nichts verschwinden, aus dem es kam. Realiter sind es, statistisch gesehen, natürlich nicht dieselben 10.000 €, die nachgefragt werden, sondern es wird das Geld anderer Leute durch das Anbieten von Waren und Dienstleistungen nachgefragt. Diese Betrachtung hat Sprengkraft. Sie zeigt nämlich, dass Geld (Giralgeld oder gesetzliches Zahlungsmittel), sobald es existiert, immer an ein Leistungsversprechen gebunden ist. Der Kreditnehmer Stefan, der erst Zahlungsmittel zusammen mit der Privatperson Bianca (Gläubiger) erzeugt, muss etwas leisten, um für die Tilgung des Kredits das Geld (giral oder bar) wieder am Markt einzusammeln. Und der Markt bewertet seine Leistung, d.h. erst wenn der Kreditnehmer genug Waren und/oder Dienstleistungen am Markt verkauft hat, damit er die zu tilgende Kreditsumme beisammen hat, kann er sich von seiner Schuld befreien. Da Bargeld nur die Sichtbarmachung von Giralgeld gegen Hinterlegung notenbankfähiger Pfänder ist (Vermögenswerte oder Schuldtitel höchster Bonität), gilt dasselbe natürlich auch für Bargeld. Geld ist IMMER an ein Leistungsversprechen gebunden!

Um das nochmals zu verdeutlichen: Der Nachfragezwang nach Zahlungsmittel (Geld oder Giralgeld) gibt diesem zuerst einmal einen grundsätzlichen Wert, aber erst die Leistung, die der Kreditnehmer zu erbringen hat, um seinen Kredit abzubezahlen, ist die Ursache für die Wertstabilität des Geldes, weil das Geld dadurch direkt an das Wirtschaftswachstum in einem kapitalistischen System gekoppelt ist! Geld war und ist immer das Produkt aus Forderungen (aktiv) und Verbindlichkeiten (passiv). Jedem Geldschein und jedem Giralgeld steht damit ein Schuldner gegenüber, welcher der Wirtschaft Waren und Dienstleistungen andienen muss, um seinen Kredit abzubezahlen. Der 10-Euro-Schein erhält seinen Wert also dadurch, dass irgendjemand da draußen Waren und Dienstleistungen im Wert von 10 Euro erwirtschaften muss. Papiergeld ist also mit dem zukünftigen BIP gedeckt. All das war übrigens im Goldstandard exakt dasselbe. Es gibt hier keinen Unterschied. Die zusätzliche Deckung mit Gold verhinderte bloß kreditäre Exzesse, weil die im Kapitalismus (auch im Goldstandard!) zwingend auftretenden Zyklen aus Boom und Bust in kürzeren Intervallen auftraten.

Mythos IX: Es gibt aber werthaltiges Geld, das nicht durch Schulden entstanden ist, wie eben Gold

Nein, gibt es nicht und wir ignorieren hier schon einmal ganz bewusst, dass sich natürlich auch eine Goldmine vorfinanzieren, d.h. Kredit aufnehmen muss, bevor sie Gold im großen Stil abbauen kann. Es gibt Sachwerte und Konsumgüter wie Nahrungsmittel, Baumaterialien oder Bekleidung, die nachgefragt werden müssen, um sich das Überleben zu sichern – das ist aber kein Geld im eigentlichen Sinne. Bevor wir das anhand von Gold veranschaulichen, sollten wir klären, was Geld überhaupt ist. Hierfür verweise ich für Detailfragen auf die Langfassung des vorliegenden Textes. Was wir hier aber in aller Kürze sagen können: Geld ist kein Wert an sich und war es auch noch nie. Geld ist immer an ein Leistungsversprechen in der Zukunft gebunden, wie wir das anhand von Giralgeld oben gesehen haben. Anders könnte es auch nicht wertstabil sein.

Bargeld wird vom Prinzip her genauso generiert: Hierfür tritt die Notenbank als »Kreditgeber« für die Banken auf. Die Banken hinterlegen Schuldtitel (mit Termin) oder Vermögenswerte (gegen eine Rückkaufsvereinbarung, d.h. einen Fälligkeitstermin) bei der Notenbank und bekommen dafür frisch gedrucktes Bargeld im Gegenwert der Sicherheit und keinen Cent mehr. Die Notenbanken wandeln also die von der Geschäftsbank angedienten Pfänder 1:1 in Bargeld um und verlangen dafür Zinsen (die, anders als gern behauptet, wieder an den Staat ausgeschüttet werden). Wie echte Geschäftsbankkredite, haben auch diese Notenbankkredite (die formal keine Kredite, sondern ein Aktivtausch sind, weil die Notenbank nur den Gegenwert der Pfänder in Bargeld umwandelt und damit nicht mit ihrem Vermögen haftet) einen Fälligkeitstermin, an dem das Bargeld wieder zurückbezahlt werden muss. Nach Rückzahlung ist das Bargeld wertlos und verschwindet entweder in den Tresoren der Notenbank oder wird bei zu starken Abnutzungserscheinungen physisch verbrannt. Ebenso verschwindet auch ein zurückbezahlter Kredit aus den Bilanzen der Geschäftsbanken. Diese Beschreibung gilt sowohl für ein Papiergeldsystem, als auch für einen Goldstandard. Es gibt hier keinen prinzipiellen Unterschied (im Goldstandard wurden meist Wechsel bei der Notenbank als Sicherheit hinterlegt).

Nicht das Gold bewertet also die Waren und Dienstleistungen in einem Wirtschaftssystem auf Basis eines Goldstandards, sondern die Wirtschaftsleistung bewertet das Gold. Deshalb war eine Goldwährung auch so wertstabil, während Gold heute – dessen Wert im Gegensatz zum vielgescholtenen »fiat money« tatsächlich nur auf Glauben beruht – wie verrückt im Preis schwankt.

Mythos X: Aber wenn ich zu Zeiten des Goldstandards in einer alten verlassenen Goldmine einen Klumpen Gold am Boden gefunden hätte, dann hätte ich doch einen Wert netto in der Hand?

Leider nicht. Natürlich könnte man mit diesem Klumpen Gold einkaufen gehen (oder es zuvor zu einer Münze umprägen lassen bzw. für goldgedecktes Bargeld bei der Notenbank hinterlegen), d.h. für den Finder des Nuggets würde das keinen Unterschied machen. Das ändert aber nichts daran, dass dieses »Netto-Gold« die übrige Goldmenge inflationiert, weil ja der Wirtschaftsoutput gleich geblieben ist, d.h. dieses Goldnugget wird in eine bereits vorhandene Goldmenge eingestreut und entwertet sie so, weil es nicht – wie echtes Geld – an die Wirtschaftsleistung gekoppelt ist. Man kauft mit diesem Goldnugget (inflationäre Nachfrage), treibt so die Preise in dem Segment, in dem man gekauft hat, erbringt aber im Gegenzug keine Leistung (deflationäres Mehrangebot), die diese Inflation wieder wegfrisst. Es steht also ein Mehr an Gold einem gleichbleibenden Ausschuss an Waren und Dienstleistungen gegenüber. Gold hat also, wie jedes andere, nicht auf Schulden basierende Geld, keinen »intrinsischen Wert«!

Daran erkennt man auch die Absurdität libertärer Gedankenspiele oder völlig falscher Vorstellungen über die Funktionsweise eines Goldstandards, in denen Gold (oder ein Bitcoin, um der Mode zu folgen) als »Wert an sich« irgendwie im Kreis herumgereicht wird, ohne dabei eine Wirtschaftsleistung zu erzwingen, die mit diesem Gold (oder dem Bitcoin) gekauft werden kann. Menschen erwirtschaften kein Surplus, wenn sie nicht dazu gezwungen werden, wie man in allen staatenlosen Gemeinschaften wunderbar beobachten kann und selbst wenn sie eine Mehrleistung über den eigenen Verbrauch hinaus erwirtschaften würden, könnte diese von einem Metall ohne Nutzwert gar nicht bewertet werden.

Mythos XI: Gold war aber schon in vorstaatlicher Zeit ein Tauschmittel und da gab es keine Kredite

Das ist falsch. In vorstaatlicher Zeit gab es weder Geld, noch Märkte, sondern eine solidarische Produktion des Stammes und bestenfalls den Tausch »Ware gegen Ware« zwischen den Stämmen ohne Geld als »Tauschmedium«.

Mythos XII: Mag sein, aber Gold war in einem Staatssystem bereits Geld als es noch kein staatlich garantiertes Eigentum und damit auch keine Kredite gab. Also kann netto-Geld doch einen Wert haben.

Bis hierher haben wir Dinge so erklärt, wie sie tatsächlich sind – losgelöst davon, wie manche VWL-Theoretiker sie gerne hätten. Erst jetzt stoßen wir in fremdes Gebiet vor und knüpfen an die geniale Machttheorie von Paul C. Martin an. Wie konnte dieses Gold denn nach all dem Geschriebenen tatsächlich einen Wert haben? Nach allem, was wir bisher gesehen haben, muss Geld ja immer einem Nachfragezwang unterliegen und gleichzeitig an ein Leistungsversprechen gebunden sein, um Wert zu haben. Wie ist das möglich ohne Kredite?

Wir haben eigentlich im gesamten Text das Pferd von hinten aufgezäumt, denn nun sind wir am Ursprung der Geldentstehung und des Kapitalismus angelangt. Hier schließt sich der Kreis. Hier sehen wir, warum die Geldentstehung immer mit der Staatsentstehung Hand in Hand geht und hier sehen wir, warum Geld und Schuld ein untrennbares Zwillingspärchen sind. Es war die Steuer (Abgabe)! Der Staat erzwang die Lieferung einer Ware (zuerst Nahrungsmittel, später Waffenmetall, dann Edelmetalle) am Monatsende und DESHALB wurde diese Ware zu Geld. Das ist die Schuld »ex nihilo« – die Schuld aus dem Nichts, die Steuer!

Wenn der Staat beispielsweise eine bestimmte Menge Gold am Monatsende gegen die Androhung von Strafe abforderte, dann wurde dieses Gold nachgefragt, ausgegraben und es wurde Leistung erbracht, d.h. gewirtschaftet, um durch das Anbieten von Waren und Dienstleistungen an dieses Gold zu kommen! Die Steuer ist also der Ursprung allen Wirtschaftens! Sie erzwingt einen Surplus, d.h. ein Erwirtschaften eines Überschusses über den eigenen Verbrauch hinaus und dieser Surplus ist der erste, in alten Büchern so genannte »Zinnß«, aus dem sich der uns bekannte Zins und das Gewinnstreben im Kapitalismus ergibt. Fordert der Staat beispielsweise am Monatsende eine Unze Gold pro arbeitenden Staatsbürger ab, dann muss die Goldmine Leistung erbringen, um das Gold zu fördern und das Publikum muss Leistung erbringen, um Waren und Dienstleistungen gegen das Gold zu tauschen. Hier haben wir wieder die eindeutige Relation zwischen der Unze Gold (die für sich allein gesehen keinen Wert über den Schmuckwert hinaus hat) und dem generierten BIP, das notwendig ist, um an eine Unze Gold zu gelangen! Erst das BIP gibt der Unze Gold seinen Wert.

Wie sieht die Verbindung zwischen dem Zinnß (= Steuer), dem Gewinnstreben und dem Zins (der nichts anderes ist als der Gewinn des Unternehmens »Geschäftsbank«) genau aus? Stellen wir uns hierfür vor, jeder Staatsbürger hätte vor dem Start des kapitalistischen Wirtschaftens 10 Unzen Gold netto daheim. Diese 10 Unzen wären de facto wertlos (Schmuckwert und etwaigen Gebrauchswert lassen wir außen vor). Damit der Staat eine Wirtschaftsleistung erzwingen kann, muss er immer mehr Gold abfordern, als die meisten Staatsbürger zum Steuertermin haben würden. Erst dann werden Waren und Dienstleistungen erwirtschaftet, die man mit Gold kaufen kann. In unserem Beispiel, wo alle Staatsbürger dieselbe Menge an Gold besitzen, müsste er mehr als 10 Unzen Gold abfordern, z.B. 11 Unzen, um ein Wirtschaftssystem in Gang zu setzen. Weil nun jeder Staatsbürger ein Surplus erwirtschaften muss, produziert er nicht mehr in einer Solidargemeinschaft, sondern strebt als Wirtschaftssubjekt einen Gewinn oder Zins an.

Mythos XIII: In einem echten libertären System würde Ware gegen Ware getauscht. Kredit gäbe es dort nicht

Wenn man mit dem Wort »libertär« eine anarchistische Kommune ohne Eigentumsbegriff meint, dann ja. Zwar würde dort wohl eher nicht getauscht (nur Tausch zwischen den Kommunen), sondern solidarisch produziert werden, aber Kredite gäbe es dort definitiv nicht. Der Begriff »Eigentum« setzt aber IMMER ein Machtmonopol voraus, das Eigentum garantiert, schützt und die Einhaltung von Verträgen gewährleistet. Auf den Unsinn mancher libertärer Autoren, die von einem Eigentumsbegriff ohne Staat träumen, möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst eingehen. Wichtig ist nur, dass sobald Eigentum existiert, dieses beliehen werden kann. Deshalb gehen Kredit und Eigentum historisch immer Hand in Hand. Die Ironie an der Sache ist, dass ohne den von Libertären so verhassten Staat nicht nur kein von ihnen so geheiligtes Eigentum definierbar ist, sondern dass dieses Eigentum letztlich sogar Ursache und Voraussetzung für die Entstehung des heftig kritisierten privat geschöpften Kredites ist.

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Nein, es gibt kein werthaltiges Geld, das nicht durch Schulden entstanden ist. Geld, auf der einen Seite der Bilanz, muss, gesamtwirtschaftlich betrachtet, immer zwangsläufig mit einer gleich hohen Schuld auf der anderen Seite der Bilanz einhergehen. Alles andere ist Disneyland-VWL. Warum dieses System immer und ausnahmslos scheitern muss, ist bitte der Langfassung zu entnehmen.

In Teil 3 beschäftigen wir uns mit der Machttheorie des Ökonomen Paul C. Martin und der Frage »Was gibt Geld seinen Wert?«

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Thomas Herzig

Thomas Herzig bewertete diesen Eintrag 21.11.2018 23:59:01

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