"Der Lügenäther ist so dicht wie seit den Tagen des Kalten Krieges nicht mehr." Peter Sloterdijk

Den Anstoß zum Schreiben dieses Textes, gab mir der Artikel von G. Szekatsch mit dem Titel Witz der Woche „Umvolkung“ bei Ikea, in dem die Autorin in der ursprünglichen Version behauptete, der Schriftsteller Akif Pirinçci hätte Konzentrationslager für Flüchtlinge gefordert. Nachdem in den Kommentaren jemand fälschlicherweise einwarf, dass Pirinçci ja nicht Flüchtlinge ins KZ deportieren wollte, sondern Politiker, wurde die Autorin unsicher und ließ folgende schwammige Zeile in ihrem Artikel stehen: „Jenem Autor, der auf eine Pegida-Veranstaltung ins Podiums-Mikrofon hinein bedauerte, dass die „KZ’s“ leider schon „außer Betrieb“ wären.“

Es ist Frau Szekatsch gar nicht vorzuwerfen, dass sie tatsächlich glaubt, Pirinçci hätte etwas derart Pietätloses und vor allem Justiziables gesagt, schrieb doch die eine Hälfte der deutschen Medien eben diesen schwammigen Satz mit eindeutigem Flüchtlingskontext, der kognitiv kaum Spielraum zur Interpretation ließ, während die andere Hälfte ganz ungeniert Pirinçci den Wunsch nach Deportation von Flüchtlingen ins Vernichtungslager direkt in den Mund legte. Meine Reaktion damals – als diese Ente durchs mediale Dorf getrieben wurde - bestand aus gelangweiltem Augenrollen für diese offensichtliche Falschmeldung und Mitgefühl für Pirinçci, der nun vor den Scherben seiner beruflichen Existenz stand (was für einige Monate auch tatsächlich so aussah), denn selbstverständlich sagt einem schon die gesunde Menschenkenntnis, dass Pirinçci das nicht gesagt hat. Recherchiert man dann für rund 30 Sekunden, findet man auch schon das Video dazu, aus dem klar hervorgeht, dass Pirinçci mutmaßte, manche Politiker würden es bedauern, dass es keine KZs mehr gebe, in die sie die Kritiker der offenen Grenzen verschleppen könnten. Ein Satz, den man gerade in Zeiten wie diesen - wo ehemalige Stasi-Mitarbeiter mit der Zensur des Internets beauftragt werden, Staat und Medien bei psychischer und physischer Gewalt gegen Andersdenkende einfach wegsehen, Medien die berufliche Existenz anderer irreparabel und geplant vernichten können oder in der europäischen Union ein „Toleranzpapier“ ausgearbeitet wird, das de facto Meinungsdelikte ahnden soll und für Umerziehungsprogramme für Meinungsverbrecher plädiert - für gar nicht so abwegig halten muss.

Da es wohl kaum an der schlechten Recherche fast aller deutschen Medien lag, die Herrn Pirinçci diese Worte in den Mund legten, muss man von einer bewussten Lüge ausgehen. Und ebenso wenig wie Pirinçci Flüchtlinge oder Politiker ins KZ deportieren wollte, verherrlichte Eva Herman den Nationalsozialismus oder den Bau der Autobahnen oder wollte Frauke Petry auf Flüchtlinge schießen lassen (sie plädierte nur für die Beibehaltung des Grenzschutzes, der natürlich in jedem Land und zu jeder Zeit den Waffeneinsatz als Ultima Ratio beinhaltet). All das waren wenige Beispiele offensichtlicher Lügen, die jeder in weniger als einer Minute anhand der Originalaufzeichnungen nachprüfen kann. Und vielleicht sollte ich Frau Szekatsch darauf hinweisen, dass Pirinçci alle Medien, die diese Behauptungen wider besseres Wissen in die Welt setzten, klagte und alle Klagen gewann (mit Gegendarstellungen der betreffenden Medien, die dann aber kaum jemand mehr wahrnahm). Nun erachte ich solche Lügen nicht als Ausnahme, sondern als die Regel. Wenn, um das aktuellste Thema aufzugreifen, Flüchtlinge besser gebildet sind als Einheimische, sie die Wirtschaft ankurbeln und die Renten zahlen oder sich die Kriminalitätsrate durch den Flüchtlingsstrom nicht erhöht hat, dann sind das eindeutig Lügen, die keiner wissenschaftlichen Untersuchung standhalten, ja nicht einmal einer einstündigen Recherche durch eine Privatperson.

Daneben gibt es die milden Lügen, die durch das Auslassen der Wahrheit oder eine einseitige, ideologisch gefärbte Berichterstattung glänzen. Natürlich veröffentlicht die mainstream-Presse auch dann und wann Artikel, die nicht der Blattlinie entsprechen, um später darauf hinweisen zu können, dass ja darüber berichtet wurde. Diese Meldungen sind aber stets Eintagsfliegen, die im Meer ideologischer Gleichschaltung untergehen und nie aufgebauscht werden (weshalb man sie tlw. auch hier verlinken kann, da Alternativmedien bei "Gebildeten" ja pauschal als unseriös gelten). Bei all dem Tatendrang, einzelne Falschmeldungen zu sammeln und zu kommentieren, kann es allerdings leicht geschehen, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht, denn natürlich schützen westliche Medien die Interessen des Westens. Dafür sorgen bereits Nachrichtenagenturen, die vorab Nachrichten filtern bzw. Tabuthemen gar nicht erst recherchieren.

Sie werden in einem westlichen Medium nie Interviews mit weltlichen oder geistlichen Führern lesen, deren Organisation oder Staat auf der Abschussliste des Imperiums stehen – sind doch, im Gegenteil, die Medien Teil der Kampagne, um vor Militärinterventionen die Bevölkerung auf Linie zu bringen. Nie haben sie während spannungsgeladener Zeiten ein Interview mit einem Taliban-Führer, einem Al Kaida-Führer, mit Saddam Husein, Muammar al-Gaddafi, Baschar al-Assad oder Wiktor Janukowytsch gelesen. Diese Leute hätten durch die Bank Interessantes zu erzählen gehabt, das unsere Selbsteinschätzung, Teil der Guten zu sein, gehörig auf die Probe gestellt hätte. Dasselbe gilt natürlich auch für alle Kriege und medialen Kriegsvorbereitungen vor 9/11 und für alle Zukünftigen. Natürlich ist das kein Spezifikum der westlichen Medien, sondern ein Charakteristikum großer Medienkonzerne auf der ganzen Welt, die eben nur deshalb groß werden durften, weil sie eng mit Eliten und Lobbygruppen verflochten sind.

Historisch Interessierten wird dabei auch schnell auffallen, dass beispielsweise eine Diskussion über das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Massenvernichtungswaffen vor bzw. während des Irak-Krieges - direkt nach dem offensichtlich wichtigeren Afghanistan-Krieg, der nach 9/11 interessanterweise keiner Planung bedurfte - einer fürs Volk zugeschnittenen Berichterstattung genügt. Qualitätsmedien – die es bei großen Verlagshäusern noch nie gab – würden nüchtern die geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen der USA darlegen, die noch jedes Imperium in der Geschichte der Menschheit wahrgenommen hat. Wurde darüber aber jemals vor einem Krieg berichtet?

Wenn in der Ukraine sich eine Großdemonstration gegen ein Abkommen erhebt, von dem die überwiegende Mehrheit nicht einmal weiß, dass es existiert und diese dann zufällig von bewaffneten Neonazis und schießwütigen Scharfschützen infiltriert wird, dann müssten bei jedem investigativ arbeitenden Journalisten sämtliche Alarmglocken schrillen. Das tun sie aber nicht und natürlich könnte man das auf die große Anzahl von Studienabbrechern und Soziologie-Studenten im Journalismus zurückführen. Wenn aber die USA Assad androhen, dass er beim Einsatz von Giftgas gegen die eigene Bevölkerung eine rote Linie überschreitet, d.h. einen Krieg gegen das Imperium provoziert, den er allein unmöglich gewinnen kann und Assad daraufhin UN-Inspektoren zur Selbstkontrolle ins Land lässt und es dann zu einem Giftgas-Anschlag kommt, nur wenige Kilometer von den UN-Inspektoren entfernt, für den dann Assad verantwortlich gemacht wird, dann sind wir endgültig in Disneyland angelangt. Dieses Niveau dürfte selbst die Redaktion des einen oder anderen Blattes leicht erröten lassen, denn anders ist es nicht zu erklären, dass „Die Welt“ als einziges deutsches Blatt, vor wenigen Tagen, also Jahre danach, die Unschuld Assads ganz beiläufig und mit einer unverfrorenen Selbstverständlichkeit in einem Bericht über Syrien versteckt.

Wer also den Begriff „Lügenpresse“ in den Mund nimmt, suggeriert damit, dass es so etwas wie nicht interessensgesteuerte Medien jemals gegeben hätte. Große Medienverlage waren und sind stets nur der verlängerte Arm der Geld- und Wirtschaftsinteressen einer imperialen Macht, verschiedenster Lobby-Organisationen oder das Privathobby geldaristokratischer Zirkel zur Gestaltung der Welt. Manche Medienhäuser schreiben die ideologischen Grundsätze als Voraussetzung für angehende Journalisten sogar offen auf ihrer Homepage aus. Das Missverständnis, dass Medien erst seit den letzten 15 Jahren, spätestens aber seit dem Ukraine-Konflikt oder gar erst seit der Asylkrise ihrer Leserschaft keinen reinen Wein mehr einschenken, beruht darauf, dass sich Journalisten einerseits in wirtschaftlich guten und vor allem einfachen Zeiten mit klarem Freund-Feind-Schema, wesentlich mehr herausnehmen können, als in Zeiten, in denen es ums Ganze geht und dass es auf der anderen Seite in prosperierenden Phasen auch keinen besonders kritischen Blick der Leserschaft gibt.

Medien schützen Interessen und das tun sie so lange, bis es nicht mehr anders geht (beispielsweise bei Veröffentlichung von wikileaks-Dokumenten oder Snowden-Beichten, die für Interessierte selten Neuigkeitswert haben). Deshalb dürfen sie arbeiten ohne durch Politik und Geheimdienste ständig in ihrer Existenz bedroht zu werden. Wer das bezweifelt, wird noch große Augen machen, wenn die sterbenden Print-Medien bald durch Steuergelder am Leben erhalten werden. Denn die Hofberichterstattung ist – um eine große Amerikanerin zu zitieren: "Alternativlos"!

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