Ökonomischer Wachstumszwang und der Kampf gegen den Klimawandel - Die Quadratur des Kreises

Ich war überrascht zu sehen, dass doch einige Medien Herrn Binswanger und seinem Buch »Der Wachstumszwang: Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben« zumindest für einen Tag breiten Raum zugestanden. Obwohl ich Binswangers Buch nicht gelesen habe, gehe ich, in Hinblick dessen was ich bisher über sein Werk aufgeschnappt habe, davon aus, dass seine Analyse Hand und Fuß hat. Skeptisch werde ich hingegen, wenn davon die Rede ist, dass Herr Binswanger die Ursachen für diesen Wachstumszwang ausgemacht haben will, denn bisher habe ich nur von den Symptomen gelesen. Der Ursprung dieses fatalen Systems liegt nämlich mindestens 6000 Jahre in der Vergangenheit.

Rund 300.000 Jahre gibt es nun den modernen Menschen und alles was er in dieser Zeit an Innovation hervorgebracht bzw. entdeckt hat, war die gesprochene Sprache (die sich, darauf deuten zahlreiche Ergebnisse der modernen Forschung der letzten 10 Jahre hin, bloß der bereits vorhandenen Sprachzentren im Gehirn bemächtigen musste, welche eine Gebärdensprache als Vorläufer hervorgebracht hat), bessere Werkzeuge und Waffen als seine Vorgänger und im Neolithikum den Ackerbau und die Viehzucht. Und auf diesem Niveau verharren auch heute noch die wenigen Stämme, die sich dem Genozid durch Staaten und Konzerne bisher entziehen konnten.

Es stellt sich also die berechtigte Frage, warum Menschen in Stämmen, die weder Märkte, noch Geld kennen und wie eine Großfamilie in einer Solidargemeinschaft produzieren (es verhungern entweder alle oder keiner), offenbar – geht es nach der Entenhausen-Ökonomie der Neoklassik, die den Markt als Befriediger menschlicher Bedürfnisse sieht – nicht dieselben Bedürfnisse haben, wie der Bürger eines Staates. Wie kam es dazu, dass es zeitgleich mit der Entstehung des Staates vor rund 6000 Jahren zu einer regelrechten Explosion der Innovationskraft kam, die bis heute anhält und uns dennoch keinen Deut glücklicher machte? Wie ist es möglich, dass Stammesmitglieder tatsächlich nachhaltig leben, während der Mensch der Zivilisation den Hals nicht voll kriegt? Ist es vielleicht eher so, dass der Markt eben nicht Bedürfnisse befriedigt, sondern erst weckt? Aber wie kommt es dazu?

Um diese Fragen zufriedenstellend zu beantworten ist es – zum Leidwesen mancher Leser meiner Artikel – wieder unumgänglich sich das Wesen von Machtsystemen bewusst zu machen, wie es von dem genialen Ökonomen Dr. Paul C. Martin beschrieben wurde. Es gibt in den kommenden Jahrhunderten der Menschheitsgeschichte keine – und ich betone es noch einmal – KEINE WICHTIGERE AUFGABE, als die Ergründung folgender zwei Fragen: »Was ist das Wesen des Staates?« und »Was ist das Wesen des Geldes?«. Erst wenn die Antworten darauf zum selbstverständlichen Allgemeinwissen im Volk werden, können neue Weichen gestellt werden mit Konsequenzen, die man mindestens mit der neolithischen Revolution 10.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung vergleichen muss.

Ich werde hierfür nicht tiefer in die Materie eindringen als notwendig. Detailfragen können in meinen anderen Artikeln nachgelesen werden.

1. Der Staat ist ein Abgabensystem, d.h. es gibt die staatliche Elite, die Steuerforderungen in ihren Händen hält, die von der Bevölkerung in Form von Überschüssen erwirtschaftet werden müssen und es gibt die privaten Geldmächte, die Geldforderungen in ihren Händen halten, die ebenfalls von der Bevölkerung in Form von Überschüssen erwirtschaftet werden müssen.

2. Geld ist IMMER die Sichtbarmachung von Forderungen und Verbindlichkeiten, d.h. Geld ist kein Ding, sondern ein Versprechen auf Arbeitsleistung in der Zukunft. Am Guthaben auf dem Konto von Person A hängt immer ein Schuldner, der dafür Waren und Dienstleistungen im Gegenwert des Geldes (Marktwert) erwirtschaften muss, die dann mit Geld gekauft werden können. Dem Geldvermögen des Geldadels stehen also immer Schulden auf Seite der Mittel- und Unterschicht gegenüber, völlig gleichgültig, ob wir es mit einem Papier- oder einem Warengeldstandard zu tun haben.

3. Der Staat verlangt etwas als Steuer, das NUR ER gegen Pfand und Verschuldung ausgeben kann. Er verlangt beispielsweise Gold am Monatsende als Abgabe, das nun seinerseits vom Staat bzw. unabhängigen Staatsorganisationen (die nie privat sind! Auch die Fed ist, entgegen anderslautender Irrtümer in Verschwörungskreisen nicht privat!) gegen Verschuldung geliehen werden muss. Geld muss immer gegen Pfand und Verschuldung emittiert werden, weil es sonst keine Leistung (Überschuss) erzwingt, die dem Geld erst den Wert gibt. Das war in der fortgeschrittenen Staatenhistorie in Mesopotamien nicht anders als im klassischen Goldstandard oder im Papiergeldsystem heute. Wer glaubt, dass im Goldstandard Gold als netto-Gut im Kreis zirkulierte, ist leider auf die Staatspropaganda der angeblich libertären »Staatsfeinde« hereingefallen. Wäre Gold nicht durch Verschuldung emittiert worden, hätte es logischerweise auch nichts kaufen können, weil es ohne Schuldner als Counterpart, der erst einen Gegenwert in Form von Waren und Dienstleistungen zu erwirtschaften hat, um seine Schuld zu tilgen, nichts zu kaufen gegeben hätte. Das ist auch der fundamentale Unterschied zu einer Stammesgemeinschaft: Dort werden keine Überschüsse erwirtschaftet, sondern auf Subsistenzbasis produziert. Wer dort mit Gold antanzt um etwas zu »kaufen«, wird bestenfalls ausgelacht. Die Mär von Geld als universelles Tauschmittel zur Vereinfachung von Tauschvorgängen hat sicher ihre Berechtigung, wenn Kinder unter 12 Jahren danach fragen, was Geld ist. Jugendlichen aber ist die Wahrheit zuzumuten: Geld ist ein Staatsderivat – eine Forderung auf eine erzwungene Leistung. Der eine hat Geld, der andere arbeitet für dessen Gegenwert.

Was hat das nun mit dem Wachstumszwang zu tun? Wir überspringen mehrere Phasen der Gewalthistorie des Staates und finden uns dort ein, wo sich der Machtkreislauf bereits voll ausgebildet hat: In Mesopotamien mit der Tempelbank, im klassischen Goldstandard mit dem staatlichen Geldmonopol bis zum, von der Notenbank herausgegebenen Papiergeld heute – es ist immer derselbe Ablauf. Um den Unsinn von Gold bzw. Geld als Wert an sich aus den Köpfen zu bekommen, nennen wir das Steuertilgungsmittel fortan einfach »Wernick«, die Währung auf ALFs Heimatplanet. Der Staat verlangt nun 10 Wernick von jedem Staatsbürger am Monatsende, gleichzeitig hat der Staat die Herausgabe von Wernick monopolisiert. Der Staatsbürger muss sich also die 10 Wernick von der staatlichen Bank leihen und sie schließlich durch den Verkauf von Waren und Dienstleistungen soweit vermehren, dass er:

a) Seine 10 Wernick der Staatsbank – sagen wir der Einfachheit halber am Monatsende - wieder zurückzahlen kann (den Zins, der stets für alles Übel dieser Welt verantwortlich gemacht wird und doch nur ein Derivat der Steuer ist, ignorieren wir hier bewusst).

b) Dem Staat weitere 10 Wernick als Steuer abtreten kann

c) Seine eigenen Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, Wohnen, Kleidung) befriedigen kann.

Wenn also jemand alle drei Punkte erledigt hat, bedeutet das auch, dass er jemand anderen mindestens 10 Wernick abgenommen hat, die diesem nun zur Begleichung seiner Staatsbank-Schulden oder Steuerschulden fehlen. Irgendjemand steht also beim Staat in der Kreide. Wie kommt er da wieder raus? Indem er sich von der Staatsbank Geld borgt und nun versucht, noch härter und noch länger zu arbeiten, um in der nächsten Runde nicht der Verlierer zu sein, sondern einem anderen die Wernick abzunehmen. Oder er leiht sich noch mehr Wernick, um eine technische Innovation vorzufinanzieren, mit der er zukünftig noch leichter an die Wernick kommt, die folgerichtig jemand anderen fehlen müssen, der nun seinerseits unter Zugzwang kommt, sprich: Länger arbeiten, härter arbeiten, technische Innovationen hervorbringen, usw. Jedem gehorteten Wernick eines vermögenden Staatsbürger stehen schließlich Schulden eines anderen Staatsbürger gegenüber und so dreht sich das Karussell des ewigen Wachstums von dem Zeitpunkt an, wo der Staat im Spiel ist. Und noch ein wichtiger Punkt leuchtet heraus: Der Markt ist nach jeder Runde, in der die Menschen nicht verhungert sind (dafür sorgt der Staat, indem er sein Kapital - kurz bevor es wertlos wird, d.h. verhungert - durch Sozialleistungen wieder aufpäppelt, um es wieder zum Arbeiten anzutreiben oder zumindest in die Schuldsklaverei verkaufen zu können), im Prinzip gesättigt. Aber das sich sofort einstellende Ungleichgewicht zwischen jenen, die mehr Wernick anhäufen konnten, die dem anderen folgerichtig fehlen und ihn damit tiefer in die Verschuldung bzw. den Leistungszwang hineindrängen, sorgt dafür, dass ständig Bedürfnisse geweckt werden müssen, die zuvor noch nicht da waren. Nur so schafft es der Schuldner oder der Unternehmer im Spiel zu bleiben und die Leute zu Schulden zu verführen, um diese zu verkonsumieren.

Der Markt ist also kein freiwilliger Tauschmarkt, sondern ein erzwungener Kampf des Staates, um den Machtkreislauf aufrechtzuerhalten! Und das ist es, was kaum jemand sehen will – auch Binswanger nicht, der erst die Symptome (Profite, die zu erwirtschaften sind bzw. Forderungen, die in Zukunft fällig werden) als Ursache ausmacht.

Und damit schwenken wir auch zum Klimawandel. Ob der CO2-Austoß nun einen Einfluss auf das Klima der Erde hat (wovon ich persönlich ausgehe) oder nicht, ist vollkommen gleichgültig. Ein System, das auf ewiges Wachstum angewiesen ist und nach billiger Energie giert, wird jeden Tropfen an fossiler Energie aufbrauchen, der einen günstigeren EROI-Wert aufweist als erneuerbare Energien (und das wird noch lange so bleiben). Während der Westen jedes einzelne Prozent an CO2-Einsparung als Sieg gegen den Klimwandel hochstilisiert, hat sich der CO2-Austoß allein von China seit den 70ern verzehnfacht (!) bzw. seit 2000 verdreifacht und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Deshalb sollte man auch nicht so naiv sein und glauben, dass es bei diesem hochgezogenen Popanz des Klimawandels tatsächlich um den Klimwandel geht. Wenn die Prognosen richtig sind, dann wird dieser auch eintreten. Man sollte sich eher die Frage stellen, was hinter diesem global propagierten Schreckgespenst steht. Neben der offensichtlichen Sache – nämlich Peak Öl und geopolitischen Interessen, wie dem Aushungern von Ländern die ohne ihre Ölreserven an ihrer eigenen wissenschaftsfeindlichen Ideologie zerschellen würden, geht es hier meiner Meinung nach primär - nach dem Zeitalter der billigen Energie - um die langsame Eingewöhnung der Bevölkerung auf ein radikal von oben reglementiertes Leben auf einem wesentlich (!) niedrigeren Niveau und darüber hinaus um die Dominanz einer Elite, die durch das Monopol auf die CO2-Ausstossrechte globale Bevölkerungspolitik auf einem überbevölkerten Planeten betreiben will, das Heraufbeschwören eines gemeinsamen äußeren Feindes, der eine entnationalisierte Welt, in welcher der Krieg um Öl zum Erliegen kommt, zusammenschweißen soll und eine Substituierung der Rüstungsindustrie, die im Falle einer durchautomatisierten, vollrobotisierten Welt der künstlichen Intelligenz, die den Staat eigentlich obsolet machen würde, genügend Verschwendungspotential besitzt, um die Schere zwischen Macht und Ohnmacht aufrechterhalten zu können.

Ob dieses Vorhaben auch gelingt? Nein, denn dafür herrscht auch in elitären Kreisen zu wenig Ahnung zum Thema Wachstumszwang, irreduzible Komplexität und Thermodynamik. Es scheint eher so zu sein, dass nach einer kommenden, jahrhundertelangen Ära der Katastrophen auch der Staatszyklus zu seinem Ende kommen wird und der Planet endlich wieder aufatmen darf.

https://pixabay.com/de/illustrations/sonnenaufgang-raum-weltraum-globus-1756274/

10
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
5 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Spinnchen

Spinnchen bewertete diesen Eintrag 28.07.2019 18:31:53

Walter Kellner

Walter Kellner bewertete diesen Eintrag 28.07.2019 16:12:02

Claudia56

Claudia56 bewertete diesen Eintrag 28.07.2019 13:05:41

philip.blake

philip.blake bewertete diesen Eintrag 27.07.2019 19:03:21

Matt Elger

Matt Elger bewertete diesen Eintrag 27.07.2019 16:45:43

pirandello

pirandello bewertete diesen Eintrag 27.07.2019 14:24:17

T Rex

T Rex bewertete diesen Eintrag 27.07.2019 12:31:11

invalidenturm

invalidenturm bewertete diesen Eintrag 27.07.2019 01:55:04

Zauberloewin

Zauberloewin bewertete diesen Eintrag 26.07.2019 15:48:21

Thomas Herzig

Thomas Herzig bewertete diesen Eintrag 26.07.2019 11:47:01

69 Kommentare

Mehr von Stefan Gruber