Im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen

© Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen/Gvoon http://www.stiftung-hsh.de

Die Wände sind wärmer als erwartet, inzwischen gibt es hier eine Heizung, es riecht muffig und eine bedrückende Stimmung macht sich breit, als wir das „U-Boot“ mit 68 Zellen des ehemaligen Stasi-Knasts betreten. Michael Bradler, Führer des Nachmittags, zeigt auf eine schätzungsweise sechs Quadratmeter große Zelle und brummt nüchtern „Hier sehen Sie eine Zelle für ein bis zwölf Personen“.

„Ein bis zwei?“

„Nein, ein bis zwölf!“

„Uff.“

Das „U-Boot“ des Stasi-Gefängnisses blieb jahrelang, selbst nach dem Fall der Mauer unentdeckt. Dieser Bereich des Gefängnisses diente dazu die Gefangenen physisch zu foltern und ihnen Geständnisse zu entlocken. Unter Schlafentzug, auf engstem Raum gepfercht, ohne Freigang, frische Luft und Sonnenlicht knickten hier die meisten Gefangenen nach kurzer Zeit ein und gaben Taten zu, die sie nie begannen hatten.

Michael Bradler wirkt zunächst unsympathisch. Er macht Sprüche, die ich aufgrund der Geschehnisse an diesem Ort nicht nachvollziehen kann. Oft sind es kleine Randbemerkungen, wie zur Zellengröße, als ganz nüchtern sagte wie viele Menschen in der Zelle lebten. Mein Bild über seine Person ändert sich plötzlich, als wir den Neubau erreichen.

103 Zellen und 120 Vernehmensbüros wurden für die „operative Psychologie“ genutzt. Im Vergleich zum „U-Boot“ wurde hier keine Gewalt mehr angewendet, sondern es wurde versucht in den Kopf der Gefangenen einzudringen, um ihnen Informationen zu entlocken. Umgesetzt wurde dies durch drei Faktoren: Desorientierung, Isolation und Zeit. Wenig später zeigt uns Michael seine Zelle 119. Er war der Gefangene 119/1, der in diesem Gefängnis, das wir uns an diesem regnerischen Karfreitag in aller Seelenruhe ohne den Hauch jeglicher Angst ansehen, zehn Monate lang saß.

Zwar hatte ich gehört, dass die Führungen hier durch Zeitzeugen durchgeführt werden, aber da Micha, wie ihn die Kollegen hier nennen, zu keinem Zeitpunkt darüber sprach, hatte ich den Gedanken verworfen. Jetzt dämmern mir seine Bemerkungen und Aussagen. Ich sah sie fortan nicht mehr als Spöttelei, sondern als Unverständnis über die Geschehnisse vor Ort. Meine Atmung beschleunigt sich. Ich bin aufgeregt. Hunderte von Fragen schießen mir in den Kopf. Wer war Michael in der Vergangenheit und wie kam er an diesen Ort?

„Ick habe meine Verhaftung provoziert. Ich bin freiweillig in das Gefängnis gegangen, um durch das Gefängnis aus der DDR rauszukommen. Zwischen 61 und 89 gabs diesen Häftlingsfreikauf. Das heißt, wer im Gefängnis der DDR saß, konnte aus dem Gefängnis von der BRD freigekauft werden. Ich hatte 82, respektive 81, davon gehört und habe dann meine Verhaftung provoziert. Ich war damals 20, hab´ meinen Ausweis genommen, bin zu einem Grenzübergang gegangen zwischen Ost- und West-Berlin. Das war an der Sonnenallee in Treptow. Ich hab´ da meinen Ausweis hingelegt und habe gesagt: Ich möchte ausreisen. Daraufhin bin ich dann verhaftet worden. Denn mir etwas nachzuweisen war nicht weiter schwierig. Ich bin dann fünf Monate später, im Mai 83, in einem ehemaligen Geheimprozess verurteilt worden wegen landesverräterischer Agententätigkeiten. Das Ganze zu einem Jahr und vier Monaten Haft. Ich habe davon zehn Monate denn gesessen und bin dann von der Bundesrepublik freigekauft worden. Bei mir lief es gut. Ich habe zehn Monate gesessen und bin dann freigekauft worden. Es hätte auch anders ausgehen können.“ führt Micha aus, während er in der Tür zum Neubau des Gefängnisses steht und seine Geschichte erzählt.

Über 16 Jahre lang lebte ich nur 1,5 Kilometer von der heutigen Gedenkstätte Hohenschönhausen entfernt. Nie zuvor hatte ich diesen Ort besucht. Zwar wurde ich noch in der ehemaligen DDR geboren, aber da vier Monate nach meiner Geburt schon die Mauer fiel, habe ich keine Erinnerungen an das geteilte Deutschland. Es ist ein Teil deutscher Geschichte, der durch Zeitzeugen erlebbar wird. In dem Moment, als ich erfuhr, dass Michael hier gesessen hatte, hörte ich ihm ganz anders zu und war glücklich darüber die Historie des Gefängnisses aus erster Hand zu erfahren.

Wie lange wird das noch möglich sein und was tun wir gegen das Vergessen? Einen kleinen Beitrag kann eine Spende an den Förderverein der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen leisten.

Förderverein Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

IBAN DE95 100500000190205741

BIC BELADEBEXXX

Wer mehr über Michael Bradler und sein Leben zwischen Ost- und West-Deutschland erfahren möchte, der kann auf seiner Website sein Buch „Ich wollte doch nicht an der Mauer erschossen werden“ bestellen.

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